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Unter der türkisfarbenen Oberfläche des zyprischen Meeres, unsichtbar für die Sonnenbadenden am Strand, verbirgt sich eine der erstaunlichsten Lebensgemeinschaften der Erde. Kein Riff, kein Kelpwald, sondern etwas noch viel Älteres und Bemerkenswerteres – eine Wiese aus blühendem Seegras, das sich sanft in der Strömung wiegt und älter ist als die meisten Zivilisationen. Und Zypern könnte, wie sich zeigt, einen der widerstandsfähigsten Bestände dieses Grases im gesamten Mittelmeer beherbergen.

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Keine Alge, sondern eine echte Blütenpflanze

Viele Menschen halten Neptungras für eine Alge – ganz gleich, ob sie es als braune Blätter am Strand sehen oder beim Schnorcheln entdecken. Doch das stimmt nicht. Posidonia oceanica, auch Neptungras oder Mittelmeer-Seegras genannt, ist eine echte Blütenpflanze und mit Gräsern und Lilien an Land verwandt.

Die Art gehört zur Familie der Posidoniaceae und innerhalb der Einkeimblättrigen zur Ordnung der Froschlöffelartigen – also zu derselben großen Pflanzengruppe wie Schilf, Palmen und Orchideen. Wie Pflanzen an Land besitzt sie Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten und Früchte. Der Unterschied ist nur, dass sie sich vor vielen Millionen Jahren für ein Leben auf dem Meeresboden entschieden hat.

Vom Land ins Meer: eine uralte Wanderung

Die Geschichte des Neptungrases begann nicht im Wasser, sondern an Land. Lange bevor das Mittelmeer seine heutige Form hatte, lebten die Vorfahren der Posidonia auf trockenem Boden. Im Lauf der Erdgeschichte schafften einige Entwicklungslinien den erstaunlichen Schritt zurück ins Meer – etwas, das in der gesamten Geschichte des Lebens auf der Erde nur sehr wenigen Blütenpflanzen gelungen ist.

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Die Gattung Posidonia ist nach Poseidon, dem griechischen Gott des Meeres, benannt. Das Artepitheton oceanica verweist auf ihre frühere weite Verbreitung. Carl von Linné beschrieb die Art erstmals botanisch in seinem Systema Naturae, auch wenn die Gattung ursprünglich noch Zostera hieß.

Auf Zypern gehört diese Pflanze schon zur Küstenlandschaft, seit lange bevor Menschen die Insel erreichten. Die Wiesen rund um die Insel markieren das östlichste und zugleich wärmste Verbreitungsgebiet der Art – eine lebende Grenzregion, in der sich das Neptungras unter Bedingungen hält, die seine Verwandten weiter westlich stark belasten würden. Genau das macht die zyprischen Bestände wissenschaftlich so außergewöhnlich.

Ein Porträt der Pflanze

Neptungras bildet dichte Unterwasserwiesen und bedeckt sandige wie felsige Meeresböden, meist in Tiefen zwischen einem und vierzig Metern. Die Blätter können bis zu 1,5 Meter lang werden, sind etwa einen Zentimeter breit und besitzen 13 bis 17 parallele Rippen. Solange sie leben, sind sie leuchtend grün, später werden sie braun und werden abgestoßen.

Die Pflanze besitzt zwei Arten unterirdischer Sprosse, sogenannte Rhizome: horizontale, die sich über den Meeresboden ausbreiten, und vertikale, die nach oben wachsen, um mit den sich ablagernden Sedimenten Schritt zu halten. Über Jahrhunderte entsteht aus diesen Rhizomen, den Wurzeln und den festgehaltenen Sedimenten eine dicke, dichte Schicht, die als “Matte” bekannt ist – eine schwammartige, terrassenförmige Struktur, die mehrere Meter mächtig werden kann.

Die Wachstumsrate gehört zu den niedrigsten aller Meerespflanzen: Horizontale Rhizome wachsen nur 1 bis 6 cm pro Jahr, vertikale Rhizome 0,1 bis 4 cm pro Jahr. Für ein einziges neues Blatt braucht die Pflanze etwa 51 Tage. Wegen dieses extrem langsamen Wachstums kann eine zerstörte Wiese Jahrhunderte für ihre Erholung brauchen – oder sie kommt überhaupt nicht mehr zurück.

Die Blüten des Neptungrases erscheinen im Herbst. Seine kleinen, fleischigen und schwimmfähigen Früchte werden von Strömungen an neue Orte getragen. In Italien nennt man sie “die Olive des Meeres” (l’oliva di mare).

Fünf überraschende Fakten über Neptungras

  • Es ist älter als die Pyramiden – und zwar deutlich. Eine einzelne Klonkolonie von Posidonia oceanica kann sich ungeschlechtlich vermehren und genetisch identische Kopien von sich selbst hervorbringen. Ein solcher Organismus, der sich über bis zu 15 Kilometer Breite erstreckt und schätzungsweise mehr als 6.000 Tonnen wiegt, könnte gut über 100.000 Jahre alt sein.
  • Es übertrifft den Amazonas beim Atmen. Posidonia hat eine sehr hohe Fähigkeit, Kohlenstoff aufzunehmen, und kann jedes Jahr 15-mal mehr Kohlendioxid binden als eine gleich große Fläche des Amazonas-Regenwalds.
  • Es hält den Strand zusammen. Wenn die Blätter absterben und an Land gespült werden, bilden sie große Schutzwälle, die sogenannten Banquettes, die bis zu 2,5 Meter dick werden können. Sie wirken als natürliche Barriere gegen Küstenerosion.
  • Es fängt Plastik ein. Neuere Forschung zeigt, dass Neptunbälle – faserige Kugeln, die sich aus abgerissenen Wurzeln und Rhizomen bilden – Mikroplastik einfangen und ansammeln, während sie über den Meeresboden rollen. So entfernen sie gewissermaßen Schadstoffe aus dem Wasser, bevor sie an Land gespült werden.
  • Es ist das älteste Lebewesen Zyperns. Ein Exemplar, das in der Bucht von Vasiliko an der Südküste Zyperns entdeckt wurde, wurde mithilfe der Lepidochronologie auf etwa 5.500 Jahre datiert – also durch das Zählen der jährlichen Blattnarbenschichten an den Rhizomen, ähnlich wie bei Jahresringen von Bäumen. Dieser einzelne Organismus war bereits uralt, als auf der Insel gerade erst die Bronzezeit begann.

Die rätselhaften Kugeln am Strand

Wer im Herbst oder Winter an einem zyprischen Strand unterwegs ist, entdeckt manchmal seltsame braune Faserkugeln im Sand – manche kaum größer als eine Erbse, andere so groß wie ein Tennisball. Dann begegnet man Posidonia in ihrer ungewöhnlichsten Form.

Diese Gebilde heißen Egagropili (Einzahl: Egagropilus). Sie entstehen durch die mechanische Wirkung von Wellen und Strömungen, die Bruchstücke von Wurzeln, Rhizomen und Blättern in Vertiefungen des Meeresbodens entlang der Mittelmeerküsten verwirbeln und aufrollen. Der Name stammt aus dem Altgriechischen: αἴγαγρος bedeutet Wildziege, πῖλος Filz oder Fell – ein Hinweis auf das verfilzte, strukturierte Aussehen dieser Kugeln.

© carla corazza www.inaturalist.org

Diese dichten Faserkugeln werden durch die Brandung entlang der Küste geformt und abgelagert. Viele Strandbesucher und auch Tourismusbehörden sehen sie als lästig an und entfernen sie oft als Abfall. Dabei erfüllen sie eine wichtige ökologische Funktion: Sie helfen, Strandsedimente zu stabilisieren, und bieten kleinen wirbellosen Tieren Lebensraum.

Auf gewisse Weise sind diese Kugeln die Autobiografie der Wiese unter den Wellen – zurückgelassenes Material einer lebenden Gemeinschaft, die seit Jahrtausenden auf dem Meeresboden besteht. So eine Kugel an einem zyprischen Strand zu finden, ist still und leise etwas ganz Besonderes.

Zypern und die Hitzebelastung

Besonders spannend am zyprischen Neptungras ist, was es über die Zukunft des Mittelmeers verrät. Das Wasser oberhalb der sommerlichen Thermokline rund um Zypern erreicht regelmäßig 29°C – und liegt damit nahe an der bekannten oberen Temperaturgrenze der Art. Anders gesagt: Das zyprische Neptungras lebt genau an der Grenze dessen, was diese Pflanze eigentlich aushalten kann.

Und trotzdem überlebt es – ja, an manchen Orten gedeiht es sogar besonders gut. Die Seegraswiesen in der Bucht von Vasiliko an der Südküste gehören zu den dichtesten der Welt und bieten Meeresschildkröten, Mönchsrobben und Delfinen Lebensraum.

Vergleichende Forschung zwischen Populationen im östlichen Mittelmeer und jenen im westlichen Mittelmeer – etwa aus Spanien, Frankreich und Italien, wo die Sommertemperaturen meist mehrere Grad niedriger liegen – deutet darauf hin, dass die zyprische Posidonia womöglich eine Hitzetoleranz entwickelt hat, die ihren westlichen Verwandten fehlt. Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die zyprischen Bestände genetisch besonders wichtig sein könnten, gerade weil die Meeresoberflächentemperaturen in der Region durch den Klimawandel rasch steigen. Bis 2050 wird ein Verlust von Posidonia-Lebensräumen von bis zu 70% erwartet. Bis 2100 könnte es in großen Teilen des Mittelmeers sogar zu einem funktionalen Aussterben kommen – sofern keine hitzeresistenten Bestände gefunden werden.

Das bedeutet: Die zyprischen Wiesen sind nicht nur lokal bedeutsam. Möglicherweise tragen sie den genetischen Schlüssel für das Überleben des Neptungrases im gesamten Mittelmeerraum in sich.

Noch da, weiterhin unverzichtbar – aber unter Druck

Bis heute ist Neptungras ein Grundpfeiler der Küstenökosysteme Zyperns. Die Wiese in der Bucht von Vasiliko erstreckt sich über etwa 200 Hektar entlang von 10 Kilometern Küste, und auch an vielen anderen Orten rund um die Insel kommt die Pflanze vor. Sie bietet Jungfischen Schutz, dient Meeresschildkröten als Nahrung und hält die Strände stabil.

Die Bucht von Vasiliko ist allerdings auch Standort von Häfen, einem Kraftwerk, einer Entsalzungsanlage, einer Zementfabrik, einem großen Ölterminal und Gasspeichern. Ein Teil der Wiese wurde bereits durch Baggerarbeiten für den Bau eines Piers zerstört.

Zu den wichtigsten Gefahren für Posidonia-Wiesen gehören generell die Erwärmung des Meeres, Verschmutzung, Küstenbebauung, Baggerarbeiten, illegale Grundschleppnetzfischerei, die Ausbreitung invasiver Arten und – besonders in Tourismusgebieten – das unkontrollierte Ankern von Freizeitbooten. Anker und Ketten zerstören die empfindlichen Triebe und hinterlassen oft nur noch Schichten toter Rhizome.

Die Pflanze ist nach EU-Recht und zyprischem Recht geschützt, ihre Zerstörung ist verboten. Doch in der breiten Öffentlichkeit ist das Bewusstsein dafür noch immer gering.

Wo man es selbst erleben kann

Dem Neptungras kann man an Zyperns Küste auf verschiedene Weise begegnen. Wer an Orten wie der Konnos-Bucht im Bezirk Famagusta, vor Kap Greko oder in den felsigen Flachwasserbereichen bei Akrotiri schnorchelt oder taucht, kann die Wiesen direkt beobachten – ein eindrucksvolles Erlebnis, wenn man über den langen, sanft schwingenden grünen Bändern treibt, zwischen kleinen Fischen, Seeigeln und Oktopussen.

Wer es ruhiger mag, kann im Winter an fast jedem Sandstrand Zyperns sowohl die braunen Banquettes aus abgeworfenen Blättern als auch die runden Egagropili entdecken, die von Sturmwellen an Land geworfen wurden. Sie sind kein Schandfleck, sondern ein Zeichen dafür, dass sich direkt vor der Küste eine gesunde und produktive Wiese befindet.

Die Wiese in der Bucht von Vasiliko ist trotz des industriellen Drucks in ihrer Umgebung weiterhin für Taucher und Forschende zugänglich und zählt zu den wissenschaftlich bedeutendsten flachen Meereslebensräumen im östlichen Mittelmeer.

Warum Neptungras für Zypern so wichtig ist

Zypern wird oft für seine Sonne, seine Archäologie und als mythologischer Geburtsort der Aphrodite gefeiert. Doch unter der Oberfläche seines berühmten blauen Meeres liegt etwas, das genauso staunenswert ist – eine lebendige Landschaft von gewaltigem Alter, enormer Produktivität und wachsender wissenschaftlicher Bedeutung.

Neptungras ist nicht einfach nur eine Pflanze. In sehr realem Sinn ist es die Lunge des zyprischen Meeres, die Kinderstube seiner Küstenfischerei, der Halt seiner Strände und vielleicht sogar eine Lebenslinie für das ganze Mittelmeer in einer wärmer werdenden Welt. Eine 5.500 Jahre alte Pflanze, die seit der frühen Bronzezeit in der sandigen Bucht von Vasiliko verwurzelt ist, zeigt eindrucksvoll, wie tief die Naturgeschichte dieser Insel reicht – und wie viel davon noch immer schützenswert ist.

Wer das Neptungras kennt, versteht Zypern ein Stück besser – und erkennt, dass sich die bemerkenswerte Geschichte der Insel nicht nur in Steintempeln und antiken Häfen erzählt, sondern auch in den stillen, sanft schwingenden Wiesen unter den Wellen.

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