Traditionelles Handwerk in den Dörfern Zyperns lernen

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“Lerne ein Handwerk, auch wenn du es nicht brauchst – und wenn dich der Hunger plagt, übe es aus.” Dieses alte zyprische Sprichwort bringt die praktische Lebensweisheit des Dorflebens auf den Punkt. Handwerker beherrschten oft ein zweites Können, um in schwierigen Zeiten der Landwirtschaft zusätzlich Geld zu verdienen. Noch vor gar nicht so langer Zeit waren die Menschen in den Dörfern Zyperns zugleich Bauern oder Hirten und Handwerker.

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Die Menschen mussten erfinderisch sein und viele Fähigkeiten mitbringen, um ihr Einkommen bei Schwierigkeiten aufbessern zu können – und ein Handwerk war dabei immer nützlich. Geflochten wurden Körbe, für wohlhabende Kirchen und Grundbesitzer malte man Ikonen, dazu kamen Silberschmiedekunst, Holzschnitzerei, Keramik und Töpferei, Mosaikarbeiten, Stickerei sowie die Herstellung von Wein und Commandaria und vieles mehr.

Das System des zyprischen Handwerksdienstes

1975 übernahm das Ministerium für Handel, Industrie und Tourismus die Verantwortung dafür, die zyprische Volkskunst zu bewahren, weiterzuentwickeln und als modernes Heimgewerbe und Kunsthandwerk zu fördern. Fachkräfte untersuchten die traditionellen Techniken und starteten erste Projekte, die zunächst vom Hohen Flüchtlingskommissar finanziert wurden. Das Hauptziel war, Flüchtlingen und anderen Betroffenen Arbeit zu geben und gleichzeitig das Heimgewerbe und Kunsthandwerk langfristig auszubauen.

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Um diese Ziele umzusetzen, richtete der Cyprus Handicraft Service 1979 in Nikosia das Handwerkszentrum ein. Dort entstanden Versuchswerkstätten für Stickerei, Weberei, Holzschnitzerei, Töpferei, Metallbearbeitung, Korbflechterei, allgemeines Kunsthandwerk, Lederverarbeitung und Bekleidung. Das Zentrum ist bis heute ein wichtiger Ort für die Herstellung und den Verkauf echter Volkskunst und traditioneller Handarbeiten. Besucher können den Kunsthandwerkern in ihren Werkstätten direkt bei der Arbeit zusehen und erleben, wie alte Techniken bis heute weitergeführt werden.

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Der Cyprus Handicraft Service betreibt Bezirkszentren und Läden in Larnaka, Limassol und Paphos sowie organisierte Webwerkstätten in den Flüchtlingssiedlungen von Latsia und Tsiakkilero. Diese Werkstätten geben Interessierten die Möglichkeit, auf Stücklohnbasis zu arbeiten und für den Cyprus Handicraft Service zu produzieren. In den Geschäften werden echte Handwerksprodukte gezeigt und verkauft, die die traditionellen Gewerke der Insel repräsentieren.

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Lernen in der Werkstatt

Rund um den Garten des Zentrums in Nikosia liegen Werkstätten, in denen Ausbilder und Handwerker traditionelle Objekte der Volkskunst erforschen und studieren. Die erste Werkstatt in der Reihe ist der Stickerei gewidmet. Hier entstehen alle Originalmuster, auf denen die Stickereiproduktion basiert, darunter Lefkaritika, Athienitika, Moditika, Spitzenarbeiten, Häkelarbeiten und Kreuzstich. Besonders herausragend ist die Lefkaritika-Spitze mit ihren vielfältigen Motiven und Mustern, die sich durch ihre Einzigartigkeit auszeichnet.

In der Webwerkstatt stehen traditionelle Webstühle, an denen erfahrene Weberinnen und Weber alte Stoffarten wieder aufleben lassen. Die Gewebe aus Fyti sind für ihre leuchtenden Farben und geometrischen Formen bekannt. Die Webtechnik von Fyti – die typischste Form zyprischer Webkunst – wird seit mehr als 500 Jahren praktiziert. An Webstühlen, die voufa genannt werden, entstehen karpasitika, lefkonitziatika mit Verzierungen und kräftigen Farben sowie fithkiotika mit bunten geometrischen Mustern.

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Die Töpferwerkstatt zeigt viele verschiedene Gefäßarten, glasierte und unglasierte Terrakotta sowie Nachbildungen aus der Antike und byzantinischer Zeit. All das belegt, wie lang die Tradition der Töpferei und Keramik auf Zypern ist. Das Dorf Kornos ist besonders bekannt für seine Töpferwaren aus rotem Ton. Diese Tradition reicht mehrere Jahrhunderte zurück und ist vor allem für große, poröse Gefäße berühmt, die als pitharia bekannt sind. In den Werkstätten lernen die Teilnehmenden traditionelle Techniken wie das vollständige Formen des Tons von Hand und das Arbeiten an fußbetriebenen Töpferscheiben.

Die Metallwerkstatt erinnert Besucher daran, dass Zypern einst die Insel des Kupfers genannt wurde. Handwerker formen mit rhythmischen Hammerschlägen Gegenstände aus Kupfer oder Silber, deren Darstellungen von Gefäßen und Fresken aus archäologischen Museen inspiriert sind. Kessel, Pfannen und andere gut erkennbare Stücke spiegeln dieses alte Handwerk wider.

In der Korbflechterei entstehen Körbe, Tragkörbe und Siebe in vielen Mustern aus den Halmen einer besonderen Weizensorte. Dazu kommen Batik, Makramee, Mosaike und gerahmte Bilder aus Seidenkokons. Beim traditionellen Korbflechten auf Zypern werden meist Schilf und eine schlanke Rohrart verwendet, die sklinitsia genannt wird.

Lernangebote in den Dörfern

Das malerische Dorf Lefkara ist weltweit für seine feine Lefkaritika-Spitze bekannt, die 2009 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. In den dortigen Werkstätten lernen Besucher, mit Nadel und Faden kunstvolle Muster zu schaffen, die seit Jahrhunderten Textilien schmücken. Ein echtes Lefkaritika-Stück kann Hunderte von Arbeitsstunden erfordern und wird traditionell mit nur vier Grundelementen gefertigt: Hohlsaum, Durchbrucharbeit, Füllungen im Plattstich und Nadelspitzenkanten. Zum legendären Ruf dieses Handwerks trug auch der Besuch von Leonardo da Vinci im Jahr 1481 bei.

Im Dorf Fyti gibt es die Route “Weaving of Dreams” mit Werkstätten, in denen Teilnehmende ihre eigenen Fythkiotika-Stoffe herstellen. Unter Anleitung lokaler Kunsthandwerker sitzen sie an traditionellen Webstühlen und weben farbenfrohe Muster, die seit Generationen weitergegeben werden. So wird die Webkunst ganz lebendig, wenn erfahrene Lehrkräfte Techniken zeigen, die seit fünf Jahrhunderten verwendet werden.

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Im Dorf Kornos findet jedes Jahr ein Töpferfestival statt, bei dem Teilnehmende in Workshops mitarbeiten, die von erfahrenen Töpferinnen geleitet werden, den sogenannten mastorisses. Die charakteristische rotbraune Keramiktradition reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Hier lernt man, Ton vollständig mit der Hand zu formen und mit fußbetriebenen Scheiben zu arbeiten, um einzigartige handgefertigte Gefäße herzustellen.

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Das stellvertretende Tourismusministerium hat ein Programm entwickelt, das die Teilnahme an Workshops ermöglicht, in denen sowohl traditionelles Handwerk als auch modernes, zeitgemäßes Kunsthandwerk vermittelt wird. Diese Angebote gibt es von Mai bis November, jeweils mittwochs, an Wochenenden und an Feiertagen in Dörfern auf ganz Zypern.

Formale Ausbildungsprogramme für junge Menschen

In den letzten Jahren ist die Zahl der aktiven Handwerkerinnen und Handwerker in Zypern in allen Bereichen deutlich zurückgegangen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass sich nur wenige junge Menschen für diese Berufe interessieren. Damit diese Handwerke weiterleben, ist es besonders wichtig, die nächste Generation dafür zu gewinnen und sie in traditionellen Techniken und Materialien auszubilden.

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Der Cyprus Handicraft Service hat gemeinsam mit der Human Resource Development Authority of Cyprus Berufsbildungsprogramme für Arbeitslose entwickelt. Angeboten wird eine berufliche Ausbildung in drei traditionellen Handwerken: Stickerei, Keramik und Weberei. Die Programme umfassen insgesamt 700 Stunden – davon 350 Stunden theoretische Ausbildung im Berufsbildungszentrum in Nikosia und 350 Stunden praktische Ausbildung in verschiedenen Werkstätten auf Zypern unter der Aufsicht erfahrener Designer.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Handwerksdienstes gehört es, ein Umfeld und Bedingungen zu schaffen, in denen traditionelle Handwerker ihr Wissen weitergeben können – besonders bei Techniken, die im Nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Zyperns eingetragen sind. Der Cyprus Handicraft Service bietet dafür organisierte Schulungen in verschiedenen Handwerken an, die von der HRDA bezuschusst werden.

Zyperns immaterielles Kulturerbe bewahren

All diese Handwerke gehören heute zum immateriellen Kulturerbe Zyperns. Über die Jahrhunderte hinweg haben Handwerker einen reichen Schatz an Volkskunsttraditionen geschaffen. In ihrer Arbeit drückt sich die innere Welt und das Empfinden der zyprischen Kunsthandwerker aus. Ihr Wissen, ihre Inspiration sowie ihre Erfahrungen und Ideen konnten über die Zeiten hinweg weiterleben, weil sie von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden.

Die Teilnahme an Handwerksworkshops schafft eine direkte und greifbare Verbindung zu den reichen Kunsthandwerkstraditionen Zyperns und unterstützt ihren Erhalt für kommende Generationen. Ob Ton geformt, Stoff gewebt oder Silber graviert wird – jede Erfahrung eröffnet einen eigenen Blick auf die kulturelle Seele der Insel. Gleichzeitig wächst das Interesse an nachhaltigen und umweltfreundlichen Arbeitsweisen, und viele Kunsthandwerker verwenden heute lokale Naturmaterialien und traditionelle Techniken mit geringer Umweltbelastung.

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Workshops und Kulturführungen rund um das Kunsthandwerk werden immer beliebter und sind inzwischen ein fester Teil des Agrotourismus. Besucher können dabei Fertigkeiten wie Töpfern oder Weben direkt von Meisterhandwerkern in deren Dorfwerkstätten lernen. Gerade dieser Schwerpunkt auf Lernen und Mitmachen macht die Workshops zu weit mehr als nur Verkaufsorten – sie sind ein direkter, lebendiger Zugang zur Welt des zyprischen Handwerks.

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