An der Nordwestküste Zyperns liegt die Kleinstadt Polis Chrysochous, die auf den Überresten zweier antiker Städte erbaut ist. Für viele ist sie nur ein ruhiger Zwischenstopp auf dem Weg zur Akamas-Halbinsel.

Nur wenige ahnen, dass sich unter den modernen Straßen, Cafés und dem zentralen Platz über 3.000 Jahre Geschichte verbergen. Die Stadt steht direkt auf den Ruinen von Marion, einem der zehn Stadt-Königreiche des antiken Zyperns, sowie seiner späteren Nachfolgerin Arsinoe.
Schon der Name „Chrysochous“ verrät etwas. Er leitet sich vom griechischen „chrysos“ für Gold ab. Das ist kein Zufall: Die Stadt verdankte ihren Ruf dem Boden, auf dem sie entstand.
Historischer Hintergrund
Die frühesten Spuren menschlicher Aktivität in der Gegend reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Besiedelt war das Land lange, bevor hier eine Stadt entstand. Nach antiken Quellen, aufgezeichnet vom byzantinischen Gelehrten Stephanos von Byzanz, wurde Marion von einem legendären König namens Marieas gegründet. Die Überlieferung bringt die Region außerdem mit Akamas, dem Sohn des athenischen Helden Theseus, in Verbindung. Er soll nach dem Trojanischen Krieg hier vorbeigezogen sein und dem nahe gelegenen Kap und der Halbinsel seinen Namen gegeben haben.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. war Marion bereits ein etabliertes Stadt-Königreich. Es lag auf zwei niedrigen Plateaus mit Blick über die Bucht von Chrysochou und weit hinaus aufs Meer. Eine Inschrift im ägyptischen Tempel von Medinet Habu aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. erwähnt Städte Zyperns, unter denen man auch Marion vermutet. Damit erscheint die Region sehr früh auf der Landkarte der antiken Welt.
Wodurch Marion reich wurde
Marions Wohlstand beruhte auf zwei Rohstoffen: Kupfer und Gold. In den nahe gelegenen Limni-Gruben wurden beide Metalle in nennenswerten Mengen gewonnen. Vor allem Kupfer wurde über den Hafen der Stadt verschifft, der rund 4 Kilometer entfernt im heutigen Latchi lag. Dessen Fundamente sind noch erkennbar. Auch Gold wurde in der Gegend gefördert – daher trägt das Flusstal den Namen Chrysochou.

Darüber hinaus profitierte Marion von fruchtbarem Umland und einer günstigen Lage an Handelswegen. Es unterhielt enge Wirtschaftsbeziehungen zu Athen, das große Mengen bemalter Keramik gegen Metalle nach Marion lieferte. Die Nekropole um die Stadt brachte enorme Mengen importierter attischer Keramik zutage – ein deutlicher Beleg für den intensiven Austausch. Auch die antiken Geographen Strabon und Plinius der Ältere erwähnen Marion. Wegen seiner stark griechisch geprägten Kultur wurde es zeitweise „Marion Hellenikon“, das hellenische Marion, genannt.
Merkpunkte
Einige Fakten stechen hervor: 449 v. Chr. befreite der athenische Feldherr Kimon Marion von den Persern. Es war die erste Stadt auf der Insel, die er zurückeroberte. Vor dem Kulturzentrum von Polis erinnert heute eine Statue an ihn. Anschließend belagerte Kimon die phönizische Festung Kition, wo er entweder an einer Krankheit oder an einer Verwundung während der Belagerung starb.

Der letzte König der Stadt, Stasioikos II., traf nach dem Tod Alexanders des Großen eine folgenschwere Entscheidung: Er unterstützte Antigonos statt Ptolemaios I. Soter im anschließenden Machtkampf. Ptolemaios ließ Marion daraufhin 312 v. Chr. vollständig zerstören und siedelte die Bewohner nach Paphos um. Um 270 v. Chr. baute Ptolemaios II. Philadelphos die Stadt am selben Ort wieder auf und benannte sie zu Ehren seiner Schwester und Gemahlin in Arsinoe um. Die neue Stadt war kleiner als Marion, profitierte aber weiterhin von den nahe gelegenen Minen.
Was die Gräber verrieten
Die bedeutendsten Funde stammen nicht aus der Stadt, sondern aus der weitläufigen Nekropole, die sie umgab. 1885 erhielt der deutsche Archäologe Max Ohnefalsch-Richter die Genehmigung zu graben – innerhalb von nur zwei Jahren legte er über 400 Gräber frei. Inzwischen sind in den Feldern um die heutige Stadt mehr als 850 Gräber erfasst.

In den Gräbern fanden sich hochwertige Gold- und Silberschmiedearbeiten, vieles davon zyprische Produktion. Besonders auffällig war ein Paar vergoldeter Spiralohrringe mit Abschlüssen in Form weiblicher Köpfe. Der wohl bemerkenswerteste Fund ist jedoch ein Marmorkouros, eine Statue eines nackten Jünglings aus parischem Marmor. Es ist der einzige griechische Marmorkouros, der je auf Zypern entdeckt wurde, da es auf der Insel keinen Marmor gibt. Die Statue wurde aus Griechenland importiert und als Grabbeigabe niedergelegt. Heute befindet sie sich im British Museum in London.
Religion und heilige Stätten
In Marion gab es mehrere Heiligtümer. Strabon erwähnt einen dem Zeus geweihten Hain, und eine Inschrift aus der Zeit des römischen Kaisers Tiberius bestätigt ein Heiligtum, das sowohl Zeus als auch Aphrodite gewidmet war. Münzen des Königs Stasioikos II. zeigen auf der einen Seite Zeus und auf der anderen Aphrodite – ein Hinweis darauf, wie zentral beide Gottheiten für das religiöse Leben der Stadt waren.
Auch die Umgebung von Polis ist eng mit Aphrodite verbunden. Der Legende nach traf sie ihren Geliebten Adonis in einer natürlichen Grotte ganz in der Nähe, den heutigen Bädern der Aphrodite. Dieser Ort liegt am Rand der Akamas-Halbinsel, nur eine kurze Fahrt von der Stadt entfernt, und gehört zu den meistbesuchten Zielen der Region.
Marion und Arsinoe heute
Arsinoe bestand bis weit ins Mittelalter und war über Jahrhunderte Bischofssitz. Nach den arabischen Überfällen im 7. Jahrhundert n. Chr. wurde die Stadt schließlich aufgegeben, auch wenn archäologische Befunde auf eine gewisse Weiterbesiedlung hindeuten. Heute steht das Archäologische Museum Marion–Arsinoe im Zentrum von Polis. Es wurde 1998 eröffnet und zeigt Funde von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter. Das Museum ist Teil der weiter gefassten Aphrodite-Kulturroute, die mehrere historische und mythologische Orte im Westen Zyperns verbindet.

Ein lohnender Stopp
Das Archäologische Museum ist der wichtigste Grund für einen Halt in Polis, und der Eintritt ist mit 2,50 Euro sehr günstig. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut, sodass sich die Geschichte der Region gut nachvollziehen lässt.

Das Museum ist übersichtlich, ein Besuch dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Von Polis aus sind die Bäder der Aphrodite und die Akamas-Halbinsel schnell erreicht.

Der Hafen von Latchi, an dem einst Marions antiker Port lag, ist nur wenige Minuten entfernt. Am angenehmsten sind Besuche im Frühling und Herbst, aber die Stadt lässt sich zu jeder Jahreszeit gut erkunden.
Warum dieser Ort bis heute zählt
Marion war eines der wohlhabendsten Stadt-Königreiche auf einer Insel, die den antiken Kupferhandel prägte. Aus seinen Gräbern stammen einige der feinsten Goldarbeiten und der einzige griechische Marmorkouros, der je auf Zypern gefunden wurde.

Die Stadt wechselte mehrfach die Herren, wurde zerstört, neu aufgebaut und umbenannt – doch ihr Reichtum aus dem Boden hielt sie über mehr als ein Jahrtausend bedeutsam. Heute trägt Polis Chrysochous diese Geschichte still weiter: im Namen, im Museum und im Erdreich, das noch immer Geheimnisse birgt.