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Knapp unter der Oberfläche der warmen, klaren Mittelmeergewässer rund um Zypern geht ein kleiner, aber leuchtend roter Fisch ganz gelassen seinem Tagwerk nach. Mit seinen bartähnlichen Fäden tastet er den sandigen Meeresboden ab und gräbt konzentriert nach Würmern und Muscheln – fast wie ein erfahrener Spurenleser.

© Julien Renoult www.inaturalist.org

Es ist die Rotbarbe – und genau das tut sie schon seit Millionen von Jahren. So spannend an diesem eher unscheinbaren Fisch ist nicht nur sein Leben unter Wasser, sondern auch die erstaunliche Geschichte, die ihn seit Jahrhunderten mit den Menschen verbindet.

Die Familie der Meerbarben

Die Rotbarbe gehört zur Familie der Mullidae, einer Fischgruppe, die in tropischen und gemäßigten Meeren auf der ganzen Welt vorkommt und zusammenfassend als Meerbarben bekannt ist. Ihren Namen verdanken sie den auffälligen Kinnfäden – zwei fleischigen, schnurrhaarartigen Sinnesorganen unter dem Kiefer, die ein wenig an den Bart einer Ziege erinnern. Weltweit gibt es rund 80 Arten von Meerbarben, im Mittelmeer sind aber vor allem zwei wichtig: Mullus barbatus (die gewöhnliche Rotbarbe) und Mullus surmuletus (die Streifenbarbe). Beide kommen in den Gewässern um Zypern vor und sind den Völkern des Mittelmeerraums seit den frühesten schriftlichen Überlieferungen bekannt. Auf Zypern nennt man die Rotbarbe μπαρμπούνι (barbouni) – derselbe beliebte Name, der im gesamten griechischsprachigen Raum verwendet wird.

Von antiken Tafeln zur kaiserlichen Besessenheit

Kaum ein Fisch hat in der Geschichte eine so leidenschaftliche, beinahe irrationale Begeisterung ausgelöst wie die Rotbarbe in der Antike. Schon damals galt sie als “einer der bekanntesten und wertvollsten Fische” des Mittelmeers – und nirgends war diese Vorliebe so übertrieben wie in Rom.

Seneca bezifferte den Preis für ein Exemplar von zwei Kilogramm auf schwindelerregende 5.000 Sesterzen. Als dann drei besonders große Rotbarben für unglaubliche 30.000 Sesterzen verkauft wurden, soll selbst Kaiser Tiberius beunruhigt gewesen sein und angeblich versucht haben, die Preise auf dem Fischmarkt zu regulieren. Die Römer nannten sie außerdem “Schuhbarbe”, weil ihre Farbe den roten Schuhen der Patrizier ähnelte.

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Diese Faszination ging weit über den Teller hinaus. Die alten Römer hielten Rotbarben in Teichen, wo sie von ihren Besitzern umsorgt und sogar gestreichelt wurden. Man brachte ihnen bei, auf die Stimme oder das Glöckchen des Pflegers zur Fütterung heranzukommen. Manche Tiere wurden sogar zu ihrem Gewicht in Silber verkauft. Von einem römischen Senator heißt es, er habe um den Tod seiner Lieblingsbarbe mehr geweint als je um einen Sklaven.

Auch die Griechen hatten ein vielschichtiges Verhältnis zu diesem Fisch. In Teilen des antiken Griechenlands nannte man ihn τρίγλη (trigle), und in der Mythologie wurde er mit Hekate und Artemis verbunden. Zugleich war sein Verzehr an den heiligen Stätten von Eleusis und im Heraion von Argos verboten. Einige antike Autoren behaupteten sogar, der Fisch ernähre sich von Ertrunkenen – ein düsterer Aberglaube, der seinem Verzehr einen verbotenen Reiz verlieh.

Ein Fisch, gemacht für den Meeresboden

Die Rotbarbe ist ein Musterbeispiel praktischer Eleganz. Sie hat einen mäßig langgestreckten Körper von bis zu 40 cm Länge, zwei deutlich voneinander getrennte Rückenflossen und eine gegabelte Schwanzflosse. Über den Körper ziehen sich rote und braune Längsstreifen, und die erste Rückenflosse trägt auffällige dunkle Zeichnungen. Die beiden Arten in den Gewässern Zyperns unterscheiden sich vor allem dadurch, dass Mullus surmuletus – die Streifenbarbe – diese markanten kräftigen Streifen auf der Rückenflosse zeigt, während Mullus barbatus schlichter wirkt.

Bemerkenswert ist auch ihre Fähigkeit zur Tarnung. Fühlt sie sich bedroht, kann sie die Farbe des Meeresbodens annehmen.

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Die Rotbarbe ist ein bodennah lebender Fisch – das heißt, sie hält sich dicht über dem Grund auf – und kommt von flachen Küstenbereichen bis in überraschende Tiefen vor. Auf ihrem Speiseplan stehen vor allem Vielborster, Muscheln und Krebstiere. Die Kinnfäden dienen als Sinnesorgane, mit denen sie Beute aufspürt. Man kann sie sich wie eingebaute Metalldetektoren für den Meeresboden vorstellen.

Wissenswerte Fakten

  • Die Verbindung zur Ziege – diese Kinnfäden haben der ganzen Familie weltweit den Namen “goatfish” eingebracht. Die Römer nannten den Fisch mullus, was vermutlich auch mit mulleus zusammenhängt, dem Wort für ihre auffälligen roten Patrizierschuhe.
  • Ein sterbender Fisch als Schauspiel – Seneca beschrieb das Schauspiel einer sterbenden Rotbarbe in einer Glasschale, deren Schuppen beim Verenden zwischen roten, blassen und schillernden Farbtönen wechselten. Wohlhabende Römer ließen lebende Rotbarben eigens in Glasgefäßen an den Tisch bringen, um dieses Farbspiel vor dem Essen zu beobachten.
  • Fische, die auf ihren Namen hörten – der römische Senator Quintus Hortensius hielt Rotbarben in Fischteichen, weigerte sich aber, sie zu essen. Angeblich achtete er sorgfältiger darauf, dass seine Rotbarben nicht hungerten, als auf seine Maultiere.
  • Ein lessepsianischer Neuzugang – eine tropische Meerbarbenart, Parupeneus forsskali, ist inzwischen über den Sueskanal aus dem Indischen Ozean in die Gewässer Zyperns eingewandert. Lokale Fischer nennen sie Petrobarbouno (Felsenbarbe), und sie gilt als sehr schmackhaft.

Heiliger Fisch, begehrte Leber

Schon in der Antike war die Barbe bei den Griechen beliebt, die sie Artemis (Diana) weihten. Besonders geschätzt wurde ihre Leber von römischen Feinschmeckern – der berühmte Koch Apicius hinterließ Rezepte, in denen Rotbarbenleber eine Hauptzutat war, zusammen mit Austern, Seeigeln und Hummer.

Die Fortpflanzung findet im Frühjahr und Sommer statt, wobei das Laichen in Tiefen zwischen 60 und 70 m erfolgt. Die Larven ziehen schon bald in flacheres Wasser, und bei einer Länge von etwa 5 cm wandern die Jungfische an die Küste und leben dann bodennah. Manchmal schwimmen sie auch ein kurzes Stück flussaufwärts in Ästuare.

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Was den Schutz betrifft, werden beide Mittelmeerarten derzeit von der IUCN weltweit als nicht gefährdet eingestuft. Mullus surmuletus ist eine relativ kurzlebige Art, die sich schnell fortpflanzen kann. Dennoch gibt es im Mittelmeer Anzeichen für Überfischung, und viele der gefangenen Tiere sind kürzer als 15 cm, also unter zwei Jahre alt und noch nicht geschlechtsreif. Für den Erhalt der Bestände müssen Laichgebiete und Aufwuchsbereiche geschützt werden.

Bis heute auf jedem zyprischen Tisch

Auch heute gehört die Rotbarbe zu den begehrtesten Fischen auf den Fischmärkten und in den Restaurants Zyperns. In Tavernen am Wasser – von Limassol bis Paphos und von Larnaka bis Kyrenia – wird sie meist ganz einfach im Olivenöl gebraten und mit Zitrone serviert. Diese Zubereitung hätte Apicius oder einen römischen Festgast vor zweitausend Jahren wohl kaum überrascht. Zyprische Fischer fangen beide Barbouni-Arten mit Trammelnetzen, Langleinen und kleinem handwerklichem Fanggerät in den flachen Küstengewässern rund um die Insel. Am besten schmecken, so sagen die Fischer, die Exemplare von felsigem Untergrund – das sogenannte Petrobarbouno -, deren Fleisch fester und aromatischer ist als das von Fischen aus schlammigem Boden.

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Zum Schutz der Bestände gilt heute eine Mindestanlandegröße von 11 cm. Fachleute empfehlen jedoch, die Fische erst ab mindestens 15 cm zu entnehmen, damit sie sich wenigstens einmal fortpflanzen können. Nachhaltige Ratgeber für Fisch und Meeresfrüchte in Griechenland und auf Zypern raten Verbraucherinnen und Verbrauchern zunehmend dazu, größere saisonale Fische zu wählen und lokale Kleinfischerei statt industrieller Schleppnetzfischerei zu unterstützen.

Wo man die Rotbarbe rund um Zypern findet

Am wahrscheinlichsten begegnet man der Rotbarbe auf Zypern auf dem Teller – doch auch Taucher können sie in flachen Küstenbereichen entlang felsiger und sandiger Abschnitte rund um die Insel entdecken. Unter Wasser wirken sie sympathisch geschäftig: den Kopf nach unten, die Kinnfäden ständig in Bewegung und völlig vertieft in ihre uralte Aufgabe, den Meeresboden zu durchwühlen. Sie kommen in den Küstengewässern Zyperns überall vor, besonders rund um Akamas, im Meeresgebiet von Paphos, am Kap Greko bei Ayia Napa und an den felsigen Vorsprüngen der Karpas-Halbinsel. Auf den Fischmärkten in Limassol und Larnaka sieht man sie oft frisch, und geduldige Schnorchler entdecken sie manchmal an ruhigen Sommermorgen in flachen sandigen Buchten.

Kleiner Fisch, lange Erinnerung

Die Rotbarbe hat etwas still Bemerkenswertes an sich. Sie ist weder der größte Fisch im Meer noch der seltenste oder spektakulärste. Und doch hat dieses kleine Wesen mit seinen Bartfäden römische Kaiser dazu gebracht, Fischmärkte zu regulieren, griechische Gelehrte zum Schreiben über seine Fortpflanzung angeregt, einen Platz in den heiligen Riten der Artemis gefunden und seit Jahrtausenden die Tische zyprischer Fischer bereichert. Sie verbindet die Gegenwart der Insel mit ihrer tiefsten Vergangenheit – und erinnert daran, dass das Meer rund um Zypern nicht nur Geografie ist, sondern verflüssigte Geschichte. Wenn Sie also das nächste Mal einen Teller Barbouni sehen, goldbraun gebraten und duftend serviert, dann haben Sie eines der ältesten und geschichtsträchtigsten Gerichte des Mittelmeers vor sich.

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