Die zyprische Lyra ist ein gestrichenes Saiteninstrument mit eigenem Klang und Spielweise. Sie steht im Zentrum der Dorftraditionen Zyperns und lebt von der Improvisation. In ihr klingen uralte modale Systeme aus byzantinischer Zeit nach, in denen Melodie und Rhythmus die Geschichte der Insel widerspiegeln. Dieses schlichte, aber ausdrucksstarke Instrument hat die Volkskultur Zyperns über Jahrhunderte geprägt und wirft die Frage auf, wie etwas so Einfaches die Seele eines Volkes einfangen kann.

Zeitlose Stimme der Insel
Die zyprische Lyra ist ein zentrales Element des musikalischen Erbes der Insel. Das dreisaitige Streichinstrument erzeugt einen schwebenden, resonanten Ton, der typisch für die mediterrane Volksmusik ist. Der birnenförmige Korpus aus heimischem Holz wie Walnuss oder Maulbeere und eine Decke aus Ziegenhaut verleihen ihr einen Klang, der zugleich melancholisch und lebendig wirkt und in seiner Ausdruckskraft oft mit der menschlichen Stimme verglichen wird. Senkrecht auf dem Knie gespielt ermöglicht sie feinste Bogen- und Grifftechniken, die spontane Improvisation begünstigen – ein Markenzeichen zyprischer Musik. Sie ist weit mehr als nur ein Instrument: ein Symbol für die Verschmelzung östlicher und westlicher Einflüsse, die die Identität Zyperns prägen.
Historische Wurzeln der Lyra
Ihre Ursprünge reichen bis in die byzantinische Zeit des Mittelalters zurück. Sie entwickelte sich aus der antiken Kithara und rebabähnlichen Instrumenten, die durch Handel und Eroberungen nach Westen gelangten. Archäologische Funde aus Orten wie Enkomi im Osten Zyperns aus der späten Bronzezeit um 1200 v. Chr. zeigen Terrakottafiguren mit Saiteninstrumenten und deuten auf frühe Lyrenformen in rituellen Zusammenhängen hin. Der mythische Priesterkönig Kinyras, den Homer in der Ilias erwähnt, soll die Lyra erfunden haben und verband sie so mit göttlicher Musik – ein Motiv, das John C. Franklin in „Kinyras: The Divine Lyre“ aufgreift und mit Traditionen des Nahen Ostens und der Ägäis verknüpft.

Zwischen dem 4. und 15. Jahrhundert n. Chr. nahm die Lyra ihre gestrichene Form an, beeinflusst vom arabischen Rebab und der italienischen Lira da braccio. In Zypern verschmolz sie mit lokalen Modalsystemen, den „dromoi“, verwandt mit griechischen Modi oder türkischen Makams. So blieben alte Tonskalen wie dorisch oder phrygisch lebendig, die Gefühle von Freude bis Klage hervorrufen. Unter osmanischer Herrschaft (1571-1878) wurde die Lyra zum Herzstück der Dorfmusik. Sie übernahm Spielweisen der türkischen Saz, bewahrte aber ihren byzantinischen Kern. In der britischen Zeit (1878-1960) taucht sie in Volksaufnahmen auf, und in den 1960er Jahren wurde sie im Zuge von Wiederbelebungsbewegungen zum Nationalsymbol. Heute erforschen Ethnomusikologinnen wie Nicoletta Demetriou ihre Entwicklung und zeigen, wie sie nach der Teilung 1974 in griechisch- und türkisch-zyprischen Gemeinschaften weiterblühte.

Besondere Merkmale des Instruments
Die zyprische Lyra hat meist einen birnenförmigen Korpus von etwa 40-50 cm Länge, aus einem einzigen Holzblock gearbeitet und mit einer gespannten Decke aus Ziegen- oder Schafshaut für starke Resonanz. Sie besitzt drei Saiten, früher aus Darm, heute oft aus Nylon oder Stahl, gestimmt etwa auf D-A-D oder G-D-A. So entstehen Bordune, die die Melodie tragen. Der Bogen mit Pferdehaar wird in Unterhandhaltung geführt und erzeugt einen leicht nasalen, durchdringenden Ton, der Gesang oder Klage imitieren kann – ideal für intensive Ausdrucksnuancen.
Charakteristisch ist die Technik: Statt mit den Fingerkuppen greifen die Spielerinnen und Spieler mit den Fingernägeln. So lassen sich Mikrotöne formen, die für modale Improvisation unverzichtbar sind. Diese „Fingernagel-Technik“ ermöglicht Glissandi und Verzierungen wie Triller und führt zu „Taximia“ – freien Vorspielen, die vor dem eigentlichen Stück die Tonart und Stimmung eröffnen. Der Klang wirkt roh und unmittelbar; Obertöne der Bordunsaiten sorgen für Tiefe. Häufig begleitet Laute oder Violine ein Ensemble. Die modalen Systeme mit Bezügen zu byzantinischen Echos (Kirchentonarten) umfassen Modi wie „rast“ für Ruhe oder „hijaz“ für Wehmut und knüpfen an antike griechische Skalen an, die Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieb. Dadurch bleibt die Lyra ein lebendiges Archiv von Modi, die auch die osmanische Kunstmusik und den griechischen Rembetiko beeinflussten.

Der Bau erfordert erfahrene Instrumentenmacher, etwa in Lefkosia. Sie verwenden lange abgelagertes Holz, um Risse zu verhindern, und verzieren die Instrumente gelegentlich mit Perlmuttintarsien als symbolischem Schutz. Dank ihrer handlichen Größe begleitete die Lyra das Dorfleben – bei Hochzeiten, Taufen und Festen, ihr Klang trug weit über Täler.
Charmante Fakten am Rande
Dem Mythos nach trat Kinyras sogar gegen Apollon zum Musikwettstreit an – er verlor, schenkte Zypern aber seine klangvolle Seele. Eine Erzählung, die auch in Ovids Metamorphosen an göttliche Ursprünge anknüpft. 1494, im Jahr der Fresken einer Kapelle, vermerkten venezianische Karten, dass zyprische Musiker lyraähnliche Instrumente zur Stärkung der Moral auf Schiffen einsetzten – ein Hinweis auf ihren Platz im Kriegsalltag. Eine kuriose Sitte: Einige Spielende „sprechen“ mit der Lyra, flüstern ihr Melodien zu, weil sie an einen eigenen Geist des Instruments glauben. Im 20. Jahrhundert zeichnete der Ethnomusikologe Alan Lomax 1951 Lyra-Sessions auf und bewahrte Modi, die heute an Universitäten wie der European University Cyprus erforscht werden. Eine seltene Variante in türkisch-zyprischen Gemeinden ist die „Politiki Lyra“ mit vier Saiten für vollere Bordune – ein Einfluss der Osmanen nach 1571.

Mehr Einblicke in die kulturelle Tiefe
Die Symbolik der Lyra reicht bis in religiöse Kontexte. In orthodoxen Gesängen spiegeln ihre Modi die kirchlichen Echos wider und finden sich in Hymnen zu Heiligen wie Neophytos – verbunden mit der klösterlichen Musik des 12. Jahrhunderts im Kloster des Heiligen Neophytos. Die Improvisation, „poiesis“ genannt, knüpft an alte bardische Traditionen an: Spielende dichten spontane Zweizeiler (mantinades) über Liebe, Verlust oder Politik und bewahren so die mündliche Poesie. Acht grundlegende dromoi wie „nihavent“ für Trauer oder „ousak“ für Sehnsucht gehen auf das byzantinische Oktoechos zurück, geprägt von persischen Maqams, die über den arabischen Handel Eingang fanden. So wird die Lyra zum klingenden Archiv der multikulturellen Vergangenheit Zyperns.
In dörflichen Ensembles führte die Lyra oft die Gruppe mit Violine (fkiolin) und Laute (laouto) an. Ihr anhaltender Streichton gab Tänzen wie Sousta oder Zeibekiko die emotionale Basis. Damit stärkte sie Gemeinschaftsgefühl und lebendige Weitergabe von Spieltechniken – häufig vom Vater an den Sohn, wie bei Familien wie den Tterlikkas in Larnaka. Funde von lyraähnlichen Darstellungen auf Terrakotten des 12. Jh. v. Chr. aus Enkomi deuten auf bronzezeitliche Wurzeln und verbinden Mythos um Kinyras mit nahöstlichen Rebab-Traditionen. Sprachlich leitet sich „Lyra“ vom griechischen „lyra“ ab; im zyprischen Dialekt wird das gerollte „r“ betont und grenzt sie von kretischen Varianten ab.
Die Lyra im heutigen Zypern
Heute steht die Lyra in Zypern für kulturelle Identität. Volksensembles wie das „Cypriot Lyra Ensemble“ verbinden traditionelle Modi mit Jazz-Elementen und treten auf Festivals auf. Trotz der Teilung seit 1974 stiftet sie Gemeinschaft: Gemeinsame Konzerte griechischer und türkischer Zyprerinnen und Zyprer mit verwandten Instrumenten wie der Kemençe fördern den Dialog. Der Klimawandel erschwert die Holzbeschaffung, weshalb in Dörfern wie Kato Drys nachhaltige Instrumentenbau-Initiativen entstehen. Künstler wie Michalis Tterlikkas geben Workshops und bewahren Techniken, und Festivals nutzen die Lyra in Film-Soundtracks zum Kulturerbe. In einer globalisierten Welt steht sie für Widerstandskraft; ihre Bedeutung für die Bewahrung modaler Musik wurde 2015 in einem UNESCO-Kontext hervorgehoben.

Diese zeitlose Tradition erleben
Hören und sehen kann man die Lyra im Cyprus Folk Art Museum in Nikosia. Es ist täglich geöffnet, der Eintritt kostet 2 €. Dort werden Instrumente gezeigt und Vorführungen angeboten. Beim Deryneia Folk Festival im Juli gibt es kostenlose Live-Auftritte und Workshops. Geführte Musiktouren über die Cyprus Tourism Organization kosten etwa 15-20 € und führen in Dörfer wie Lefkara, wo man den Instrumentenbau kennenlernen kann. Am angenehmsten ist ein Besuch im Frühling oder Herbst, ideal zu kombinieren mit Wanderungen im Troodos, wo traditionelle Musik zu Hause ist. Viele Orte bieten zudem Online-Videos für alle, die aus der Ferne eintauchen möchten.

Eine Tradition, die nachklingt
Die Tradition der zyprischen Lyra bewahrt alte Modalsysteme und eine lebendige Dorf-Improvisationskunst. Ihr unverwechselbarer Klang fängt die Seele Zyperns ein. Sie ist nicht einfach ein Instrument, sondern eine Verbindung zu byzantinischen Wurzeln – Geschichte und Gefühl in jedem Ton. Wer ihren Bordun hört oder über ihre Modi staunt, spürt die Ausdauer einer Kultur. In einer Welt voller digitaler Klänge erinnert die Lyra daran, wie Musik Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft.