Die Bezeichnung Grüne Linie geht auf einen grünen Chinagraph-Stift zurück, mit dem der britische Generalmajor Peter Young am 30. Dezember 1963 in Nikosia eine Waffenstillstandslinie auf eine Karte zeichnete. Nach blutigen Zusammenstößen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten markierte dieser Strich nach einer zwölfstündigen Sitzung die Front – und wurde zur Grundlage einer der sichtbarsten politischen Trennlinien Europas.

Heute zieht sich die Grüne Linie rund 180 Kilometer von Kato Pyrgos im Westen bis Paralimni im Osten und teilt die Insel komplett. Ihre Breite variiert: Im Zentrum von Nikosia sind es nur 3,3 Meter, in ländlichen Abschnitten bis zu 7,4 Kilometer. Die Pufferzone umfasst 346 Quadratkilometer, etwa 3,7 Prozent der Gesamtfläche Zyperns. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 ist Nikosia die letzte geteilte Hauptstadt der Welt – und ist es bis heute.
Vom Stiftstrich zur Militärgrenze
Die Grüne Linie von 1963 bezog sich zunächst nur auf Nikosia und war eher informell. Alles änderte sich 1974 mit der türkischen Invasion. Nach einem Putschversuch griechisch-zyprischer Nationalisten, die den Anschluss an Griechenland anstrebten, griff die Türkei militärisch ein und eroberte rund 37 Prozent der Insel. Der Waffenstillstand vom 16. August 1974 fror die Frontlinien ein. Diese Linien bilden bis heute die Grenzen der Pufferzone: Im Norden steht das türkische Militär, im Süden die Republik Zypern.

Die UN-Friedenstruppe auf Zypern (UNFICYP) übernahm die Überwachung der Zone. Auf der nördlichen Seite entstanden Sperranlagen mit Stacheldraht, Betonmauern, Wachtürmen und Panzergräben. In einigen Bereichen liegen bis heute Tausende Minen. In den ersten sieben Jahren eines Räumprogramms wurden über 27.000 Minen beseitigt und 81 Minenfelder für geräumt erklärt.
Wie die Pufferzone heute aussieht
Die Pufferzone umfasst einige der ungewöhnlichsten Landschaften Europas. In der Innenstadt von Nikosia verfallen seit 1974 verlassene Gebäude nur wenige Meter neben belebten Einkaufsstraßen. Autos stehen dort, wo ihre Besitzer 1974 flüchteten – seit fast fünf Jahrzehnten. In einer Tiefgarage warten Neuwagen der 1970er Jahre, die nie abgeholt wurden. Der stillgelegte Flughafen Nikosia stellte 1974 seinen Betrieb ein und ist innerhalb der Zone eine Zeitkapsel geblieben; UNFICYP nutzt das Gelände als Hauptquartier.

Anderswo wirkt die Zone völlig ländlich. In weiten Agrargebieten ist Landwirtschaft mit entsprechenden UN-Genehmigungen erlaubt. Wälder und Buschland konnten über fünf Jahrzehnte ungestört wachsen und bilden heute unbeabsichtigte Wildtierkorridore, die die Artenvielfalt fördern – mit Vögeln, Füchsen und zahlreichen Pflanzenarten. Das Dorf Pyla liegt im östlichen Teil der Pufferzone und ist der einzige Ort auf Zypern, in dem griechische und türkische Zyprioten weiterhin Tür an Tür leben. Es wird von der Republik Zypern verwaltet, die Polizeihoheit übt jedoch die UN aus.
Die Öffnung 2003 veränderte den Alltag
Fast drei Jahrzehnte nach 1974 war ein Grenzübertritt für die meisten Menschen praktisch unmöglich. Am 23. April 2003 änderte sich das: Die türkisch-zyprische Verwaltung öffnete erstmals Übergänge, sodass griechische Zyprioten in den Norden und türkische Zyprioten in den Süden reisen konnten. Bewegende Szenen von Familien, die ihre früheren Häuser und Dörfer besuchten, gingen um die Welt. Inzwischen sind neun Übergänge über die Insel verteilt geöffnet.
In Nikosia wurde im April 2008 der Übergang in der Ledrastraße als reine Fußgängerroute mitten in der Altstadt eröffnet. Der Übergang Ledra Palace ist für Fußgänger und Diplomatenfahrzeuge geöffnet. Agios Dometios ist der wichtigste Straßenübergang in Nikosia. Weitere Übergänge in Astromeritis, Pyrgos Limnitis, Pergamos, Strovilia, Dherynia und Lefka bedienen unterschiedliche Regionen. Die beiden östlichen Übergänge in Dherynia und Lefka wurden im November 2018 erstmals seit acht Jahren gleichzeitig geöffnet.
Praktische Regeln für den Grenzübertritt heute
Grundsätzlich kann jeder mit gültigem Reisepass die Grüne Linie in beide Richtungen überqueren. Bürger aller Staaten – einschließlich griechischer und türkischer Zyprioten – dürfen alle Übergänge nutzen. An den Kontrollstellen wird ein separates Blatt ausgehändigt, auf dem die Passdaten erfasst werden. Mietwagen dürfen die meisten Übergänge passieren; klären Sie vorab mit der Mietfirma die Versicherungsbedingungen, zusätzliche Policen sind an den Kontrollpunkten erhältlich. Die Übergänge Ledra Palace und Ledrastraße sind nur für Fußgänger.

Die Republik Zypern führt bei Einreisen aus dem Norden Identitätskontrollen durch, unterhält dort jedoch keine formelle Grenzabfertigung. Eine wichtige Regel gilt für alle: Besucher dürfen nicht im Norden einreisen und im Süden ausreisen – oder umgekehrt. Dies würde als illegale Einreise in die Republik Zypern über eine von ihr nicht anerkannte Grenze gelten. Man muss stets auf derselben Seite ein- und ausreisen. Zypern ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union; die EU-Verordnung 866/2004 hob Beschränkungen für EU-Bürger auf, Europäer können somit frei passieren.
Varosha als Sinnbild des eingefrorenen Konflikts
Varosha, das frühere Touristenviertel von Famagusta, ist das bekannteste Symbol der Teilung. Einst ein Top-Ziel im Mittelmeerraum, leerte sich Varosha im August 1974 binnen Stunden, als 45.000 Bewohner flohen. Das türkische Militär riegelte das Gebiet sofort ab – über Jahrzehnte blieb es vollständig gesperrt. Gebäude verfielen, während die Natur Straßen und Gärten Stück für Stück zurückeroberte.

2020 öffneten die türkischen Behörden erstmals seit 46 Jahren einen Abschnitt des Strandes von Varosha teilweise – ein Schritt, den der UN-Sicherheitsrat als beklagenswert bezeichnete. Die Republik Zypern und die griechisch-zyprische Gemeinschaft sehen darin einen Verstoß gegen UN-Resolutionen. International fiel die Reaktion überwiegend kritisch aus. Die Geisterstadt bleibt umstritten, und das Schicksal der Vertriebenen, die dort alles verloren, ist weiter ungeklärt.
Die menschliche Dimension hinter den Zahlen
Über 200.000 griechische Zyprioten flohen 1974 aus dem Norden oder wurden vertrieben, mehr als 40.000 türkische Zyprioten verließen den Süden. Rund 1.500 Menschen galten als vermisst; ihr Schicksal blieb jahrzehntelang ungeklärt. Der Ausschuss für Vermisste hat mithilfe von DNA-Analysen inzwischen über 1.100 Personen identifiziert. Viele Familien erfuhren erst nach einem halben Jahrhundert, was mit ihren Angehörigen geschah.

Besitzansprüche Vertriebener gehören zu den schwierigsten Hürden für eine künftige Lösung. Zehntausende Menschen halten bis heute Grundbücher für Häuser und Land, zu denen sie seit fünf Jahrzehnten keinen Zugang haben. Die emotionale Last dieser offenen Fragen prägt die Politik auf beiden Seiten und erschwert Kompromisse selbst dann, wenn Verhandlungen kurz vor einer Einigung stehen.
Das bleibende Erbe der Grünen Linie
Die Grüne Linie prägt den Alltag auf einer Insel mit nur etwa 1,2 Millionen Einwohnern bis heute. Tausende Zyprioten überqueren sie regelmäßig zum Arbeiten, Einkaufen oder für Besuche. Türkische Zyprioten fahren in den Süden, wo Löhne, Gesundheitsversorgung und Dienstleistungen des EU-Mitgliedstaats oft besser sind. Griechische Zyprioten besuchen den Norden, um frühere Familienhäuser zu sehen, historische Stätten zu erkunden oder einfach einen anderen Teil ihres Landes kennenzulernen.
Gleichzeitig brachte die Zone unerwartete Nebeneffekte mit sich – vom Schutz von Wildtieren über konservierte Kulturgüter bis hin zu wachsendem Interesse im Tourismus.

Die Teilung Nikosias macht die Stadt einzigartig: Man kann innerhalb weniger Minuten zwischen zwei politischen Welten wechseln. Die laufende UN-Mission – eine der am längsten andauernden Friedenseinsätze überhaupt – sichert die Ruhe, während die Gespräche über eine Wiedervereinigung weiterhin ohne Ergebnis bleiben. Wie es mit der Grünen Linie weitergeht, ist völlig offen. Mehr als fünfzig Jahre nach dem berühmten Stiftstrich gehört Zypern damit weiterhin zu den politisch ungeklärtesten Orten Europas.