Die seltenste und eleganteste Möwe des Mittelmeers

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Irgendwo vor der wilden, felsigen Spitze der Karpasia-Halbinsel auf Zypern kehrt jeden Frühling eine kleine Kolonie eleganter Möwen zum Brüten auf eine Gruppe winziger, unbewohnter Inselchen zurück, die Kleides genannt werden. Sie sind leise, anmutig und fast niemandem bekannt – nicht einmal vielen Menschen, die ganz in der Nähe leben.

Es sind Audouin-Möwen, Ichthyaetus audouinii. Bemerkenswert sind sie nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch, weil sie einst fast verschwunden wären – und weil Zypern am äußersten Rand ihres Verbreitungsgebiets liegt.

Was ist das für ein Vogel?

Möwen – diese lauten, streitlustigen Vögel, die wir mit Pommes-Schachteln und lärmenden Hafenmauern verbinden – gehören zur Familie der Laridae, einer der erfolgreichsten und anpassungsfähigsten Vogelfamilien der Erde. Weltweit gibt es rund 55 Arten, auf allen Kontinenten, von der arktischen Tundra bis zu tropischen Küsten. Die meisten Möwen sind Generalisten: mutig, opportunistisch und völlig unbeeindruckt davon, einen Mülleimer zu plündern oder einem Fischkutter zu folgen.


Fischadler in Aktion © Novomig www.inaturalist.org

Die Audouin-Möwe gehört zur Gattung Ichthyaetus, ein Name aus dem Altgriechischen, der wörtlich “Fischadler” bedeutet – eine passende Bezeichnung für einen Vogel, der auch so jagt. Anders als ihre rauflustigen Verwandten ist diese Art ein feiner Spezialist: streng an die Küste gebunden, elegant gebaut und ganz auf das Meer ausgerichtet.

Nach einem Franzosen benannt, im Mittelmeer zu Hause

Die Art wurde 1826 erstmals wissenschaftlich beschrieben, wobei Sardinien und Korsika als Typlokalität angegeben wurden. Der wissenschaftliche Name audouinii ehrt den französischen Naturforscher Jean Victoire Audouin, einen Zoologen des 19. Jahrhunderts, der wichtige Beiträge zur Naturgeschichte des Mittelmeerraums leistete. Der Vogel, der durch ihn geehrt wird, ist seither mit den alten, sonnengewärmten Wassern des Binnenmeeres verbunden, das er erforschte.

Ende der 1960er Jahre gehörte die Audouin-Möwe zu den seltensten Möwen der Welt, mit nur etwa 1.000 Brutpaaren weltweit. Küstenbebauung, Störungen an den Brutplätzen, Konkurrenz durch die viel häufigere Mittelmeermöwe und Veränderungen in der Fischerei hatten die Art an den Rand des Verschwindens gebracht. In der europäischen Naturschutzszene wurde sie zu einem regelrechten Symbol – für das, was das Mittelmeer gerade verlor.

Auf Griechisch heißt sie Αιγαιόγλαρος – wörtlich „Ägäis-Möwe“ (Αιγαίο = Ägäisches Meer + γλάρος = Möwe)

Ein Vogel von stiller Eleganz

Dieser Vogel wird 44 bis 52 cm lang und erreicht eine Flügelspannweite von 117 bis 128 cm – also etwas kleiner und feiner gebaut als eine Silbermöwe. Sein Körper ist schlank, die Flügel sind lang und schmal. Während viele Möwen kräftig und durchsetzungsstark wirken, sieht die Audouin-Möwe aus wie ein Vogel, der für offenes Wasser und lange, mühelose Flüge geschaffen wurde.


Diese Möwe ist etwas kleiner als die Silbermöwe © Pablo Pozo www.inaturalist.org

Am auffälligsten ist ihr langer korallenroter Schnabel, oft mit schwarzer und gelber Spitze, dazu dunkle Augen mit einem roten Augenring. Der Körper ist reinweiß, der Rücken blassgrau, die Flügelspitzen schwarz – nicht hart kontrastreich, sondern eher fein und fast malerisch. Die Beine sind gedämpft graugrün. Im Flug zeigt sie eine fast seeschwalbenartige Leichtigkeit, die sie sofort von anderen Möwen am Himmel abhebt.

Jungvögel brauchen drei Jahre, bis sie das vollständige Erwachsenenkleid tragen. In den ersten Jahren sind sie in braun-grau gesprenkeltem Gefieder unterwegs – leicht zu übersehen und leicht mit anderen Arten zu verwechseln. Wahrscheinlich wurde die Art deshalb lange Zeit zu selten erfasst.

Wissenswerte Fakten

  • Die Audouin-Möwe sucht tatsächlich auch nachts nach Nahrung. Dann patrouilliert sie draußen auf dem Meer und lässt beim Jagen manchmal die Beine ins Wasser hängen, um den Widerstand zu erhöhen. Pommesreste gibt es hier nicht – diese Möwe bevorzugt Fisch im Mondlicht.
  • Die Art zeigt kaum Neigung, weit umherzustreifen. Ein einzelner Irrgast tauchte im Mai 2003 in England auf, und ein außergewöhnliches Individuum verbrachte zwischen 2016 und 2017 mehrere Monate in Trinidad – damit war es in jenem Jahr einer der bemerkenswertesten Seevögel des Atlantiks.
  • Im Ebro-Delta in Spanien lebten zeitweise fast 67 % der gesamten weltweiten Brutpopulation in nur einer einzigen Kolonie – eine erstaunliche und zugleich riskante Konzentration des Schicksals einer Art an einem Ort.
  • Anders als fast alle anderen großen Möwen sucht die Audouin-Möwe nur selten nach Aas oder Abfällen, sondern fängt lieber lebende Beute. In einer Welt voller Opportunisten bleibt sie ein Purist.

Der Fischerkönig des Mittelmeers

Die Audouin-Möwe jagt auf hoher See fast wie ein Sturmtaucher. Sie frisst vor allem kleine Fische und Kopffüßer, die sie im Flug von der Wasseroberfläche aufnimmt oder bei tieferen Sturzflügen schnappt. Sie folgt den Bewegungen ihrer Beute, die sich mit Strömungen und Wetter verlagert. Darum sind auch die Vögel selbst ständig unterwegs – im Winter rastlos und nomadisch, im Frühling ihren Brutinseln jedoch bemerkenswert treu.

Audouin-Möwe © Matthieu Gauvain www.inaturalist.org

Die Art brütet ausschließlich im Mittelmeerraum, wobei die größten Bestände im westlichen Mittelmeer liegen. Die Kolonien reichen von wenigen Paaren bis zu mehreren Tausend. Bekannt ist auch, dass die Vögel zumindest über mehrere Jahre monogam leben und oft jedes Jahr in dieselbe Brutkolonie zurückkehren. Die Nester sind flache Mulden, ausgelegt mit Kieseln, Muschelresten und trockenem Gras – bescheidene Bauwerke für einen so vornehmen Vogel.

Zypern: Der allerletzte östliche Außenposten

Auf Zypern brütet eine kleine Population auf den Kleides-Inselchen vor Kap Andreas an der Karpasia-Halbinsel, an der nordöstlichsten Spitze der Insel. Die Kolonie auf den Kleides ist der östlichste Brutplatz der Art weltweit. Das ist keineswegs nur ein kleines Detail. Diese felsigen, windgepeitschten Inselchen markieren die äußerste geografische Grenze ihres Verbreitungsgebiets – weiter östlich brütet die Audouin-Möwe nirgends auf der Erde.

Seit 2007 überwacht BirdLife Cyprus die Kolonie systematisch, in Zusammenarbeit mit der türkisch-zyprischen ornithologischen Gesellschaft KUŞKOR. Jedes Jahr während der Brutzeit fährt ein kleines Team mit dem Boot zu den Kleides, um Altvögel, Nester und Küken zu zählen. Die Daten fließen in einen internationalen Aktionsplan für die Art ein.

Die Ergebnisse dieser Erhebungen waren nicht immer ermutigend. Früher brüteten hier mehr als 40 Paare, doch die Zahlen sind über die Jahre stetig gesunken. Zwar werden in jeder Brutsaison weiterhin aktive Nester und Jungvögel nachgewiesen, doch der langfristige Trend zeigt einen Rückgang der Bestände. Zu den Gefahren gehören Störungen durch Fischer, die auf den Inseln anlanden, Prädationsdruck durch die größere Mittelmeermöwe und möglicherweise auch Ratten – selbst das Betreten dieser kleinen Inseln während der Brutzeit kann dazu führen, dass die Vögel ihre Nester vollständig aufgeben.

Ein lebendiges Symbol, neu unter Schutz

2025 verabschiedete die Europäische Union einen internationalen Aktionsplan für die Audouin-Möwe. Darin werden die Kleides-Inselchen als Naturschutzpriorität eingestuft, und der Schutz dieses für das Überleben der Art in der Levante entscheidenden Ortes rückt erneut in den Fokus. Der Plan wurde von BirdLife International auf Grundlage von Daten aus 15 Ländern erarbeitet und legt gezielte Schutzmaßnahmen für das gesamte Mittelmeer-Verbreitungsgebiet der Art fest.

Audouin-Möwe © Carles Fabregat www.inaturalist.org

Für Zypern ist das ein Moment der Anerkennung, aber auch der Verantwortung. Die Insel spielt in dieser Geschichte keine Nebenrolle – sie beherbergt die letzte Brutkolonie an der östlichsten Grenze des Verbreitungsgebiets der Art. Was auf diesen kleinen Felsen vor Kap Andreas geschieht, ist nicht nur für Zypern wichtig, sondern für das weitere Schicksal eines Vogels, der aus dem Mittelmeer beinahe ganz verschwunden wäre.

Kann man sie sehen?

Während der Brutzeit sind Audouin-Möwen nicht leicht zu beobachten – und das ist auch gut so. Die Kleides-Inselchen sind empfindliche Schutzgebiete, und Störungen in der Nistsaison gehören zu den größten Gefahren für die Vögel. Das Betreten der Inseln ohne Genehmigung ist verboten.

Gelegentlich lassen sich die Vögel jedoch vor der Nordküste der Karpasia-Halbinsel auf See beobachten, besonders im Frühling und Frühsommer, wenn die Altvögel zwischen Brutplatz und Fanggründen pendeln. Geduldige Vogelbeobachter mit Fernglas, bei einer Bootsfahrt oder mit langem Teleobjektiv in der Nähe von Kap Andreas können mit etwas Glück einen fernen Blick auf diese schlanken, eleganten Vögel erhaschen, wie sie dicht über dem blauen Wasser gleiten – eine Erinnerung daran, dass die Wildnis an den Rändern der Insel noch immer lebendig ist.

Wer den Nordosten nicht erreichen kann, findet auf der Website von BirdLife Cyprus aktuelle Informationen zum Monitoring-Programm. Sichtungen können außerdem über iNaturalist unter [inaturalist.org](https://www.inaturalist.org/taxa/144522-Ichthyaetus-audouinii) eingetragen werden.

Warum dieser Vogel wichtig ist

In einer Mittelmeerwelt mit überfüllten Küsten und überfischten Meeren ist die Audouin-Möwe etwas still Außergewöhnliches: ein Vogel, der keine Kompromisse eingeht und auf sauberes Wasser, lebende Fische und ungestörte Felsen besteht, auf denen er seine Jungen großziehen kann. Ihre Anwesenheit auf den Kleides-Inselchen ist ein empfindlicher, ehrlicher und sehr realer Maßstab für den Zustand des Meeres rund um Zypern.

Zu wissen, dass es diesen Vogel gibt und dass Zypern sein letztes östliches Zuhause ist, macht etwas Wichtiges deutlich: Die wilden Ränder der Insel sind nicht leer. Sie sind voller Leben, voller Geschichten und voller Wesen, die sonst nirgends mehr hingehen können.

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