Burg Othello, mittelalterliche Festung in Famagusta

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Die Burg Othello, auch Othello-Turm genannt, ist eine mittelalterliche Festung in Famagusta im türkisch besetzten Teil Zyperns. Sie liegt an der nordöstlichen Ecke der Stadtmauer und kontrollierte den Zugang zum historischen Hafen. Durch diese Lage war sie im Mittelalter sowohl wichtigstes Verteidigungswerk als auch Haupttor in die ummauerte Stadt.

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Schon vor dem heutigen Bau war der Platz befestigt: Um 1310 errichtete der Prinz von Tyrus hier einen Turm mit Verteidigungsanlagen. Die Lusignan-Herrscher Zyperns erkannten die strategische Bedeutung des Hafeneingangs und bauten im 14. Jahrhundert eine stärkere Festung. Sie trug zunächst den Namen Hafen-Zitadelle und diente sowohl militärischen Zwecken als auch möglicherweise als Residenz für Mitglieder der königlichen Familie und ihren Tross.

Von hier aus konnten die Verteidiger jeden Schiffsverkehr nach Famagusta überwachen. Im Mittelalter ließ sich eine schwere Eisenkette über die Hafeneinfahrt spannen, um feindliche Schiffe zu blockieren. Moderne Schiffe nutzen bis heute denselben Zugang, der schon während der Blütezeit Famagustas zwischen 1300 und 1400 in Betrieb war.

Historischer Hintergrund

Als Zypern 1489 an die Republik Venedig verkauft wurde, wurde Famagusta de facto zu einem Militärstützpunkt. Die Venezianer erkannten sofort, dass die Stadtmauern gegen die osmanische Artillerie verstärkt werden mussten. Bereits 1492, nur drei Jahre nach der Übernahme, begannen unter Hauptmann Niccolò Foscari umfassende Arbeiten an der Hafen-Zitadelle.

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Die wichtigste Neuerung war der Ersatz der ursprünglichen eckigen Türme durch Rundtürme. Damit konnten Kanonenschüsse besser abgewehrt werden, denn runde Formen leiten Kugeln ab, während Ecken unter Beschuss schneller brechen. Zusätzlich verstärkten die Venezianer die Mauern, um Artillerietreffer zu schlucken – ein entscheidender Schritt vom mittelalterlichen zum frühneuzeitlichen Festungsbau.

Laut einigen Berichten beriet Leonardo da Vinci um 1481 bei den Befestigungen, was jedoch unter Historikern umstritten ist. Sicher ist, dass nach den Arbeiten über dem Haupteingang ein Marmorrelief des Markuslöwen, des Wappentiers Venedigs, angebracht wurde. Die Inschrift nennt Hauptmann Foscari und das Jahr 1492 und verknüpft die Anlage eindeutig mit der venezianischen Herrschaft.

Die Stadtmauern ziehen sich etwa 3,5 Kilometer, sind rund 4 Meter stark und etwa 10 Meter hoch. Diese massiven Befestigungen machten die Burg Othello zu einem Teil eines der wehrhaftesten Verteidigungssysteme im Mittelmeerraum. Wegen der tiefen, sie umgebenden Gräben galt die Festung als nahezu uneinnehmbar.

Im Inneren der Burg

Die Burg gruppiert sich um einen länglichen Innenhof, der ursprünglich an jeder Ecke von einem quadratischen Turm gesichert war. Nach den venezianischen Umbauten wurden daraus vier Rundtürme, die im Inneren durch Gänge verbunden sind. So konnten Soldaten im Gefecht schnell und geschützt zwischen den Türmen wechseln.

Nördlich und südlich des rechteckigen Hofs liegen fünf rippengewölbte Räume aus der Lusignan-Zeit (1300 bis 1310). Sie dienten als Schlafsäle und als Speisesaal für die Besatzung. Die Große Halle misst etwa 92 mal 25 Fuß und ist damit vergleichbar mit dem Refektorium der Abtei Bellapais bei Kyrenia.

Im Erdgeschoss befanden sich die Große Halle, Küchen, Lagerräume und Dienerunterkünfte. Darüber lagen Empfangsräume und Schlafgemächer. Die Fenster sind bewusst klein gehalten, um Schutz zu bieten und Angriffsflächen zu verringern. Fensterglas war im Mittelalter unüblich – stattdessen hängte man Tücher oder Teppiche als Schutz gegen Wind und Regen vor die Öffnungen.

Vom Hof führen Stufen hinauf auf die Wehrgänge mit Blick auf den alten und den modernen Hafen. Erhöhte Türme und Geschützplattformen boten weite Sicht über Land und Meer, um anrückende Schiffe und Heere früh zu erkennen. Schießscharten und Rauchabzüge der Kanonenstände sind bis heute gut zu sehen.

Die Shakespeare-Verbindung

Seinen heutigen Namen verdankt der Bau William Shakespeares Tragödie Othello, der Mohr von Venedig, von 1603. Das Stück spielt in einer Hafenstadt auf Zypern, und die britische Kolonialverwaltung benannte die Festung im 19. Jahrhundert offiziell in Othello-Turm um. Ein kleines Gärtchen zwischen der Seemauer und einer nahegelegenen Patisserie trug sogar den Namen von Desdemona, Othellos unglücklicher Ehefrau.

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Shakespeare war nie auf Zypern, ließ sich aber vermutlich von realen Ereignissen in Famagusta anregen. Am ehesten wird ein Bezug zu Christoforo Moro gesehen, der von 1506 bis 1508 als Vizegouverneur auf Zypern amtierte. Auf Italienisch kann „moro“ sowohl „Mohr“ bedeuten als auch den Maulbeerbaum bezeichnen, der im Wappen der Familie Moro erscheint.

Es kursieren unterschiedliche Varianten der Geschichte: Nach manchen Berichten starb Christoforo Moros Ehefrau auf der Rückreise nach Ende seiner Amtszeit. Andere behaupten, er habe sie 1508 aus Eifersucht getötet, sei inhaftiert worden und habe den Rest seines Lebens im Gefängnis verbracht. Als zweite mögliche Vorlage gilt Francesco da Sessa, genannt Il Moro oder Il Capitano Moro, wegen seines dunklen Teints.

Die osmanische Belagerung

Während der osmanischen Belagerung von Famagusta 1570–1571 spielte die Burg Othello eine Schlüsselrolle. Als Teil des Verteidigungsrings war sie ein Vorposten in vorderster Linie. Die Belagerung begann am 15. September 1570, als osmanische Truppen Famagusta, die letzte venezianische Bastion auf Zypern, einkreisten.

Die Kanonenstände und die dicken Mauern bewährten sich. Über die inneren Gänge konnten Soldaten gefährdete Abschnitte rasch verstärken. Die Festung steckte enorme Zerstörungen weg und hielt stand. Im Hof liegen noch heute Kanonenkugeln der Spanier und Osmanen, einige aus Bronze und über 400 Jahre alt. Auch Steinkugeln aus Trebuchets sind verstreut erhalten.

Trotz hartnäckiger Gegenwehr kapitulierte Famagusta im August 1571 nach elf Monaten. Die Venezianer setzten beschädigte Mauerteile instand, nahmen an der Burg Othello jedoch keine größeren Veränderungen mehr vor.

Spätere Nutzung und Erhalt

1566, in der frühen Phase der osmanischen Herrschaft, wurde die Burg zeitweise als Gefängnis genutzt. Diese Funktion kehrte während der Osmanenzeit immer wieder. Um 1900, unter britischer Verwaltung, ließ man den wasserführenden Graben trockenlegen, um Malaria einzudämmen.

Schon im späten Osmanischen Reich wuchs Famagusta über die Mauern hinaus, und unter britischer Herrschaft ab 1878 beschleunigte sich die Stadterweiterung. Die Festung verfiel nach und nach, wurde aber wegen ihrer historischen Bedeutung und der literarischen Verbindung nie ganz aufgegeben.

Ab 2014 erfolgte eine umfassende Restaurierung, und am 3. Juli 2015 öffnete die Burg als Museum, das ihrer militärischen Vergangenheit gewidmet ist, wieder für Besucher.

Besuch der Burg Othello heute

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Die Burg liegt im Zentrum der Altstadt von Famagusta, Parkmöglichkeiten befinden sich ganz in der Nähe. Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Eingang.

Der Zugang erfolgt durch das Haupttor unter dem Marmorrelief des Markuslöwen und der Inschrift Foscaris. Im Inneren lassen sich unter anderem erkunden:

  • der zentrale Innenhof
  • rippengewölbte Räume
  • runde Geschütztürme
  • Wehrgänge und Plattformen für Kanonen
  • innere Verbindungsgänge zwischen den Türmen

Von oben reicht der Blick über den alten Hafen, das Stadtzentrum und markante Bauwerke wie die ehemalige Kathedrale des Heiligen Nikolaus.

Geöffnet ist dienstags bis sonntags, montags bleibt geschlossen. Der Eintritt ist moderat, kann sich aber ändern. Manche Bereiche haben unebenes Steinpflaster und erfordern trittsicheres Gehen.

Warum die Burg Othello wichtig ist

Die Burg Othello vereint echte mittelalterliche und renaissancezeitliche Wehrarchitektur mit einer starken literarischen Verbindung. Sie ist zugleich ein realer Verteidigungsbau und ein Ort, der mit einer von Shakespeares bekanntesten Tragödien verknüpft ist.

Das Bauwerk zeigt, wie Zyperns Lage es zu einem strategisch begehrten, stark befestigten und oft umkämpften Ort machte. Wer den Hafen von Famagusta kontrollierte, beherrschte Handel und Seefahrt – und diese Burg war der Schlüssel dafür.

Heute ermöglicht die Festung, mittelalterliche Kriegsführung, venezianische Militärtechnik und die vielschichtige Geschichte Zyperns an einem Ort zu erleben. Architektur, Konflikt und Literatur greifen hier in einem einzigartig erhaltenen Denkmal ineinander.

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