Hoch über den stillen Kiefernwäldern des Troodos-Gebirges und den schroffen Graten des Pentadaktylos kreist ein großer, kraftvoller Vogel scheinbar mühelos auf den aufsteigenden Luftströmungen. Er ist weder der farbenprächtigste Vogel Zyperns noch der bekannteste – aber ohne jeden Zweifel der mächtigste. Gemeint ist der Habichtsadler (Aquila fasciata), der einzige große Adler, der auf Zypern noch brütet. Und wenn man seine Geschichte kennt, sieht man die Bergsilhouetten der Insel mit ganz anderen Augen.
- Die Familie der Stiefeladler – ein Kreis echter Meister
- Ein Name, ein Forscher und ein Vogel des Mittelmeerraums
- Porträt eines Beutegreifers
- Spannende Fakten, die man gern weitererzählt
- Ein genauerer Blick auf das Leben auf Zypern
- Der Kampf ums Überleben – damals und heute
- Dem König selbst begegnen
- Warum dieser Adler so wichtig ist
Die Familie der Stiefeladler – ein Kreis echter Meister
Adler gehören zu den bekanntesten Vögeln der Welt. In unzähligen Kulturen stehen sie seit jeher für Stärke, Freiheit und Wildnis. Der Habichtsadler gehört zur Familie der Habichtartigen, den Accipitridae. Seine befiederten Beine zeigen, dass er zur Unterfamilie der Aquilinae gehört, also zu den sogenannten Stiefeladlern – einer besonderen Gruppe mit mindestens 38 Arten, die alle durch ihre bis zu den Zehen befiederten Läufe auffallen. Man kann es sich wie einen sehr exklusiven Kreis innerhalb einer ohnehin schon eindrucksvollen Vogelgruppe vorstellen.

Genetisch ist der Habichtsadler eng mit einigen der imposantesten Greifvögel der Erde verwandt – mit dem Steinadler, dem Kaffernadler und dem australischen Keilschwanzadler. Evolutionsgeschichtlich teilt dieser kompakte und wendige Jäger also seine Wurzeln mit echten Giganten. Was ihm im Vergleich zu manchen Verwandten an reiner Größe fehlt, gleicht er mit Tempo, Präzision und beeindruckender Jagdintelligenz mehr als aus.
Ein Name, ein Forscher und ein Vogel des Mittelmeerraums
Der gebräuchliche Name des Vogels erinnert an Franco Andrea Bonelli, einen italienischen Ornithologen und Sammler, dem die Beschaffung des Typusexemplars zugeschrieben wird – wahrscheinlich bei einer Forschungsreise nach Sardinien. Das passt gut: ein Vogel der rauen, sonnengeprägten Mittelmeerlandschaften, benannt nach einem Mann, der sein Leben ihrem Verständnis gewidmet hat.
Das Brutgebiet der Art reicht von Südeuropa über Afrika entlang der Gebirgsränder der Sahara bis über den indischen Subkontinent hinaus nach Indonesien. Es ist im wahrsten Sinn ein Adler der Alten Welt – mit einem uralten Verbreitungsgebiet und fest verankert in Landschaften, die Menschen und Wildtiere seit Jahrtausenden teilen.
Auf Zypern ist seine Anwesenheit mit großer Wahrscheinlichkeit älter als jede schriftliche Überlieferung. Ende der 1950er Jahre galt die Art auf der Insel noch als häufig, mit einem Bestand von mehr als 50 Brutpaaren. Was danach geschah, ist eine warnende Geschichte, die man erzählen sollte.
Porträt eines Beutegreifers
Der Habichtsadler ist ein kleiner bis mittelgroßer Adler und wird 55 bis 65 cm lang. Die Oberseite ist dunkelbraun, die Unterseite weiß mit dunkler Strichelung. Seine Flügel sind eher kurz und gerundet, der lange Schwanz ist oben grau und unten weiß und endet mit einer breiten schwarzen Endbinde. Füße und Augen sind gelb.

Kurz gesagt ist er eine hervorragend gebaute Jagdmaschine – nicht gemacht, um endlos über Ebenen zu segeln, sondern für Tempo und Wendigkeit im Bergland. Meist jagt er aus der Deckung heraus, mit einem schnellen Vorstoß aus einem Baum heraus. Er kann Beute aber auch ergreifen, indem er Hänge systematisch absucht wie andere Adler oder aus dem Gleitflug heraus im Sturz angreift.
Auf Zypern lebt er vor allem in Bergregionen. Die Nester befinden sich oft am Rand von Wäldern, während die Jagd überwiegend in offenerem Gelände stattfindet. Es sind Vögel des Übergangs – sie nisten geschützt in den Bäumen und jagen draußen in den offenen Flächen.
Spannende Fakten, die man gern weitererzählt
- Der zyprische Name Περτικοσιάχινο (Pertikossiáchino) beschreibt den Vogel wörtlich als eine Art “Rebhuhn-Habicht” – ein Hinweis auf seinen Ruf als tödlich effizienter Jäger von Federwild.
- Der Habichtsadler ist die einzige große Adlerart, die auf Zypern nachweislich brütet – deshalb ist jedes einzelne Tier auf der Insel von unschätzbarem Wert.
- Die meisten Nester auf Zypern – etwa 70 % – werden auf großen Kalabrischen Kiefern gebaut, meist in einer durchschnittlichen Höhe von rund 600-700 Metern.
- Über sein großes Verbreitungsgebiet hinweg umfasst das Beutespektrum des Habichtsadlers fast 200 Arten – damit zählt er zu den anpassungsfähigsten Räubern unter den Vögeln.
- Habichtsadler nehmen verwaiste Jungvögel derselben Art in ein leeres Nest auf – aber nur, wenn der Verlust von Ei oder Jungtier erst wenige Stunden zurückliegt. Ein erstaunlich genaues Zeitfenster für dieses Verhalten.
Ein genauerer Blick auf das Leben auf Zypern
Der aktuelle Bestand auf Zypern wird auf 31-39 Brutpaare geschätzt. Das entspricht ungefähr 0,52-0,65 Paaren pro 100 km². Das Netz der besonderen Schutzgebiete (SPA) umfasst 80 % aller Nistplätze.
Zwischen 1999 und 2002 untersuchten Forschende 32 Paare mit insgesamt 64 Brutversuchen. Dabei wurden 116 Eier gelegt. 71 davon schlüpften, und beachtliche 92,6 % der Paare brachten erfolgreich Junge zum Ausfliegen. Im Durchschnitt lag der Bruterfolg bei 1,6 flüggen Jungvögeln pro Paar.

Für große Adler sind das bemerkenswert gute Zahlen – ein Hinweis darauf, dass Habichtsadler, wenn man sie in Ruhe lässt, sehr fähige und engagierte Eltern sind. Der Bestand auf Zypern gilt als der viertgrößte in Europa – eine auffallende Zahl für eine kleine Insel und ein deutlicher Hinweis darauf, wie wichtig Zypern als Rückzugsraum für diese Art ist.
Der Kampf ums Überleben – damals und heute
Ganz ohne Schatten ist diese Geschichte nicht. Obwohl der Habichtsadler weltweit auf der Roten Liste der IUCN weiterhin als nicht gefährdet eingestuft wird, ist sein Bestand in weiten Teilen Europas stark zurückgegangen. In mehreren Ländern droht ihm möglicherweise sogar das lokale Aussterben. Die Gründe dafür sind großflächige Lebensraumzerstörung, Stromschläge an Masten und anhaltende Verfolgung.
Gerade auf Zypern haben Studien mit Radiotelemetrie gezeigt, dass Abschüsse und Vergiftungen weiterhin die wichtigsten direkten Todesursachen sind.

Die Art ist in Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie aufgeführt. Der zyprische Bestand wird über das NATURA-2000-Netz geschützt, und wichtige Brutgebiete sind als Wildschutzgebiete ausgewiesen, in denen die Jagd nach zyprischem Recht verboten ist.
In jüngerer Zeit wurde außerdem ein LIFE-Projekt gestartet – das East Mediterranean Bonelli’s Eagle Network (EMBoNet). Ziel ist es, den langfristig günstigen Erhaltungszustand der miteinander verbundenen Adlerpopulationen in Griechenland und Zypern zu sichern, die zusammen mehr als 30 % des östlichen Mittelmeerbestands ausmachen.
In Nordzypern verfolgt das Projekt BonBonTrack Adler aus Brutgebieten im Pentadaktylos-Gebirge – die erste Studie dieser Art für die Region. So sollen Jagdgebiete und Wanderkorridore ermittelt werden, die für den Schutz der Art entscheidend sind.
Dem König selbst begegnen
Die besten Chancen, auf Zypern einen Habichtsadler zu sehen, hat man in den ruhigeren Bergregionen – besonders im Paphos-Wald, im Troodos-Gebirge und im Pentadaktylos-Gebirge im Norden. Dort liegen die wichtigsten Rückzugsräume der Art auf der Insel. Die besten Beobachtungsmöglichkeiten gibt es früh am Morgen, vor allem im Spätwinter und im frühen Frühling, wenn die Paare in der Nähe ihrer Nester besonders aktiv sind. Achten Sie auf eine große, schnelle Silhouette, die niedrig über bewaldete Bergrücken zieht – anders als das langsame, majestätische Kreisen eines Geiers fliegt dieser Adler zielgerichtet und schnell.
Für Vogelbeobachter, Wanderer und alle, die wilde Landschaften lieben, bleibt eine Begegnung mit diesem Vogel – auch wenn sie nur kurz ist – lange in Erinnerung.
Warum dieser Adler so wichtig ist
Zypern leistet für seine Größe Erstaunliches, wenn es um Natur und Tierwelt geht. Als kleine Insel an der Schnittstelle von drei Kontinenten hat sie es trotz großer Herausforderungen geschafft, einen der bedeutendsten Bestände eines bedrohten Adlers in Europa zu bewahren. Während die Populationen des Habichtsadlers in vielen europäischen Ländern eingebrochen sind, blieb der Bestand auf Zypern bis weit ins späte 20. Jahrhundert hinein vergleichsweise stabil.

Diese Stabilität kam nicht von ungefähr – sie ist das Ergebnis von Gesetzen, Schutzgebieten, engagierter Forschung und der ursprünglichen Wildheit, die sich Zypern in seinen Bergen bewahrt hat. Das Περτικοσιάχινο ist nicht einfach nur ein Vogel. Es zeigt, wie gut diese Insel mit ihrem natürlichen Erbe umgeht. Und solange es noch über den Kiefern des Troodos kreist, gibt es guten Grund für leisen Optimismus.