Aphrodites uralter Begleiter: Der zyprische Hase

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Lange bevor die Insel für ihre Strände und ihr Kupfer berühmt wurde, jagte dieses flinke Tier schon über ihre Felder – heilig, sagenumwoben und unersetzlich.

Wenn Sie schon einmal in der Abenddämmerung durch die Landschaft Zyperns gefahren sind und im Scheinwerferlicht plötzlich ein Paar bernsteinfarbener Augen aufleuchten sahen, das im nächsten Moment wieder in der Dunkelheit verschwand, dann sind Sie dem zyprischen Hasen vermutlich bereits begegnet. Dieses goldbraune Tier – Lepus europaeus cyprius – ist weit mehr als nur ein Wildtier. Es ist eine endemische Unterart, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt – ein lebendiger Faden, der sich durch zehntausend Jahre zyprischer Geschichte, Mythologie und Alltagskultur zieht. Und er ist deutlich spannender, als man zunächst denkt.

Lange Ohren, noch schnelleres Herz

Der Hase gehört zur Ordnung der Hasenartigen, also zur Gruppe der Lagomorpha – einer uralten Familie pflanzenfressender Tiere, zu der Hasen, Kaninchen und die kleinen, rundohrigen Pfeifhasen aus Gebirgsregionen zählen. Trotz ihres Aussehens sind Hasenartige keine Nagetiere. Sie bilden einen eigenen, klar abgegrenzten Zweig im Stammbaum der Säugetiere, dessen Geschichte mindestens 53 Millionen Jahre in die geologische Vergangenheit zurückreicht. Weltweit gibt es etwa 32 Hasenarten – vom Polarhasen des gefrorenen Nordens bis zum Kaphasen in den Savannen Afrikas.

© George Konstantinou biodiversitycyprus.blogspot.com

Der Feldhase (Lepus europaeus) gehört zu den am weitesten verbreiteten Hasenarten und kommt von Westeuropa über Zentralasien bis in den Nahen Osten vor. Doch das Tier, das auf Zypern lebt, ist etwas Besonderes – es war lange genug von anderen Populationen getrennt, um eine eigene Identität zu entwickeln. 1903 wurde der zyprische Hase vom britischen Zoologen George Edward Hamilton Barrett-Hamilton offiziell als eigene Unterart beschrieben. Heute gilt er als einzigartig für die Insel – über Jahrtausende des Insellebens hinweg geprägt zu einer Form, die dezent, aber eindeutig ihre ganz eigene geworden ist.

Mit den ersten Bauern auf die Insel gekommen

Zypern war wahrscheinlich nie durch eine Landbrücke mit dem Festland verbunden. Alle Landtiere der Insel kamen entweder schwimmend, auf Treibholz treibend oder – am häufigsten – mit Menschen hierher. Man geht davon aus, dass der zyprische Hase von neolithischen Siedlern aus der Levante und Anatolien eingeführt wurde, vermutlich vor etwa 10.000 bis 9.000 Jahren. Er kam also in derselben bemerkenswerten Phase menschlicher Besiedlung auf die Insel wie die ersten Schafe, Ziegen, Füchse und Hauskatzen.

Diese frühen Siedler waren bereits erfahrene Bauern und Jäger. Zypern bot hervorragende Jagdgebiete, und der Hase dürfte eine willkommene und praktische Bereicherung der Inselfauna gewesen sein – fortpflanzungsfreudig, gut zu jagen und nahrhaft. In den Jahrtausenden danach konnte er sich ohne Wölfe, Bären oder große Katzen als ernsthafte Konkurrenten oder Feinde über die Landschaft ausbreiten und sich still und langsam zu seiner eigenen Inselform entwickeln.

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An neolithischen Fundorten auf der ganzen Insel hat man Hasenknochen gefunden – ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Tier für die frühesten Gemeinschaften Zyperns eine wichtige Nahrungsquelle war. Im ganz wörtlichen Sinn gehört der Hase also schon länger zum zyprischen Leben als die geschriebene Geschichte selbst.

Der Hase ist auf Zypern die wichtigste und größte Beuteart – und in allen Bezirken der Insel in zufriedenstellender Zahl vertreten. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie stark er Jahr für Jahr bejagt wird.

Ein Meister der Geschwindigkeit und der Reglosigkeit

Der zyprische Hase ist etwa so groß wie eine kleine Katze, wirkt aber schlanker, langgestreckter und ganz auf Tempo gebaut. Er wiegt zwischen 3,5 und 5 kg und trägt ein warmes gelbbraunes Fell, das am Bauch in Weiß übergeht. Seine berühmten langen Ohren bewegen sich unabhängig voneinander und fangen selbst kleinste Geräusche auf – und im Sommer dienen sie zugleich als Kühlsystem, denn sie geben Wärme wie lebende Radiatoren ab. Anders als Kaninchen graben Hasen keine Baue. Sie ruhen in flachen Mulden am Boden, den sogenannten Sassen, und ihre Jungen – auf Englisch leverets genannt – kommen bereits vollständig behaart und mit offenen Augen zur Welt und können sich schon wenige Stunden nach der Geburt verstreuen. Im Spätwinter passiert dann etwas Auffälliges: Die sonst scheuen und nachtaktiven Hasen tauchen plötzlich bei hellem Tageslicht auf, jagen einander über die Felder und liefern sich Boxkämpfe. Lange hielt man das für Rivalenkämpfe zwischen Männchen. In Wirklichkeit ist es fast immer ein Weibchen, das ein Männchen entweder abweist oder seine Ausdauer testet. Sie hat hier ganz klar das Sagen.

A Companion of Aphrodite Since Ancient Times
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Der zyprische Hase lebt ausschließlich von Pflanzen – im Sommer von Gras, Kräutern, Wildblumen und Feldfrüchten, in den kargeren Wintermonaten von Zweigen, Rinde und Knospen. Außerdem zeigt er ein ungewöhnliches Fressverhalten, das viele Hasenartige teilen: Er nimmt seine weichen grünen Kotballen direkt wieder auf, um Proteine und Vitamine zurückzugewinnen, die beim ersten Verdauungsgang noch nicht vollständig aufgenommen wurden.

Wissenswertes für die Kaffeerunde

  • Hasen können fast rundum sehen – beinahe 360 Grad. Ihr einziger echter blinder Fleck liegt direkt vor der Nase. Sie können sogar mit offenen Augen schlafen.
  • Ein junger Hase unter einem Jahr heißt auf Englisch leveret. Für eine Gruppe von Hasen gibt es im Englischen die Bezeichnungen husk oder down – zwei der poetischsten Sammelbegriffe im Tierreich.
  • Die Fortpflanzungszeit des zyprischen Hasen reicht von Januar bis August – damit gehört sie zu den längsten unter den europäischen Säugetieren. Ein Weibchen kann bis zu vier Würfe im Jahr haben.
  • Im antiken Griechenland galt der Hase als so fruchtbar, dass man glaubte, ein Weibchen könne schon mit dem zweiten Wurf trächtig werden, während es den ersten noch austrägt – ein Fortpflanzungsphänomen, das als Superfötation bekannt ist und inzwischen wissenschaftlich bestätigt wurde.
  • Die englische Redewendung “as mad as a March hare” bezieht sich genau auf dasselbe Boxverhalten im Frühling, das wohl jeder zyprische Bauer schon einmal im Februar oder März am Rand seines Olivenhains beobachtet hat.
  • Zu den natürlichen Feinden des zyprischen Hasen gehören Greifvögel – darunter Eulen und Bussarde – sowie der zyprische Fuchs (Vulpes vulpes indutus). Wölfe, Luchse oder große Katzen, die ihm gefährlich werden könnten, gibt es auf der Insel nicht.
  • Zwei oder drei ausgewachsene Hasen fressen ungefähr so viel Vegetation wie ein einziges Schaf.

Heilig für die aus dem Meer geborene Göttin

Zypern gilt als Geburtsort der Aphrodite – und der Hase war eines ihrer heiligen Tiere. Wegen seiner außergewöhnlichen Fruchtbarkeit sah man in ihm ein lebendiges Symbol für Liebe, Begehren und Fülle. Junge Männer schenkten im antiken Griechenland einer bewunderten Person einen lebenden Hasen – die Botschaft war auch ohne Worte klar. Auch Eros wurde häufig mit einem Hasen dargestellt.

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Der römische Schriftsteller Philostrat beschrieb eine Szene, in der geflügelte Eroten einen Hasen jagen – nicht um ihn zu töten, sondern um ihn der Göttin lebendig zu bringen, als Opfergabe, die zu kostbar war, um sie zu zerstören. Auf genau jener Insel, auf der Aphrodite dem Meeresschaum entstieg, lief der Hase also schon längst über Felder, die in gewissem Sinn heiliger Boden waren.

Er läuft noch immer, wird noch immer gejagt und ist noch immer da

Der zyprische Hase ist bis heute die wichtigste Wildart für die Jagd auf der Insel – das Herz der Jagdsaison und eine Tradition mit tiefen Wurzeln in der ländlichen Kultur Zyperns. Trotz des jahrzehntelangen Drucks hat dieses Tier eine stille, beinahe erstaunliche Widerstandskraft bewiesen. Man findet es in allen Bezirken – von den küstennahen Phrygana und der offenen Ebene der Mesaria bis zu den Hängen des Troodos-Gebirges und den Terrassen der Weindörfer. Moderne Landwirtschaft und Straßenverkehr fordern ihren Preis, besonders bei Jungtieren im Frühling. Dennoch wird der zyprische Hase offiziell weiterhin als “nicht gefährdet” eingestuft – eine beruhigende Einschätzung für ein Tier, das schon über diese Insel lief, bevor hier überhaupt die erste Stadt gebaut wurde.

Dämmerungsstraßen und goldene Felder

Dem zyprischen Hasen zu begegnen, ist gar nicht so schwer – wenn man Geduld hat und weiß, wo man suchen muss. Das Geheimnis ist ganz einfach: Man muss zur richtigen Tageszeit da sein.

So erleben Sie den zyprischen Hasen in freier Wildbahn

Ein Guide ist nicht nötig. Fahren Sie in der Morgendämmerung oder bei Sonnenuntergang langsam über Landstraßen, dann findet der Hase oft Sie. Offenes Ackerland ist am besten geeignet – die Mesaria-Ebene, die Weindörfer bei Limassol und die Felder rund um Morphou sind besonders gute Gebiete. Auch auf der Akamas-Halbinsel gibt es starke Bestände. Dort sitzen Hasen reglos zwischen den Felsen und verlassen sich fast schon zu sehr auf ihre Tarnung. Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch im Februar oder März: Die Boxkämpfe des Frühlings – wenn sich zwei Hasen aufrichten und in einem sonnenbeschienenen Feld miteinander sparren – gehören zu den schönsten Naturschauspielen der Insel. Bewegen Sie sich ruhig, halten Sie Abstand und nehmen Sie ein Fernglas mit.

In einer Landschaft voller antiker Ruinen und sagenumwobener Küsten verlangt der zyprische Hase nichts – keinen Eintritt, kein Hinweisschild, keine geführte Tour. Er läuft einfach weiter über dieselben Felder wie seit jeher, und das nun schon seit neuntausend Jahren. Ihn in der Dämmerung am Rand eines Olivenhains kurz zu sehen, heißt, etwas Älteres und Dauerhafteres zu berühren als jedes Monument dieser Insel.

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