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Der weiße Schatten der Herden – der Kuhreiher in Zypern

Der lokale zyprisch-griechische Name lautet Γελαδάρης (Yeladharis) – wörtlich “der Kuhvogel”. Die formelle griechische Bezeichnung ist Ερωδιός ο Βουκόλος (Erodhios o Voukolos) – “der Hirtenreiher”. Treffender kann ein Name kaum sein.

Ein Geist auf der Weide

Wer schon einmal durch die ländlichen Gegenden Zyperns gefahren ist und dabei kleine, schneeweiße Vögel zwischen Rindern oder Schafen umherlaufen sah, ist dem Kuhreiher bereits begegnet.

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Er gehört zu jenen Vögeln, die auf den ersten Blick ein wenig fehl am Platz wirken – ein feiner weißer Watvogel mitten auf einem staubigen Feld statt am Wasser. Und doch ist genau das sein Element. Seine Geschichte gehört zu den erstaunlichsten in der ganzen Vogelwelt.

Ein Reiher mit Tarnung

Der Kuhreiher gehört zur Reiherfamilie Ardeidae – also zur selben Familie wie der bekannte Graureiher und der Silberreiher. Auch wenn er wie ein kleiner, schneeweißer Reiher aussieht, ist er genetisch näher mit den großen, klassischen Reihern der Gattung Ardea verwandt. Im Grunde ist er ein Reiher, der dem Leben am Wasser den Rücken gekehrt und sich auf dem Trockenen neu erfunden hat. Er wird 45 bis 52 cm lang und ist damit deutlich kleiner als die Reiherarten, denen er äußerlich ähnelt. Man kann ihn sich als die kompakte, selbstbewusste und bodenständige Verwandtschaft jener eleganteren Wasservögel vorstellen.

Ein Name aus einem alten Irrtum

Auch der wissenschaftliche Name dieses Vogels hat eine bemerkenswerte Geschichte. Im 18. Jahrhundert wurde der schwedische Forscher Fredrik Hasselqvist von seinem ägyptischen Führer davon überzeugt, dass der Kuhreiher in Wahrheit der heilige Ibis der alten Ägypter sei – verehrt als Verkörperung des Mondgottes Thot. Hasselqvists Aufzeichnungen gelangten später zu Linné, der diese Verwechslung unbemerkt im wissenschaftlichen Namen des Vogels weitertrug: Ardea ibis, erstmals 1758 beschrieben.

Seitdem trägt der Kuhreiher also gewissermaßen eine geliehene Identität – benannt nach einem ganz anderen heiligen Vogel. Der frühere Gattungsname Bubulcus ist lateinisch und bedeutet “zum Rind gehörend”, während sein arabischer Name Abu Qerdan, also “Vater der Zecken”, auf die große Zahl von Zecken in ägyptischen Reiherkolonien anspielt.

Ein Vogel in Weiß und Gold

Die meiste Zeit des Jahres ist der Kuhreiher schlicht, aber schön. Erwachsene Vögel im Schlichtkleid haben überwiegend weißes Gefieder, einen gelben Schnabel und graugelbe Beine. Sie wirken gedrungen, leicht zusammengesunken und haben einen relativ kräftigen Hals sowie einen stabilen Schnabel. Doch zur Brutzeit verändert sich etwas Auffälliges.

Cattle Egret in Cyprus
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Dann bekommen die Altvögel warme orange-beige Schmuckfedern an Rücken, Brust und Kopf. Für kurze Zeit, direkt vor der Paarbildung, färben sich sogar Schnabel, Beine und Iris leuchtend rot. Es wirkt fast so, als würde sich der Vogel kurz für ein Fest herausputzen und danach wieder in seine praktische Alltagskleidung schlüpfen.

Wissenswertes, das man gern weitererzählt

  • Der Kuhreiher folgt großen Tieren – Rindern, Schafen, sogar Büffeln – nicht etwa, um Zecken direkt von ihrer Haut zu fressen, wie viele glauben. Er nutzt vielmehr die Gelegenheit, Heuschrecken und andere Insekten zu fangen, die durch die Hufe der Tiere aus dem Gras aufgescheucht werden.
  • Diese Art hat eines der schnellsten und weitreichendsten natürlichen Ausbreitungsgebiete aller Vogelarten entwickelt. Ursprünglich kam der Kuhreiher in Teilen Afrikas, Südwestasiens und Südeuropas vor. 1877 wurde er erstmals in Südamerika beobachtet – offenbar hatte er den Atlantik aus eigener Kraft überquert – und seither hat er große Teile der Welt besiedelt.
  • Kuhreiher sind gewissermaßen seriell monogam: Sie paaren sich pro Jahr einmal und bleiben bis zum Ende der Brutsaison zusammen, wählen aber meist im nächsten Jahr einen neuen Partner.
  • Das Männchen wirbt mit auffälligen, ritualisierten Balzbewegungen um das Weibchen – es schüttelt Zweige und streckt den Schnabel dramatisch senkrecht zum Himmel. Nistmaterial wird dabei nicht selten von benachbarten Paaren gestohlen.

Mehr, als man auf den ersten Blick denkt – der Mythos mit den Zecken

Viele Menschen – auch in Zypern – glauben, dass Kuhreiher Zecken direkt von Rindern absammeln und so in einer nützlichen Partnerschaft mit ihnen leben. Ganz falsch ist das nicht, aber die Wirklichkeit ist etwas feiner. Tatsächlich entfernen sie Zecken und Fliegen von den Tieren und fressen sie auch. Ihre wichtigste Nahrung sind jedoch Insekten, Frösche und kleine Wirbeltiere, die durch weidende Tiere aufgescheucht werden. Trotzdem wurden diese Vögel von Landwirten in ganz Zypern seit Langem geduldet und oft sogar gern gesehen, weil weniger Fliegen und Insekten eben auch gesünderes Vieh bedeuten.

Der Kuhreiher im heutigen Zypern

In Zypern ist der Kuhreiher das ganze Jahr über präsent. Er gilt als Durchzügler, Wintergast und Brutvogel. Beobachten kann man ihn am Oroklini-See, im Akrotiri-Sumpf, im Athalassa-Park, am Agios-Loukas-See im Bezirk Famagusta sowie in verschiedenen Küstengebieten während der Zugzeiten. Besonders zuverlässig trifft man ihn auch in den landwirtschaftlich geprägten Teilen der Mesaoria-Ebene an, wo er Ziegen und Schafen folgt, die das ländliche Leben auf Zypern bis heute stark prägen.

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In einer Landschaft, in der alte Landwirtschaftstraditionen auf den Druck der Gegenwart treffen, ist der Γελαδάρης (Yeladharis) – wörtlich “der Kuhvogel” – ein lebendiges Bindeglied zwischen der ländlichen Vergangenheit und dem Heute. Die formelle griechische Bezeichnung lautet Ερωδιός ο Βουκόλος (Erodhios o Voukolos) – “der Hirtenreiher”. Der Name sagt eigentlich schon alles.

Wo man ihn sehen kann

Man braucht weder ein Fernglas noch ein abgelegenes Naturschutzgebiet, um diesen Vogel zu entdecken. Eine langsame Fahrt am frühen Morgen durch die Landschaft bei Athalassa, durch die Feuchtgebiete von Akrotiri oder über die Felder rund um Famagusta führt sehr wahrscheinlich zu einer Sichtung. Achten Sie auf kleine, gedrungene weiße Vögel mitten in Viehherden oder direkt daneben – auf dem Rücken einer Kuh, geschäftig durchs Gras laufend oder als kleine weiße Wolke auffliegend, wenn ein Traktor vorbeifährt. Im Winter schlafen große Schwärme gemeinsam in Bäumen nahe von Feuchtgebieten, und der Anblick von Dutzenden weißen Vögeln, die sich bei Einbruch der Dämmerung in den Ästen eines einzigen Baumes niederlassen, bleibt lange im Gedächtnis.

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Wer aber wirklich verstehen möchte, was dieser Vogel kann, sollte im späten Frühling den Agios-Loukas-See im Bezirk Famagusta besuchen. Der Naturfotograf und Wildtierbeobachter George Konstantinou, der seit Jahren die Tierwelt Zyperns dokumentiert, beschreibt die Brutkolonie dort als etwas ganz Außergewöhnliches: “Das Schauspiel während der Brutzeit ist unglaublich beeindruckend – für mich war es das Eindrücklichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Dutzende reinweiße Vögel, die in den Bäumen direkt am Wasser nisten, Nester voller unersättlicher Küken, deren Rufe einem in den Ohren liegen, während die Eltern ununterbrochen mit Futter für ihren Nachwuchs hin und her fliegen. Für die Verhältnisse Zyperns ist das ein wirklich unwirkliches Schauspiel.” Erstaunlich ist auch, dass sich die Vögel von Menschen überhaupt nicht stören lassen. Beobachter und Fotografen können ihnen daher wirklich nahe kommen – ein seltenes Geschenk bei der Tierbeobachtung.

Ein kleiner Vogel mit einer großen Geschichte

Der Kuhreiher zeigt, wie sehr sich Anpassungsfähigkeit in der Natur auszahlt. Während andere Vogelarten an verschwindenden Lebensräumen festhalten, hat dieser kleine Reiher in den Feldern und Bauernhöfen der Welt neue Chancen gesehen. In Zypern – einer Insel, die genauso von ihrer Landwirtschaft wie von ihrer Küste geprägt ist – hat der Γελαδάρης ein Zuhause gefunden, das perfekt zu ihm passt: praktisch, gesellig, einfallsreich und still schön. Er ist weder der seltenste Vogel der Insel noch der spektakulärste. Aber vielleicht ist er einer der still beeindruckendsten – und er gehört zu Zypern so selbstverständlich wie der Olivenbaum oder das Mufflon.

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