Jedes Frühjahr erscheint auf den offenen Feldern und in den Olivenhainen Zyperns wie aus dem Nichts ein kleines Wunder. Ein Vogel, so erstaunlich blau, dass er fast gemalt wirkt – als hätte jemand ein etwa eichelhähergroßes Tier in einen Topf mit Türkis getaucht und dann fliegen lassen. Die Einheimischen nennen ihn Κράγκα (Krangka). Wer ihn einmal morgens in der Sonne auf einer Telefonleitung sitzen sah, versteht sofort, warum manche dafür sogar das Auto anhalten.

Was genau ist eine Blauracke?
Die Blauracke (Coracias garrulus) gehört zur Familie der Racken (Coraciidae), einer kleinen, uralten Vogelgruppe, die vor allem in Afrika und im tropischen Asien vorkommt. Man kann sie sich als die juwelenfarbenen Verwandten von Eisvögeln und Bienenfressern vorstellen: auffällig, farbenprächtig, lauernde Jäger mit Sinn für den großen Auftritt. Die Blauracke ist das einzige Mitglied ihrer ganzen Familie, das irgendwo in Europa brütet – und damit auf dem Kontinent eine echte Besonderheit. Sie ist ein typischer Vogel der Alten Welt und verbindet die warmen Agrarlandschaften Spaniens und Zyperns mit den offenen Savannen Afrikas.
Ein Reisender aus tiefer Zeit
Racken gibt es als Vogelgruppe seit vielen Millionen Jahren, ihr Fossilnachweis reicht bis ins Eozän zurück. Die Blauracke selbst zieht seit Jahrtausenden zwischen Afrika und Europa hin und her und folgt dabei denselben Zugrouten, lange bevor Menschen Grenzen auf Karten eingezeichnet haben.
Auch auf Zypern reicht die Verbindung dieses Vogels zum Menschen bis in die Antike zurück. Schon die alten Griechen kannten ihn gut – der Name Coracias leitet sich vom griechischen korakias ab und spielt auf den krähennlichen Ruf an. Wegen ihres auffälligen Gefieders fand die Art auch in der klassischen Naturkunde Beachtung. Wissenschaftlich beschrieben wurde sie 1758 von Carl von Linné, passend mit dem Artnamen garrulus – lateinisch für “geschwätzig”. Gemeint ist damit ihre laute, raue Stimme, die in schönem Kontrast zu ihrer stillen, edel wirkenden Erscheinung steht.
In Blau gemalt – ein Porträt der Krangka
Die Blauracke ist etwa so groß wie ein Eichelhäher – rund 30 Zentimeter lang und mit einer Flügelspannweite von bis zu 58 Zentimetern. Ihr Körper leuchtet in einem satten Türkisblau, das an den Flügeln in ein kräftiges Kobaltblau übergeht. Rücken und Flügeldecken schimmern warm kastanienorange. Zusammen ergibt das eine Farbpalette, die für die Natur fast schon zu intensiv wirkt. Im Flug blitzen die Flügel elektrisch blau und schwarz auf – selbst aus einiger Entfernung gut zu erkennen.

Männchen und Weibchen sehen gleich aus, was bei so farbenprächtigen Vögeln eher ungewöhnlich ist. Junge Blauracken wirken etwas blasser und unauffälliger als die erwachsenen Tiere – immer noch klar erkennbar schön, nur noch nicht ganz in voller Farbe.
Ihr Ruf hat allerdings nichts Melodisches: ein raues, krächzendes rack-rack-rack, fast wie eine kleine Krähe, die lautstark protestiert. Sie sitzt aufrecht und regungslos auf freiliegenden Leitungen, Ästen oder Zaunpfählen, beobachtet geduldig den Boden und stößt dann hinab, um einen großen Käfer, eine Heuschrecke oder eine Eidechse zu packen.
Interessante Fakten
- Der Name “roller” bezieht sich nicht auf einen watschelnden Gang des Vogels, sondern auf seine spektakuläre Balz in der Luft – das Männchen stürzt sich dabei in eine Folge aus Drehungen, Überschlägen und seitlichen Rollbewegungen, bei denen man wirklich staunend stehen bleibt.
- Die Blauracke ist die einzige Coracias-Art, die in der westlichen Paläarktis brütet – anders gesagt: In ganz Europa und im Nahen Osten ist sie das einzige Mitglied ihrer tropischen Familie, das nördlichere Breiten als Brutgebiet nutzt.
- Trotz ihres tropischen Aussehens überwintert die Blauracke in Afrika südlich der Sahara, und zwar in zwei klar getrennten Regionen – vom Senegal ostwärts bis Kamerun sowie von Äthiopien westwärts bis zum Kongo und südwärts bis nach Südafrika.
- Die Sahel-Savanne rund um den Tschadsee ist ein wichtiger Rastplatz im Herbst für Blauracken auf dem Weg nach Süden – ein Vogel, den man im Mai auf Zypern sieht, kann im September am Tschadsee Pause machen.
- Ihr zyprisch-griechischer Name Κράγκα ist lautmalerisch – spricht man ihn laut aus, klingt er erstaunlich ähnlich wie der echte Ruf des Vogels.
- Ein Individuum wurde während des Zuges sogar einmal nach einer Kollision mit einem Flugzeug über dem Arabischen Meer registriert – ein Hinweis darauf, welche enormen Distanzen diese Vögel zurücklegen.
Das Leben der Blauracke: Nisten, Jagen und Balzen
Die Blauracke sucht ihre Nahrung – vor allem mittelgroße bis große Insekten, aber auch Eidechsen, Nagetiere und gelegentlich kleine Vögel – von erhöhten Sitzwarten aus. Von dort stößt sie zum Boden hinab, ergreift ihre Beute und kehrt dann auf ihren Posten zurück, um sie zu fressen. Große Käfer, Heuschrecken und Zikaden bilden den Hauptteil ihrer Nahrung. Deshalb bevorzugt die Art offene Agrarlandschaften mit reichem Insektenvorkommen.

Sie brütet in Baumhöhlen, Hohlräumen in sandigen Böschungen, alten Mauern und manchmal auch in Gebäuden. Auf Zypern bieten alte Olivenbäume und die traditionellen Trockensteinmauern der Landschaft ideale Nistplätze. Wo natürliche Höhlen fehlen, nehmen Blauracken auch gern Nistkästen aus Holz an. Naturschützer in Nordzypern nutzen genau das, um der Art in Gebieten zu helfen, in denen alte Bäume durch die Landwirtschaft verloren gegangen sind.
Die Balz ist unvergesslich. Das Männchen steigt hoch auf und stürzt sich dann in eine Folge steiler Sturzflüge und seitlicher Rollbewegungen, während es ununterbrochen laut ruft – das wirkt eher wie kontrolliertes Fallen als wie normales Fliegen. Unter den Vögeln Europas gehört das zu den eindrucksvollsten Schauspielen überhaupt.
Die Blauracke auf Zypern heute
Auf der Karpas-Halbinsel kommt die Blauracke noch recht häufig vor, und auch die Nordküste ist von intensiver Landwirtschaft vergleichsweise verschont geblieben – dort findet sie die offenen, locker mit Bäumen bestandenen Agrarflächen, auf die sie angewiesen ist. Auch Akrotiri, Paphos und Pissouri zeigen, dass die Art den Süden der Insel erreicht, wenn auch seltener. Wahrscheinlich handelt es sich dort vor allem um Durchzügler oder um Vögel, die die verbliebenen geeigneten offenen Lebensräume an der Küste nutzen. Die Mesaoria-Ebene war früher reich an Bäumen und Buschland, ist heute aber weitgehend zu einer landwirtschaftlichen Monokultur geworden – und der Bestand der Blauracke ist dort entsprechend stark zurückgegangen.
Derzeit laufen aktive Schutzmaßnahmen, um die Bestände durch das Anbringen künstlicher Nisthilfen an geeigneten Standorten zu stabilisieren.
Wann und wo man die Κράγκα sehen kann
Die Blauracke ist ein Sommervogel auf Zypern. Die ersten Tiere treffen meist ab Ende April ein, im Mai nehmen die Zahlen weiter zu. Im Herbst beginnt der Abzug von der Insel früh – teils schon im Juli. Damit gehört sie zu den ersten Zugvögeln, die wieder aufbrechen, und bis August sind die meisten schon verschwunden.

Am besten sucht man sie in den offenen Agrarflächen der Mesaoria, auf der Karpas-Halbinsel sowie an den ruhigeren Straßen im Bezirk Paphos und in der Akamas-Region. Als Ansitz bevorzugt sie Telefonleitungen und freiliegende Äste – fahren Sie an einem warmen Morgen im Mai einfach langsam durch offenes Farmland und beobachten Sie die Leitungen. Wenn Sie eine entdecken, halten Sie an und schauen Sie eine Weile zu. Mit etwas Glück sehen Sie einen Jagdsturzflug – oder, wenn Sie wirklich Glück haben, sogar einen Balzflug mit den typischen Rollbewegungen.
Am schönsten ist das Erlebnis im goldenen Licht der frühen oder späten Stunde, wenn das Türkis ihres Gefieders vor den blassen Kalksteinhügeln regelrecht aufleuchtet – eine Tierbeobachtung, die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.
Ein Juwel, das man kennen sollte
Die Κράγκα ist nicht nur ein schöner Vogel auf der Durchreise. Sie gehört zum lebendigen Charakter der zyprischen Landschaft – ein Tier, das diese Insel mit dem antiken Griechenland, den Savannen Ostafrikas und der größeren Geschichte der Mittelmeer-Natur an der Schnittstelle von drei Kontinenten verbindet. Sie im Sonnenlicht über einem Feld aus trockenem Gras sitzen zu sehen, türkis, rotbraun und auffällig, erinnert daran, dass Wildheit und Schönheit diese Insel noch immer mit uns teilen. Und das sollte man wissen.