An einem warmen Frühlingsabend auf Zypern, wenn über einem Olivenhain das letzte Licht verblasst und die ersten Sterne auftauchen, kommt aus den Bäumen ein leiser, eindringlicher Laut – ein sanfter, rhythmischer Doppelpfiff, immer wieder in die Dunkelheit hinein. Das Tier selbst bekommt man vielleicht gar nicht zu Gesicht, aber hören wird man es ganz sicher. Und wenn man einmal weiß, was es ist, vergisst man diesen Ruf nie wieder. Er gehört zu einem der kostbarsten und exklusivsten Bewohner Zyperns: der Zypern-Zwergohreule, Otus cyprius – einem Vogel, den es nirgendwo sonst auf der Erde gibt.
- Eine winzige Eule mit großem Ruhm
- Ein Inselgeheimnis, das lange übersehen wurde
- Was sie unverkennbar zyprisch macht
- Fünf überraschende Dinge über diese kleine Eule
- Mythologie, Legende und ein Name, der in die Nacht gerufen wird
- Ein Vogel, der bis heute fest zu Zypern gehört
- Wie und wo man den Thoupi erleben kann
- Warum diese kleine Eule wichtiger ist, als ihre Größe vermuten lässt
Eine winzige Eule mit großem Ruhm
Eulen gehören zu einer der ältesten und erfolgreichsten Vogelgruppen der Natur, der Ordnung der Strigiformes, die seit mehr als 60 Millionen Jahren durch die Nächte der Welt fliegt. Heute gibt es über 200 Eulenarten, auf allen Kontinenten außer der Antarktis. Die Gattung Otus – die Zwergohreulen – ist innerhalb dieser Familie die größte Gruppe, mit rund 60 Arten weltweit, von Europa und Afrika bis nach Asien und auf die pazifischen Inseln. Die meisten sind kleine, heimliche nachtaktive Insektenjäger, perfekt dafür gemacht, tagsüber in Baumrinde zu verschwinden und erst nach Einbruch der Dunkelheit richtig lebendig zu werden.

Die Zypern-Zwergohreule (Otus cyprius) ist eine kleine Eule, die nur auf Zypern vorkommt. Lange galt sie lediglich als dunklere Inselvariante der Europäischen Zwergohreule (Otus scops), die in Südeuropa brütet und in Afrika überwintert. Doch als Wissenschaftler ihr Aussehen, ihr Verhalten und vor allem ihre Stimme genauer untersuchten, zeigte sich etwas Faszinierendes: Diese kleine Eule war still und leise zu einer eigenen Art geworden.
Ein Inselgeheimnis, das lange übersehen wurde
Die erste formelle wissenschaftliche Beschreibung des zyprischen Vogels stammt aus dem Jahr 1901. Damals beschrieb ihn der ungarische Zoologe Julius von Madarász anhand eines Exemplars aus Livadia auf Zypern als Scops cypria. Trotzdem wurde der Vogel in der Wissenschaft über Jahrzehnte weitgehend beiseitegeschoben und ohne größere weitere Prüfung mit seinen Verwandten vom Festland zusammengefasst. Die endemische Zypern-Zwergohreule Otus (scops) cyprius wurde spätestens seit den 1940er Jahren als Unterart der weit verbreiteten Europäischen Zwergohreule O. scops behandelt.
Erst im 21. Jahrhundert änderte sich das Bild, als Forscher genaue Messungen, Gefiederanalysen, DNA-Tests und akustische Studien miteinander kombinierten. Damit wurde die Beweislage eindeutig. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich ihr Gesang und ihr Gefieder deutlich genug von denen der Festlandsart unterscheiden, sodass die Vögel auf Zypern höchstwahrscheinlich überhaupt nicht mit Europäischen Zwergohreulen brüten. BirdLife International, die weltweit maßgebliche Instanz für die Klassifikation von Vögeln, erkannte sie schließlich offiziell als eigene Art an. Damit hatte Zypern plötzlich einen ganz neuen endemischen Vogel – einen, der die ganze Zeit offen vor aller Augen verborgen war, oder besser gesagt: für alle hörbar sang.
Was sie unverkennbar zyprisch macht
Die Zypern-Zwergohreule ist eine kleine, dunkle Eule mit feiner schwarzer Strichelung und zarter Bänderung. Ihre leuchtend gelben Augen sitzen in einem hellen Gesicht, das schwarz umrandet ist. Die Federohren können deutlich auffallen, besonders wenn der Vogel tagsüber an seinem Ruheplatz sitzt, manchmal sind sie aber fast unsichtbar. Mit etwa 20 Zentimetern Höhe ist sie ungefähr so groß wie ein großer Spatz. Ihr rindenartiges Muster tarnt sie so gut, dass sie tagsüber an einem Baumstamm gepresst kaum zu entdecken ist.
Von der Europäischen Zwergohreule unterscheidet sich die Zypern-Zwergohreule durch ihren zweisilbigen Ruf statt eines einzelnen Tons, durch das Fehlen einer rötlichen Farbvariante und durch beständige Unterschiede im Gefieder. Insgesamt wirkt sie dunkler als die Europäische Zwergohreule.
Ihre Beute besteht vor allem aus großen Insekten wie Grillen, Heuschrecken, Käfern und Nachtfaltern, dazu kommen andere Wirbellose wie Spinnen und Regenwürmer.

Berichten zufolge kommt die Zypern-Zwergohreule auf der ganzen Insel in ländlichen Gebieten, Wäldern und Forsten vor – vom Meeresspiegel bis auf 1.900 Meter Höhe, also praktisch bis hinauf in die Höhen des Troodos-Gebirges.
Fünf überraschende Dinge über diese kleine Eule
- Sie ist eine eigenständige Art – und das ist erst seit Kurzem anerkannt. Über weite Teile der dokumentierten Naturgeschichte wurde sie einfach mit ihrer europäischen Verwandten zusammengefasst. Dass sie als eigene Art gilt, ist eine Entdeckung des 21. Jahrhunderts und macht sie zu einem der jüngsten endemischen Vögel Europas.
- Ihr Gesang ist ihre Identität. Der doppelte Pfiff – “tou-wit, tou-wit” – ist der sicherste Weg, sie zu finden. Auf Zypern hat sie dafür sogar einen lokalen Namen: Θουπί (Thoupi). Auch dieser Name ahmt ihren Ruf nach.
- Sie ist fast unmöglich zu sehen, aber unmöglich zu überhören. In einer stillen Frühlingsnacht in einem zyprischen Dorf hallt der Ruf des Thoupi mit erstaunlicher Beharrlichkeit durch Gärten und Olivenhaine und wiederholt sich die ganze Nacht über Hunderte Male pro Stunde.
- Sie hat keine Konkurrenz – und keine Hilfe. Besonders interessant sind die Nistgewohnheiten dieser Art, denn sie ist ein endemischer Höhlenbrüter auf einer Insel, auf der es keine einzige Spechtart gibt, und Kalabrische Kiefern entwickeln meist erst im Alter Baumhöhlen. Weil Spechte keine Höhlen in Bäume hacken, ist diese Eule für ihre Nistplätze auf natürliche Verrottung und alte Gebäude angewiesen.
- Zugvögel können sie nicht verdrängen. Jedes Frühjahr ziehen viele Europäische Zwergohreulen über Zypern, und in den Nachbarländern brüten sie auch. Eigentlich müsste man also erwarten, dass sie die Insel besiedeln – wäre da nicht cyprius. Dass dies nicht geschieht und cyprius ihren eigenen Gesang und ihr eigenes Gefieder behält, spricht dafür, dass starke isolierende Mechanismen bestehen.
Mythologie, Legende und ein Name, der in die Nacht gerufen wird
Zypern war schon immer eine Insel voller Mythen, und die Eule spielt in dieser Tradition im gesamten Mittelmeerraum ihre Rolle. Im antiken Griechenland war die Eule die heilige Begleiterin der Athene, der Göttin der Weisheit – die “Eule der Athene” erschien auf athenischen Münzen und galt als Symbol für Wissen und Glück. Auf Zypern nimmt die Geschichte der Zwergohreule jedoch eine zartere und melancholischere Form an.
Einer zyprischen Legende nach schickte ein junger Mann seinen Bruder während eines Sturms in den Wald, um ein verlorenes Pferd zu suchen. Dort wurde er vom Blitz getroffen. Als das Pferd ohne Reiter nach Hause zurückkehrte, ging der Bruder in die Nacht hinaus und rief immer wieder seinen Namen – “Ghioni, Ghioni” -, fand aber nichts. Bei Tagesanbruch, von Trauer überwältigt, bat er Artemis, die Göttin der Wälder und der Jagd, ihn von seinem Leid zu erlösen. Die Göttin verwandelte ihn in eine Eule. Bis heute fliegt die Eule die ganze Nacht durch den Wald und ruft nach ihrem verlorenen Bruder. Auf Zypern ist zudem weit verbreitet der Glaube, dass die Zwergohreule zu den ältesten Vögeln der Welt gehört.
Diese Geschichte bekommt noch mehr Tiefe, wenn man bedenkt, dass das moderne griechische Wort für Eule ghionis lautet – und dass der Ruf der Zwergohreule tatsächlich erstaunlich so klingt, als würde jemand leise und beharrlich einen Namen in die Nacht hineinrufen.
Ein Vogel, der bis heute fest zu Zypern gehört
Mit einer geschätzten Bestandsgröße von 5.000 bis 12.000 Brutpaaren ist die Zypern-Zwergohreule auf der ganzen Insel zu finden – in Wäldern, Gärten, Olivenhainen, auf Bauernhöfen und oft auch in oder nahe bei Städten und Dörfern, in Parks und in kultivierten Landschaften mit Gehölzen.
Trotzdem ist die Eule einem stillen, schleichenden Druck ausgesetzt. Sie brütet vor allem in Höhlen in Bäumen und Gebäuden. Das Fällen alter Bäume, moderne Bauweisen und die Renovierung alter Häuser in Dörfern können deshalb das Angebot an Nistplätzen verringern. Als Reaktion darauf wurden in den Wäldern der Insel testweise künstliche Nistkästen angebracht – mit ermutigenden Ergebnissen. Auch wenn nur 5 bis 11 Prozent der Kästen besetzt sind, brütet die endemische Zypern-Zwergohreule bereitwillig in künstlichen Nisthilfen.

Für die Zypern-Zwergohreule, einen Vogel der vor allem in Wäldern und Agrarlandschaften lebt, bedeutet Naturschutz vor allem eins: die traditionelle zyprische Kulturlandschaft zu erhalten – ein vielfältiges Mosaik, das sich für Feldvögel und die Biodiversität insgesamt als wertvoll erwiesen hat.
Wie und wo man den Thoupi erleben kann
Um die Zypern-Zwergohreule zu erleben, braucht es keine Expedition, keine Spezialausrüstung und auch keine besonderen Vogelkenntnisse. Alles, was man braucht, ist ein warmer Frühlingsabend und die Bereitschaft, still dazustehen und zu lauschen.
Am besten hört man sie von März bis Juni, wenn die Männchen ausdauernd singen, um ihr Revier abzustecken. Fast jeder Olivenhain, jeder Garten mit alten Bäumen oder jeder bewaldete Dorfweg auf der Insel kommt dafür infrage. Die Zypern-Zwergohreule ist auf der ganzen Insel anzutreffen – in Wäldern, Gärten, Olivenhainen, auf Bauernhöfen und in offenen Landschaften mit einzelnen Bäumen. Besonders gute Orte sind die Ausläufer des Troodos-Gebirges, die Akamas-Halbinsel, der Paphos-Wald sowie die Dörfer in den Bezirken Limassol und Larnaka.
Wenn man tatsächlich einmal eine sehen möchte – was deutlich schwieriger ist -, geht man am besten nach Einbruch der Dunkelheit ruhig mit einer Taschenlampe einen Waldweg entlang, lauscht auf den Ruf und nähert sich dann langsam. Tagsüber kann man sie mit etwas Glück reglos an einem Baumstamm ruhend entdecken, wo ihre Tarnzeichnung sie fast unsichtbar macht. In einem zyprischen Garten in einer Frühlingsnacht zu stehen, umgeben vom sanften, beharrlichen Rufen dieses kleinen, uralten Vogels, ist eine jener einfachen und unvergesslichen Begegnungen mit der lebendigen Natur, die einem noch lange nach der Abreise von der Insel im Gedächtnis bleibt.
Warum diese kleine Eule wichtiger ist, als ihre Größe vermuten lässt
Die Zypern-Zwergohreule ist kein spektakulärer Vogel. Sie segelt nicht wie ein Gänsegeier durch den Himmel und leuchtet nicht bunt wie eine Blauracke. Sie ist klein, braun und überwiegend nachtaktiv. Aber sie trägt etwas Seltenes und Kostbares in sich: eine Lebensform, die nur auf dieser Insel existiert und sonst nirgends auf der Welt. Wenn ihr zweisilbiger Ruf in einer Frühlingsnacht durch einen zyprischen Olivenhain zieht, dann ist das nicht nur ein schöner Klang, sondern das hörbare Ergebnis einer einzigartigen evolutionären Reise, die seit Millionen Jahren andauert und heute Nacht irgendwo in einem Garten weitergeht.
In einer Welt, in der Arten schneller verschwinden, als neue entdeckt werden, hat Zypern etwas, worauf es stolz sein und was es schützen sollte: eine kleine Eule mit leuchtend gelben Augen, einem eindringlichen Doppelruf und einer Geschichte, die ganz und gar zu dieser Insel gehört.