Der Europäische Aal in Zypern

5 Minuten Lesezeit Auf der Karte ansehen

In den Flüssen, Stauseen und stillen Feuchtgebieten Zyperns lebt noch immer ein bemerkenswerter Wanderfisch – fast unbemerkt.

© Sylvain Le Bris inaturalist.org

Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) gehört zu den geheimnisvollsten Süßwasserbewohnern der Insel. Seine Lebensgeschichte verbindet Zypern nicht nur mit dem Mittelmeer, sondern auch mit dem fernen Atlantik und der sagenumwobenen Sargassosee. Es ist eine Geschichte von Ausdauer, Unterbrechungen und einer überraschenden Wiederentdeckung.

Eine Reise über Ozeane und Inseln hinweg

Der Europäische Aal gehört zu den katadromen Fischarten – also zu Tieren, die im Süßwasser heranwachsen, zur Fortpflanzung aber ins Meer zurückkehren. Nach dem Schlüpfen in der Sargassosee treiben die winzigen, durchsichtigen Larven Tausende Kilometer weit, bis sie die Küsten Europas und Nordafrikas erreichen.

Zypern liegt ganz am östlichen Rand dieses Verbreitungsgebiets. Lange ging man davon aus, dass Aale in den Binnengewässern der Insel selten oder sogar gar nicht vorkommen – vor allem wegen des trockenen Klimas und der stark veränderten Flüsse. Deshalb war Zypern im Rahmen der EU-Verordnung 1100/2007 von der europäischen Schutzplanung für den Aal ausgenommen. Neuere Forschungen haben dieses Bild jedoch grundlegend verändert.

Zyperns Gewässer: Zerschnitten, aber lebendig

Für das Leben im Süßwasser ist Zypern heute ein Land der Gegensätze. Viele Flüsse führen nur zeitweise Wasser – im Winter nach Regenfällen, bevor sie im Sommer austrocknen. Gleichzeitig hat die Insel eine der höchsten Talsperrendichten Europas, mit mehr als hundert Stauseen, die die natürlichen Flusssysteme stark verändert haben.

So ist ein Flickenteppich aus Lebensräumen entstanden – manche eignen sich für die Wanderung von Fischen, andere wirken wie unüberwindbare Hindernisse. Und doch haben sich Aale in diesem zerschnittenen System gehalten.

Untersuchungen mit Umwelt-DNA und langfristige Fischkartierungen zeigten, dass der Europäische Aal in mehreren Tiefland-Einzugsgebieten vorkommt, besonders im Westen der Insel.

Am häufigsten findet man ihn in niedriger gelegenen Gebieten nahe der Küste, wo die Verbindung zwischen Meer und Süßwasser noch besteht.

Eine wissenschaftliche Überraschung: Die Aale waren die ganze Zeit da

Lange blieb unklar, wie es wirklich um die Aale in Zypern steht. In klassischen Erhebungen wurden nur vereinzelt Tiere erfasst, und viele gingen davon aus, dass sich in einer so trockenen und zersplitterten Landschaft keine stabilen Bestände halten können.

Doch durch ein kombiniertes Monitoring änderte sich dieses Bild vollständig. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren wurden mehr als 350 einzelne Aale nachgewiesen, dazu kamen zahlreiche Funde in Proben von Umwelt-DNA.

Besonders überraschend war, dass Aale in ganz unterschiedlichen Lebensräumen gefunden wurden – in Flüssen, Stauseen, Feuchtgebieten und quellgespeisten Bächen. Das zeigt, dass sie viel anpassungsfähiger sind, als man lange dachte.

Silberne Wanderer: Die ersten bestätigten Rückkehrer

Die vielleicht bemerkenswerteste Entdeckung kam erst vor Kurzem: die ersten bestätigten Blankaale im Binnenland Zyperns – also ausgewachsene Tiere in jenem Lebensstadium, in dem sie sich auf die Wanderung ins Meer vorbereiten.

© Tomas Broucek inaturalist.org

Diese Blankaale wurden gefangen, als sie versuchten, flussabwärts in Richtung Meer zu wandern. Das zeigt, dass zumindest ein Teil der Tiere auf der Insel seine lange Wachstumsphase im Süßwasser vollständig durchläuft.

Dieser Fund veränderte alles. Er belegt nicht nur ihre Anwesenheit, sondern auch eine erfolgreiche Entwicklung und die reale Möglichkeit zur Rückwanderung innerhalb der zyprischen Süßwassersysteme.

Spannende Fakten über den Aal in Zypern

  • Der Europäische Aal kann zwischen Laichgebiet und Aufwuchshabitat mehr als 5.000 km zurücklegen.
  • Einige Aale in Zypern wurden vor ihrer Wanderung mit einer Länge von über 60 cm erfasst.
  • Sie können sowohl in klaren Gebirgsbächen als auch in trüben Stauseen des Tieflands überleben.
  • Während der sogenannten “Versilberung” verändert sich ihre Körperform deutlich – als Vorbereitung auf das Leben im Meer.
  • Trotz ihres schlangenartigen Aussehens sind sie echte Fische mit einem faszinierenden Lebenszyklus voller Metamorphosen.

Leben zwischen Barrieren und Rückzugsräumen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus neueren Studien ist, wie stark Aale auf durchgängige Gewässer angewiesen sind. In Zypern versperren Dämme und ausgetrocknete Flussabschnitte oft den Weg und drängen die Tiere in isolierte Rückzugsräume im Tiefland.

Dort, wo das ganze Jahr über Wasser bleibt – in Quellen, Feuchtgebieten oder an den Ausläufen von Stauseen – können Aale überleben und wachsen. Doch ob sie diese Rückzugsräume überhaupt erreichen, entscheidet über ihr langfristiges Überleben.

Forschende gehen davon aus, dass eine bessere Durchgängigkeit der Flüsse ihre Chancen deutlich erhöhen könnte, geschlechtsreif zu werden und erfolgreich ins Meer zurückzukehren.

Warum das heute wichtig ist

Der Europäische Aal gilt in seinem gesamten Verbreitungsgebiet als vom Aussterben bedroht. Zypern, das früher eher als Randgebiet für seinen Schutz galt, wird heute als wichtiger östlicher Vorposten der Art angesehen.

Die Süßwassersysteme der Insel könnten als verborgene Rückzugsräume dienen und Bestände stützen, die zur allgemeinen Erholung der Art im Mittelmeerraum beitragen. Gleichzeitig zeigt ihr Beispiel, wie stark menschliche Infrastruktur – Dämme, Kanäle und Wasserentnahme – selbst abgelegene ökologische Zusammenhänge verändern kann.

© Denis Makhnovsky inaturalist.org

Diese Wanderwege zu schützen, ist nicht nur für Zypern wichtig. Es geht darum, eine der außergewöhnlichsten wandernden Tierarten Europas zu bewahren.

Dem unsichtbaren Nomaden der Flüsse begegnen

Auch wenn man ihn nur selten zu Gesicht bekommt, lässt sich der Aal in Zypern noch immer finden. Die besten Chancen bestehen nachts an Tieflandbächen, Bewässerungskanälen und an den Ufern von Stauseen – besonders in den westlichen Einzugsgebieten.

Wer aufmerksam sucht, erlebt beim Anblick eines sich bewegenden Aals fast wie nebenbei ein Stück tiefer Evolutionsgeschichte in Bewegung: ein Tier, das sein Leben im offenen Ozean beginnt und dann viele Jahre verborgen in den Binnengewässern der Insel verbringt.

Abschließende Gedanken

Der Europäische Aal in Zypern ist mehr als nur ein Fisch – er ist ein Wanderer zwischen zwei Welten. Seine Präsenz verbindet die zerschnittenen Flüsse der Insel mit einem Ozean, der Tausende Kilometer entfernt liegt, und erinnert daran, dass selbst stark veränderte Landschaften noch immer überraschendes Leben beherbergen können.

Wenn wir diesen stillen Wanderer besser verstehen und schützen, lernen wir auch etwas Größeres über Zypern selbst: dass seine Gewässer, so klein und oft übersehen sie auch sein mögen, Teil einer viel größeren ökologischen Geschichte sind, die sich bis heute weiter entfaltet.

Entdecken Sie mehr über die faszinierenden Facetten Zyperns