Europäischer Wolfsbarsch – Zyperns silberner König

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Wer in Zypern schon einmal in einer Taverne am Meer saß und den Fisch des Tages bestellt hat, hatte gute Chancen, genau diesen Fisch auf dem Teller zu bekommen – im Ganzen serviert, glänzend, duftend nach Zitrone und Olivenöl: Λαβράκι, lavraki.

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Im gesamten Mittelmeerraum gehört er zu den bekanntesten und beliebtesten Speisefischen. Hinter seiner schlichten, eleganten Erscheinung steckt jedoch eine erstaunliche Geschichte – eine Geschichte von uralten Meeren, moderner Wissenschaft und einer Insel, die sich diesen Fisch ganz zu eigen gemacht hat.

Ein Fisch mit vielen Namen – und doch immer derselbe

Der Europäische Wolfsbarsch (Dicentrarchus labrax) gehört zur Familie der Moronidae, einer kleinen und exklusiven Gruppe, die als gemäßigte Barsche bekannt ist. Diese Familie umfasst nur sechs Arten, die in den gemäßigten Gewässern der Nordhalbkugel vorkommen. Man könnte sagen: die feinen Aristokraten unter den Fischen. Nicht so auffällig wie ein Thunfisch, nicht so bescheiden wie eine Sardine, sondern still, elegant und ausgesprochen gut in dem, was sie tun.

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In Zypern und in der gesamten griechischsprachigen Welt kennt man diesen Fisch schlicht als lavraki – λαβράκι. Der Name klingt vertraut, nahbar und weckt sofort Gedanken an gutes Essen. In anderen Teilen Europas tritt er unter anderen Namen auf: in Italien als branzino, in Spanien als lubina, in Frankreich als loup de mer und in der Türkei als levrek. Jeder Name erzählt etwas über die Beziehung einer Kultur zu diesem großartigen Fisch. In Zypern heißt er einfach lavraki – und das sagt schon alles.

Uralte Gewässer, uralter Fisch

Der Wolfsbarsch schwimmt schon seit sehr langer Zeit durch das Mittelmeer – lange bevor Menschen ihm überhaupt einen Namen gaben. Seine Geschichte ist eng mit der Geologie dieses Meeres verbunden, das entstand, als sich der uralte Tethys-Ozean nach und nach schloss, Kontinente verschob und das warme, weitgehend abgeschlossene Becken formte, das wir heute kennen.

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Wissenschaftlich beschrieben wurde der Europäische Wolfsbarsch erstmals 1758 vom schwedischen Zoologen Carl von Linné in seinem bahnbrechenden Werk Systema Naturae. Damals gab er ihm den Namen Perca labrax. Nach Jahrhunderten wissenschaftlicher Neubewertungen setzte sich schließlich 1987 der heute anerkannte Name Dicentrarchus labrax durch. Selbst dieser wissenschaftliche Name trägt ein Echo der Antike in sich: Dicentrarchus leitet sich von den griechischen Wörtern di (zwei), kentron (Stachel) und archos (After) ab – ein Hinweis auf die zwei Stacheln nahe der hinteren Flosse des Fisches. Ein Detail, das wohl nur einen Naturforscher wirklich begeistern konnte.

Schon die alten Griechen und Römer kannten diesen Fisch sehr gut. Er wurde auf den Märkten von Athen und Alexandria verkauft, bei römischen Festmahlen geschätzt und in Texten zur mediterranen Küche erwähnt, die mehr als zweitausend Jahre zurückreichen. Zypern lag an den Handelswegen zwischen Griechenland, der Levante und Ägypten – und war mit diesem begehrten Fang bestens vertraut.

Silberne Flanken und ein wacher Kopf

Auf den ersten Blick wirkt das lavraki schlicht und elegant. Es hat silberne Seiten und einen weißen Bauch. Jungfische tragen auf Rücken und Flanken schwarze Flecken, was leicht zu Verwechslungen mit der verwandten Art Dicentrarchus punctatus führen kann. Auch das Operculum – die knöcherne Kiemenabdeckung – ist gezähnt und mit Stacheln versehen.

Der Fisch kann über 103 cm lang und bis zu 12 kg schwer werden, auch wenn Exemplare von etwa 50 cm deutlich häufiger sind. Er lebt hauptsächlich im Meer, zeigt aber eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit und zieht in den wärmeren Monaten auch in Flussmündungen, Lagunen und Ästuare. Als Räuber ist er schnell, aufmerksam und sehr bewusst in seiner Umgebung unterwegs. Angler, die gezielt auf ihn fischen, sprechen mit fast schon ehrfürchtigem Respekt von ihm – als klug, vorsichtig und schwer zu täuschen.

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Im Griechischen wird das Wort lavraki von Journalisten sogar als Bezeichnung für eine exklusive, besonders wertvolle Story verwendet – ein kultureller Hinweis darauf, wie viel Glück man braucht, um eines zu erwischen. Dieses Bild sagt viel darüber aus, wie der Fisch wahrgenommen wird: besonders genug, um als kleiner Gewinn zu gelten, und zugleich vertraut genug, um auf fast jeder Speisekarte in der Taverne zu stehen.

Fünf Dinge, die Sie überraschen könnten

  • Der Name ist tatsächlich ganz wörtlich anatomisch gemeint. Die Gattungsbezeichnung Dicentrarchus lässt sich aus dem Griechischen sinngemäß als “Fisch mit zwei After-Stacheln” übersetzen. Linné war, wenn schon, dann sehr genau.
  • Er kann bis zu 30 Jahre alt werden. Wilde Wolfsbarsche wachsen langsam und leben lange – genau deshalb ist Überfischung ein echtes Problem. Ein großes Wildexemplar an einem zyprischen Riff kann durchaus älter sein als der Teenager, der es beim Schnorcheln entdeckt.
  • Es gibt zwei genetisch klar unterscheidbare Populationen. Die eine lebt im Nordostatlantik, die andere im westlichen Mittelmeer. Die Fische, denen man in Zypern begegnet, gehören also zu einer Linie, die durch Millionen Jahre der Trennung geprägt wurde.
  • In zyprischen Gewässern wurden entkommene Zuchtfische nachgewiesen. Eine wissenschaftliche Studie bestätigte, dass Wolfsbarsche aus Aquakulturkäfigen nach ihrer Flucht vor Zypern in freier Wildbahn überleben können. Das wirft Fragen zu ihrem genetischen Einfluss auf die lokalen Wildbestände auf.
  • Der Wolfsbarsch war nach dem Lachs einer der ersten Fische, die in Europa kommerziell gezüchtet wurden. Richtig Fahrt nahm diese Entwicklung in den 1980er Jahren auf – und sie veränderte die europäische Fischwirtschaft grundlegend.

Vom Käfig in die Küche – Aquakultur und Zypern

Der Europäische Wolfsbarsch gilt heute als der wichtigste Zuchtfisch im Mittelmeerraum. Das ist keine kleine Aussage – schließlich steht sie neben Jahrhunderten mediterraner Fischereitradition. Sie zeigt vor allem, wie vollständig dieser Fisch den Weg vom offenen Meer in die kontrollierte Zucht gefunden hat.

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Nach FAO-Daten hat sich die Produktion der marinen Aquakultur im Mittelmeer und im Schwarzen Meer zwischen 2013 und 2023 verdoppelt – von rund 470.000 Tonnen auf etwa 940.000 Tonnen. Auf den Europäischen Wolfsbarsch entfallen davon fast 278.500 Tonnen, also rund 34,5 Prozent der gesamten Produktion mariner Knochenfische.

Zypern ist Teil dieser Entwicklung. Gemeinsam mit Albanien, Frankreich, Italien und Slowenien trägt das Land zu einer kombinierten Käfigproduktion von mehr als 17.000 Tonnen bei. Allein Zypern produzierte 2023 5.628 Tonnen mariner Käfigzuchtfische. Entlang vieler Küstenabschnitte der Insel – besonders in den Bezirken Limassol und Paphos – gehören die runden oder quadratischen Rahmen der Offshore-Fischkäfige längst zum Bild des Meeres. Das sind keine störenden Industrieanlagen, sondern arbeitende Farmen, die in sauberem, gut mit Sauerstoff versorgtem offenem Wasser verankert sind und das lavraki produzieren, das auf den Fischmärkten und Speisekarten der Insel landet.

Auf Zypern stammt fast jedes lavraki, das zum Verkauf angeboten wird, aus kommerzieller Fischzucht. Wilde Fische gibt es zwar noch immer in zyprischen Gewässern – Taucher begegnen gelegentlich einzelnen Tieren an felsigen Vorsprüngen und Riffen -, doch wild gefangenes lavraki ist wirklich selten. Was in der Taverne auf dem Teller liegt, ist in der Regel ein Zuchtfisch, der unter sorgfältiger Kontrolle in etwa 18 bis 24 Monaten von der Jungfischphase zu einer Portionsgröße von rund 400 bis 600 Gramm heranwächst.

Die Aufzucht beginnt in Brutstationen. Dort werden befruchtete Eier ausgebrütet und die winzigen Larven zunächst mit lebenden mikroskopisch kleinen Organismen gefüttert, bevor sie auf Pelletfutter umgestellt werden. Danach kommen die Jungfische in Offshore-Käfige, wo sie in natürlichem Meerwasser heranwachsen – mit echten Strömungen, echten Temperaturen und echten Jahreszeiten. So entsteht ein Fisch, der trotz Zucht viel von der Textur und dem Geschmack bewahrt, für die wilder lavraki seit jeher geschätzt wird.

Genau hier zeigt sich ein echter Vorteil Zyperns. Die Gewässer rund um die Insel gehören zu den oligotrophsten im gesamten Mittelmeer – sie sind also außergewöhnlich klar, nährstoffarm und von Natur aus arm an jenen Bakterien und Krankheitserregern, die in dicht besetzten Fischzuchten anderswo oft Probleme verursachen. Weil es so wenige Krankheitserreger gibt, sind die Verluste durch Krankheiten gering. Direkt daraus ergibt sich, dass die Fischzucht in zyprischen Gewässern seafood ohne Antibiotika hervorbringt. Routinemäßige Antibiotikabehandlungen sind schlicht nicht nötig, wenn das Meer selbst sauber genug ist, um die Fische gesund zu halten. Zyperns Farmen liegen ganzjährig im offenen Meer in klarem Wasser und liefern frischen Fisch ohne Antibiotika und Medikamente – ein Unterschied, den gesundheitsbewusste Verbraucher weltweit immer stärker schätzen und auf den die Aquakulturbetriebe der Insel zu Recht stolz sind.

Das lavraki im heutigen Leben Zyperns

Wer einen Fischmarkt in Limassol, Larnaka oder Nikosia betritt, wird das lavraki fast immer sehen – silbrig glänzend, frisch und als hochwertiges Produkt angeboten. Es ist nicht der billigste Fisch auf dem Tresen, aber auch längst nicht der teuerste. Es liegt angenehm dazwischen: besonders genug für ein gutes Essen, aber ohne dass es dafür einen besonderen Anlass braucht.

In zyprischen Fischtavernen wird lavraki meist im Ganzen serviert, ganz einfach über Holzkohle gegrillt oder im Ofen gegart – mit Zitrone, Olivenöl, frischen Kräutern und manchmal ein paar Kapern. Das Fleisch ist weiß, saftig und fein süßlich. Nicht fettig, nicht trocken, sondern genau ausgewogen. Es ist ein Fisch, der gutes Kochen dankbar annimmt, aber keine große Inszenierung verlangt.

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Auch jenseits des Tellers hat lavraki einen bescheidenen, aber echten Platz in der Küstenwirtschaft Zyperns. Aquakultur bedeutet auf der Insel sowohl Arbeitsplätze als auch Exportchancen, und der Wolfsbarsch steht zusammen mit der Goldbrasse (Sparus aurata, auf Griechisch tsipoura) im Zentrum dieser Produktion. Wie die FAO betont hat, zeigt die starke Abhängigkeit der Region von diesen beiden Fischarten auch, dass die Produktionsbasis breiter werden muss – eine Aufgabe, der sich Zyperns Fischzuchtbranche inzwischen mit einer stärkeren Artenvielfalt zu stellen beginnt.

Dem lavraki in freier Wildbahn begegnen

Wer diesen Fisch nicht nur essen, sondern auch in seiner natürlichen Umgebung sehen möchte, findet auf Zypern echte Möglichkeiten dazu. Sporttaucher, die die felsigen Riffsysteme rund um Kap Greco, das Zenobia-Wrack bei Larnaka oder die Felsformationen vor Paphos erkunden, treffen manchmal auf einzelne lavraki, die im tieferen Wasser stehen oder an den Kanten der Riffe entlangziehen. Leicht kommt man nicht an sie heran – sie sind vorsichtig, ziehen sich schnell zurück und sind vor allem in der Dämmerung am Morgen und Abend aktiv.

Auch Speerfischer und Freizeitangler haben es entlang der Küste der Insel auf lavraki abgesehen, wobei strenge Vorschriften regeln, was entnommen werden darf und in welcher Größe. Die gesetzliche Mindestgröße wird durchgesetzt, damit junge Fische nicht gefangen werden, bevor sie sich fortpflanzen konnten.

Die beste Chance, einem wilden Exemplar zu begegnen, ist ganz einfach: Zeit im Wasser verbringen – an einem felsigen Kap, in der Nähe einer Hafenmauer oder an Unterwasserstrukturen, wo sich Beutefische sammeln. Dieser Fisch belohnt vor allem geduldige Beobachtung, nicht die aktive Jagd.

Gut zu kennen, wert zu schützen

Lavraki ist mehr als nur eine Mahlzeit. Dieser Fisch verbindet Zypern mit der ganzen Mittelmeerwelt – mit alten Fischereitraditionen, mit der modernen Wissenschaft der Aquakultur und mit der laufenden Frage, wie wir uns nachhaltig aus dem Meer ernähren können. Er hat sich an den Druck des Menschen auch deshalb angepasst, weil der Mensch gelernt hat, ihn zu züchten. Gleichzeitig bleibt das Wildtier selbst anpassungsfähig, robust und in den Gewässern rund um die Insel präsent.

Zyperns Beziehung zum Meer ist so alt wie die Insel selbst, und das lavraki passt ganz selbstverständlich in diese lange Geschichte. Wenn es das nächste Mal auf Ihrem Tisch liegt – im Ganzen, duftend, schlicht zubereitet -, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und an den bemerkenswerten Weg zu denken, den dieser Fisch hinter sich hat: von Linnés Präparategläsern im Jahr 1758 über die Offshore-Käfige vor der Küste von Limassol bis hin zu dem Teller vor Ihnen. Eine Geschichte, die man Bissen für Bissen genießen kann.

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