Die Mittelmeer-Mönchsrobbe gehört zu den am stärksten bedrohten Meeressäugern der Welt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es im gesamten Verbreitungsgebiet nur noch 815 bis 997 Tiere gibt. Ihren Namen verdankt sie den typischen Hautfalten am Hals, die an die Kapuze einer Mönchskutte erinnern, und ihrer eher zurückgezogenen, einzelgängerischen Lebensweise. Für diese Art ist Zypern ein besonders wichtiges Gebiet – derzeit leben schätzungsweise 20 bis 22 Tiere in den Gewässern rund um die Insel.
Ausgewachsene Mittelmeer-Mönchsrobben werden etwa 2,4 Meter lang und wiegen zwischen 240 und 400 Kilogramm, wobei Männchen meist etwas größer sind als Weibchen. Sie gehören zur Familie der Hundsrobben und haben daher keine äußeren Ohrmuscheln. Ihr Fell ist dunkelbraun oder grau, mit einem helleren Fleck am Bauch, der besonders bei Männchen gut zu sehen ist. Neugeborene Jungtiere sind bei der Geburt etwa 80 bis 100 Zentimeter lang und wiegen 15 bis 18 Kilogramm. Sie sind mit wolligem schwarzem oder dunkelbraunem Fell bedeckt und haben einen auffälligen weißen oder gelblichen Fleck am Bauch.
Von Stränden in Höhlen
Historische Aufzeichnungen und antike Texte belegen, dass die Mittelmeer-Mönchsrobbe früher im gesamten Mittelmeer, im Schwarzen Meer und entlang der nordwestafrikanischen Küste vorkam. In der altgriechischen Welt tauchte sie häufig auf – auf Münzen aus dem Jahr 500 v. Chr. ebenso wie in Schriften von Aristoteles, Homer und Plutarch. Über viele Jahrtausende ruhten diese Robben an offenen Stränden und brachten dort auch ihre Jungen zur Welt.

Im 20. Jahrhundert änderte sich das dramatisch. Durch das Wachstum der Bevölkerung, die Bebauung der Küsten und den Tourismus wurden die Robben aus ihren traditionellen Strandgebieten verdrängt. Sie zogen sich in abgelegene Meereshöhlen mit Unterwassereingängen zurück. Diese Orte schützen zwar besser vor Störungen durch Menschen, bringen aber auch neue Gefahren mit sich. Wenn bei Sturm Wasser in die Höhlen gedrückt wird, haben neugeborene Jungtiere ein hohes Risiko zu ertrinken.
Auch auf Zypern war dieser Rückgang deutlich zu beobachten. Die erste systematische Erfassung der Mönchsrobbe als Teil der heimischen Tierwelt Zyperns stammt aus dem Jahr 1959. In den folgenden Jahrzehnten gingen die Bestände stetig zurück, und gegen Ende des 20. Jahrhunderts galt die Art rund um die Insel praktisch als funktionell ausgestorben. Die letzte bestätigte Fortpflanzung vor der jüngeren Zeit lag bereits Jahrzehnte zurück.
Körperliche Fähigkeiten und Alltag
Die Mittelmeer-Mönchsrobbe ist eine hervorragende Schwimmerin und Taucherin. Sie kann in Tiefen von mehr als 250 Metern abtauchen und bewegt sich geschickt genug, um sogar Haien zu entkommen. Ihr Körper ist perfekt an das Leben im Meer angepasst – mit kurzen, breiten Flossen und einer stromlinienförmigen, spindelartigen Gestalt, die ein effizientes Fortbewegen im Wasser ermöglicht.

Diese Robben sind tagaktiv und vor allem bei Tageslicht unterwegs. Meist suchen sie in flachen Küstengewässern nach Nahrung, können aber bei Bedarf auch in deutlich größeren Tiefen jagen. Auf ihrem Speiseplan stehen vor allem Knochenfische wie Aale, Sardinen, Thunfische, Plattfische und Meeräschen. Dazu kommen Kopffüßer wie Kraken, die ebenfalls eine wichtige Nahrungsquelle sind. Gejagt wird bevorzugt in offenen Bereichen, wo sie ihre Geschwindigkeit ausspielen können. Außerdem sind sie kräftig genug, um Steine zur Seite zu schieben, wenn sich Beute darunter versteckt.
An Land leben Mönchsrobben meist allein. Im Wasser können sich kleine Gruppen von bis zu 20 Tieren bilden, auch wenn solche Ansammlungen eher selten sind. Untereinander verständigen sie sich mit hohen Lauten, besonders dann, wenn sie andere vor Gefahr warnen. Weite Wanderungen unternehmen sie nicht, stattdessen bleiben sie in vergleichsweise kleinen Revieren.
Die Rückkehr nach Zypern
Ein Überwachungsprogramm des Fischerei- und Meeresforschungsamts, das 2009 startete, zeigte, dass die Zahl der Sichtungen rund um Zypern wieder zunimmt. Zwischen 2009 und 2018 registrierten Forscher immer mehr Beobachtungen und bestätigten die Geburt mehrerer Jungtiere. Das war ein klarer Hinweis darauf, dass die Tiere nicht nur gelegentlich vorbeikommen, sondern dauerhaft rund um die Insel leben.
Untersucht wurden 370 Kilometer Küstenlinie. Dabei fanden die Forscher 17 geeignete Rückzugsorte für die Robben. Sieben davon eigneten sich für Geburten, zehn nur als Ruheplätze. In 13 dieser Unterschlüpfe wurden Kamerafallen installiert, die an 4.120 Einsatztagen insgesamt 342.000 Bilder aufnahmen. So konnte die Anwesenheit der Robben an mehreren Orten direkt und indirekt nachgewiesen werden – etwa durch Sichtungen, Kotspuren und Fährten.

Die meisten Sichtungen wurden in drei Gebieten registriert: in Paphos und auf der Akamas-Halbinsel mit 166 Sichtungen, in Limassol mit 118 und in der Region von Kavo Greko bis Kavo Pyla mit 68. Zu den bemerkenswertesten Beobachtungen gehörten zehn Mönchsrobben, die am 13. August 2015 am Governor’s Beach bei Limassol gesehen wurden, sowie ein Muttertier mit Jungem, das Anfang 2018 rund um den Hafen von Paphos beobachtet wurde.
Auch im türkisch besetzten Teil Zyperns wurde zwischen 2016 und 2019 durch Kamerafallen eine regelmäßige Fortpflanzung dokumentiert. Die Forscher identifizierten sieben einzelne Robben, darunter drei Jungtiere, in überwachten Höhlen. Ein ausgewachsenes Weibchen brachte in zwei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils ein Jungtier zur Welt – ein deutlicher Beleg für anhaltende Fortpflanzungsaktivität.
Bedrohungen und Schutzmaßnahmen
Die Mittelmeer-Mönchsrobbe ist mehreren ernsthaften Gefahren ausgesetzt. Die Bebauung der Küsten zerstört und verschlechtert weiterhin ihren wichtigen Lebensraum. Tourismus und Bootsverkehr stören die Tiere in ihren letzten Rückzugsorten. Verschmutzung aus verschiedenen Quellen belastet das Wasser und wirkt sich auf das Nahrungsangebot aus. Auch die Fischerei ist eine direkte Gefahr – durch versehentliches Verfangen in Netzen und durch Konkurrenz um Fischbestände. Manche Fischer töten Robben sogar absichtlich, weil sie sie als Konkurrenten sehen.
Die Art reagiert extrem empfindlich auf menschliche Störungen. Besonders trächtige Weibchen sind gefährdet und können bei Störungen ihre Jungen verlieren. Genau diese Empfindlichkeit hat dazu geführt, dass die Tiere offene Strände aufgaben und sich in abgelegene Höhlen zurückzogen. Doch selbst dort nimmt der Druck durch Menschen zu, etwa durch Sporttauchen und das Erkunden von Höhlen.

Auf Zypern ist die Art durch mehrere rechtliche Regelungen geschützt. Bereits 1971 wurde sie durch Fischereivorschriften unter Schutz gestellt. Das 1989 eingerichtete Schutzgebiet Lara-Toxeftra ist seit 2011 Teil des Natura-2000-Netzwerks. Inzwischen gibt es in Zypern fünf besonders geschützte Natura-2000-Gebiete für den Meeresschutz, von denen auch die Mönchsrobben profitieren.
Auch die internationale Zusammenarbeit stärkt den Schutz der Art. Die Hellenic Society for the Study and Protection of the Monk Seal arbeitet dabei mit der Marine Turtle Research Group der University of Exeter zusammen. Durch solche Programme wird Wissen im gesamten Mittelmeerraum geteilt, was bessere Überwachungsmethoden und wirksamere Schutzstrategien ermöglicht.
Mönchsrobben heute in zyprischen Gewässern
Dass sich die Situation der Mittelmeer-Mönchsrobben rund um Zypern verbessert, passt zu einer allgemein positiven Entwicklung in Teilen ihres Verbreitungsgebiets. Im Juni 2023 stufte die IUCN die Art von “vom Aussterben bedroht” zunächst auf “stark gefährdet” und anschließend auf “gefährdet” herab. Damit wurde anerkannt, dass die Bestände gewachsen sind und zuvor unbekannte Fortpflanzungsgebiete entdeckt wurden.
Trotzdem bleibt diese Erholung fragil und ist auf dauerhaften Schutz angewiesen. Zyperns Einsatz bei Überwachung und Lebensraumschutz ist ein wichtiger Teil regionaler Bemühungen, die Zukunft der Art zu sichern. Das Fischerei- und Meeresforschungsamt führt seine Beobachtungsprogramme fort und arbeitet daran, menschliche Einflüsse auf besonders wichtige Robbenlebensräume zu verringern.

Auch das öffentliche Bewusstsein ist deutlich gewachsen. Die meisten Menschen auf Zypern kennen die Mönchsrobbe inzwischen als geschützte Art, die bewahrt werden muss. Bildungsprogramme bringen Schülerinnen, Schüler und andere Mitglieder der Gemeinschaft mit dem Thema Meeresschutz in Kontakt. So wächst die Unterstützung für Schutzmaßnahmen, und unbeabsichtigte Störungen können verringert werden.
Mönchsrobben verantwortungsvoll begegnen
Gelegentlich tauchen Mönchsrobben in Häfen, entlang der Küste oder in der Nähe beliebter Strände auf. Solche Sichtungen sorgen oft für Begeisterung, verlangen aber auch verantwortungsvolles Verhalten. Die wichtigste Regel ist, Abstand zu halten. Nähern Sie sich einer Robbe niemals, besonders nicht im Wasser. Wenn sich die Tiere bedroht fühlen, können sie wichtige Rückzugsorte aufgeben – auch Höhlen, in denen Jungtiere Schutz finden.
Bootsführer sollten in der Nähe felsiger Küsten und Höhlengebiete, in denen Robben ruhen, langsamer fahren. Taucher und Schnorchler sollten Höhlen mit Unterwassereingängen nicht betreten, da diese sehr wahrscheinlich als Zufluchtsorte der Robben dienen. Fotografieren ist nur aus angemessener Entfernung sinnvoll – ohne Verfolgung und ohne die Tiere zu bedrängen.

Wer einer Mönchsrobbe begegnet, sollte die Sichtung dem Fischerei- und Meeresforschungsamt melden. Solche Hinweise liefern wertvolle Daten für die Überwachungsprogramme. Wichtig sind Datum, Uhrzeit, Ort und – falls vorhanden – Fotos. Genaue Höhlenstandorte sollten allerdings nicht öffentlich geteilt werden, damit diese sensiblen Orte nicht gestört werden.
Wenn Sie eine verletzte, kranke oder tote Robbe finden, informieren Sie sofort die zuständigen Behörden. Versuchen Sie nicht, das Tier anzufassen oder zu bewegen. Solche Strandungen von Meeressäugern liefern wichtige Hinweise zum Zustand der Population und zu den Gefahren, denen sie ausgesetzt ist.
Eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes
Dass sich die Mittelmeer-Mönchsrobbe auf Zypern wieder fortpflanzt, ist ein echter Erfolg für den Naturschutz. Vom scheinbaren funktionellen Aussterben am Ende des 20. Jahrhunderts bis hin zu heute regelmäßig bestätigten Geburten zeigt sich, dass konsequenter Schutz den Rückgang einer Population tatsächlich umkehren kann. Die Rolle Zyperns bei dieser Entwicklung ist auch regional wichtig, denn jedes einzelne Tier und jedes erfolgreich aufgezogene Jungtier trägt zum Überleben eines der seltensten Säugetiere der Erde bei.

Die Art gilt außerdem als wichtiger Indikator für den Zustand des gesamten Meeresökosystems. Sie braucht sauberes Wasser, gesunde Fischbestände und ungestörte Küstenlebensräume. Wer Mönchsrobben schützt, schützt damit auch die marine Artenvielfalt insgesamt. Diese uralten Bewohner des Meeres verbinden das heutige Zypern mit einem Naturerbe, das Tausende Jahre zurückreicht, und erhalten eine lebendige Verbindung zu den Meeren, die die mediterrane Zivilisation geprägt haben.