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Das zyprische Laouto ist ein Zupfinstrument mit prägnanter Begleitweise. Es gibt dem Inselsound den Takt und die Harmonie, stützt Instrumentalensembles und Gesangstraditionen und trägt zugleich starke regionale Identitäten. Mit seinem birnenförmigen Korpus und dem tragenden Klang lädt es zu Improvisationen in alten modalen Systemen ein, die von byzantinischen und osmanischen Einflüssen geprägt sind. So ist es ein Grundpfeiler der zyprischen Volksmusik, der historische Spielweisen lebendig hält und sie zugleich in die Gegenwart führt – eine spannende Frage, wie solche Traditionen in der modernen Welt bestehen.

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Ein Kernstück des zyprischen Musik-Erbes

Das lautenähnliche Laouto ist zentral für die zyprische Volksmusik. Es hat einen großen, birnenförmigen Korpus, einen langen Hals und vier Saiten, deren Stimmung Melodie- und Rhythmusspiel gleichermaßen begünstigt. Gefertigt wird es aus heimischen Hölzern wie Maulbeere oder Walnuss, die Decke oft aus Fichte oder Zeder für gute Resonanz. Sein warmer, heller Ton fügt sich mühelos in Ensembles ein.

Traditionell bildet das Laouto das Rückgrat von Tänzen, Liedern und Improvisationen. Mit dem Plektrum gezupft, liefert es treibende Rhythmen und harmonische Stützen. Dabei ist es weit mehr als Begleitung: Es prägt die Klangstruktur, gibt Sängerinnen und Sängern oder führenden Instrumenten wie der Violine Raum zum Glänzen und hält zugleich das erdige, percussive Fundament. Regionale Spielweisen – im Süden ornamentreicher, im Norden rhythmusbetont – spiegeln Zyperns kulturelle Vielfalt. Das Laouto ist hier zum klanglichen Symbol für Gemeinschaft und Identität geworden.

Geschichte und Entwicklung

Die Geschichte des Laouto auf Zypern reicht bis ins Mittelalter. Es entwickelte sich aus älteren Saiteninstrumenten wie der griechischen Kithara und der östlichen Oud, die durch Handel und Eroberungen auf die Insel kamen. Archäologische Funde aus Orten wie Enkomi aus der Spätbronzezeit (1600-1050 v. Chr.) zeigen Terrakottafiguren mit lautenähnlichen Instrumenten – frühe Vorläufer, wohl auch in rituellen Kontexten genutzt.

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In der byzantinischen Zeit (4.-15. Jh. n. Chr.) etablierte sich das Laouto als Zupfbegleitinstrument, beeinflusst vom Rebab arabischer Händler und der Lira aus Konstantinopel, wie etwa ethnomusikologische Studien von Nicoletta Demetriou beschreiben.

Unter dem Königreich der Lusignan (1192-1489) brachten frankische Troubadoure melodische Verzierungen ein, doch der rhythmische Kern blieb. Das Instrument passte sich lokalen modalen Systemen, den „dromoi“, an – Tonleitern wie rast (ruhig) oder hijaz (melancholisch), die byzantinischen echos und osmanischen Makams ähneln. Während der venezianischen Herrschaft (1489-1571) flossen italienische Lautentechniken mit stärkerem Harmonikbezug ein, unter osmanischer Herrschaft (1571-1878) gewann die improvisatorische Einleitung „taxim“ an Bedeutung, teils im Austausch mit Spielweisen der türkischen Saz. In der britischen Kolonialzeit (1878-1960) wurde das Instrument dokumentiert, etwa in Aufnahmen von Alan Lomax 1951. Solche Quellen bewahren Modi, die heute in Tonhöhenanalysen untersucht werden, zum Beispiel in Maria Pantelis Arbeit zur byzantinisch-osmanischen Synthese der zyprischen Volksmusik.

Nach der Unabhängigkeit 1960 stand das Laouto für kulturelle Erneuerung. Die Ereignisse von 1974 führten zu regionalen Ausprägungen: Im Süden melodischer, im Norden stärker von türkischen Elementen geprägt. Heutige Instrumentenbauer, etwa in Nikosia, verwenden jahrelang abgelagertes Holz; moderne Varianten erhalten teils Bünde für leichteres Spiel, die traditionellen Stimmungen bleiben.

Prägende Begleitmerkmale

Auf Zypern wird das Laouto typischerweise in C-G-D-A oder G-D-A-E gestimmt. So entstehen offene Bordune als harmonisches Fundament, während das Plektrum (mizrap) schnelles Anschlagen für den Rhythmus ermöglicht.

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Im Ensemble tritt es oft mit der Violine (fkiolin) auf, etwa bei Tänzen wie Sousta (lebendiger Paartanz) oder Kartzilamas (Reihentanz). Das Laouto gibt das Tempo vor, setzt mit „komps“ – percussiven Saitenschlägen – einen antreibenden Puls. In Gesangstraditionen stützt es „Mantinades“, frei gedichtete Zweizeiler über Liebe oder Verlust, indem es harmonische Verläufe um die Melodie der Stimme webt und mit Modi Stimmungen zeichnet.

Regionale Profile treten klar hervor: In Paphos ist das Spiel reich verziert mit Trillern und spiegelt westliche Einflüsse; in Gegenden um Famagusta ist es rhythmischer mit Anklängen osmanischer Makams. Der durchsetzungsfähige, leicht nasale Klang trägt weit über Dorfplätze – die Lautstärke, unterstützt von der Membran, passt zu Freiluftfesten. Improvisation ist zentral: In „Taximia“ loten Spielende vor dem Stück die Modi aus, eine Fertigkeit, die in Familien wie den Tterlikkas mündlich weitergegeben wird – inklusive Fingernageltechniken für Mikrotöne.

Charmante Wissenshappen

  • Früher forderte das Laouto bei Hochzeiten die Violine zu „Duellen“ heraus: Wettstreite in der Improvisation, geschildert in Reiseberichten des Briten Samuel Brown im 19. Jahrhundert.
  • In osmanischer Zeit bestanden die Saiten oft aus gedrehten Schafsdärmen, denen „Baraka“ (Segen) nachgesagt wurde, wenn sie von gesegneten Tieren stammten.
  • Eine Inschrift von 1494 in einer Kirche im Troodos-Gebirge erwähnt einen Laouto-Spieler als Stifter für Fresken – ein Hinweis auf religiöse Patronage.
  • Im 20. Jahrhundert begleitete das Laouto Rebetiko in Cafés und prägte Stars wie Vassilis Tsitsanis, der seinen „zyprischen Ausdruck“ lobte – warm im Ton, scharf im Rhythmus.
  • Der Volksglaube schreibt Kinyras, dem mythischen König, eine Vorform des Laouto zu, mit der er Aphrodite bezaubert habe – ein Motiv, das auch in Ovids Metamorphosen anklingt.
  • Moderne Instrumentenbauer setzen Perlmutt-Einlagen ein – als „Schutz fürs Auge“, ein alter Volksglaube aus osmanischer Zeit.

Mehr als Musik: Rolle in Kultur und Alltag

Rhythmisch orientiert sich das Laouto an „Usul“-Mustern der osmanischen Musik, etwa 2/4 für schnelle Tänze oder 9/8 für den langsamen Zeibekiko. Offene Akkorde geben harmonischen Halt und lassen modale Freiheit.

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In gesungenen Wettstreiten, den „Tsiatista“, spiegelt es die Phrasen der Sängerin oder des Sängers. Die Bordune erzeugen Spannung und Entspannung und verstärken so die Wirkung. Instrumentalduos mit Violine zeigen regionale Handschriften: Im Süden steht melodischer Dialog im Vordergrund, im Norden kommen türkische Mikrotöne hinzu.

Sozial stiftete das Laouto Zusammenhalt: Bei „Paniyiria“, Dorffesten zu Ehren von Heiligen, führte es Tänze an. Modi wurden dem Anlass angepasst, etwa hijazkar für freudige Feste wie Hochzeiten oder nihavent für ernste Momente. Damit blieben alte Systeme aus der byzantinischen Liturgie lebendig. Studien wie die Tonhöhenanalyse von Panteli zeigen, dass zyprische Modi zu rund 70 Prozent mit mittelalterlichen echos übereinstimmen, beeinflusst auch durch arabische Maqamat während der osmanischen Zeit.

Im geteilten Zypern schlägt das Laouto Brücken: Gemeinsame Konzerte mit der türkischen Kemençe fördern den Dialog. An Universitäten wie der University of Nicosia erforscht die Ethnomusikologie seine Akustik und wie die Spannung der Membran den Ausdruck formt.

Das Laouto im heutigen Zypern

Heute steht das Laouto für kulturelle Widerstandskraft. Ensembles wie das „Cypriot Laouto Ensemble“ treten auf Festivals auf und verbinden traditionelle Modi mit Jazz. Vor dem Hintergrund der Ereignisse von 1974 stärkt es Gemeinschaft, etwa durch bikommunale Workshops, in denen jenseits von Trennlinien gemeinsam gelernt wird.

Der Klimawandel verändert die Holzversorgung, weshalb in Dörfern wie Kato Drys nachhaltiger gebaut wird. Künstler wie Michalis Tterlikkas lehren online und bewahren die Modi, während Festivals wie das Volksfest in Limassol das Laouto auch in Filmmusiken für Kulturerbe-Projekte präsentieren. In einer globalisierten Welt steht es für Beständigkeit; 2015 wurde seine modale Überlieferung als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO gewürdigt.

Tipps zum Entdecken

Kultureinrichtungen wie das Cyprus Folk Art Museum in Nikosia zeigen das Laouto mit Vorführungen, täglich geöffnet, Eintritt 2 €. Das Deryneia Folk Festival im Juli bietet kostenlose Live-Auftritte und Workshops. Geführte Musiktouren der Cyprus Tourism Organization kosten 15-20 € und führen unter anderem nach Lefkara zu Bau- und Spielkursen. Am angenehmsten ist ein Besuch im Frühling oder Herbst, gut kombinierbar mit Wanderungen im Troodos-Gebirge. Die Barrierefreiheit variiert, aber viele Veranstalter stellen Online-Videos für alle bereit.

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Eine Tradition mit langer Resonanz

Die Laouto-Tradition Zyperns bewahrt alte Modi und die Kunst der Dorfimprovisation. Ihre besondere Begleitweise fängt den Geist der Insel ein. Dieses Instrument ist mehr als nur Werkzeug – es verbindet byzantinische Wurzeln mit gelebter Emotion in jedem Ton. Wer sich darauf einlässt, versteht Zypern besser als musikalischen Kreuzungspunkt. Der Klang von Bordunen und Modi zeigt eindrücklich, wie Kultur fortbesteht. In der digitalen Gegenwart erinnert das Laouto daran, wie Musik Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft.

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