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Im Archäologischen Park von Paphos, nördlich des alten Hafens, markieren Haufen aus Bruchsteinen und umgestürzten Säulen den Platz, an dem einst eine der bedeutendsten mittelalterlichen Festungen Zyperns stand. Saranda Kolones, auf Griechisch „Vierzig Säulen“, war in einer Zeit häufiger arabischer Überfälle das zentrale Bollwerk zum Schutz von Paphos. Heute spazieren Besucher durch die Ruinen, entdecken eine Festung mit mehreren Bauphasen, Zeugin wichtiger Ereignisse, die schließlich bei einem der schwersten jemals auf Zypern registrierten Erdbeben ein gewaltsames Ende fand.

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Historischer Hintergrund

Die Festung entstand gegen Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr. unter byzantinischer Herrschaft. Quellen berichten, dass Theodoros, der Bruder von Kaiser Herakleios I., den Bau leitete. Zu dieser Zeit war das arabische Kalifat im Nahen Osten zur Großmacht aufgestiegen, und Zypern geriet in den Einflussbereich seiner Expansion. Arabische Flotten überfielen die Insel, wodurch vor allem Küstenstädte verwundbar wurden. Paphos mit seinem strategischen Hafen und der Lage an wichtigen Schifffahrtsrouten brauchte entsprechend starke Befestigungen.

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Die byzantinischen Baumeister schufen eine beeindruckende Anlage. Die Mauern waren rund drei Meter dick und hielten den zeitgenössischen Belagerungsgeräten stand. Vier mächtige Ecktürme bildeten die Ankerpunkte der Verteidigung, dazwischen lagen vier weitere Zwischentürme entlang der Verbindungswälle. Ein Wassergraben umgab das gesamte Areal; Zugang gab es nur über eine hölzerne Brücke, die im Notfall zerstört werden konnte. Der zentrale Hof war ein Quadrat von 35 Metern Seitenlänge. Auf der Ostseite führte ein hufeisenförmiger fünfter Turm zum Haupttor.

Trotz dieser massiven Befestigungen fiel die Anlage während der zweiten arabischen Invasion 653–654 n. Chr. Die Angreifer nahmen die Festung ein und zerstörten sie. Wenige Jahre später bauten die Byzantiner sie wieder auf, doch 688 n. Chr. führte ein Abkommen zwischen Arabern und Byzantinern zur Entmilitarisierung: Die Festung blieb bestehen, durfte aber nicht mehr militärisch genutzt werden. Erst 965 n. Chr. stellten die Byzantiner ihre volle Verteidigungsfunktion wieder her.

Das Erdbeben, das Paphos veränderte

Am Morgen des 11. Mai 1222, gegen 6:15 Uhr, erschütterte ein starkes Beben den Südwesten Zyperns. Moderne Schätzungen verorten seine Magnitude zwischen 7,0 und 7,5 (Momenten-Magnituden-Skala), mit einer Intensität von bis zu IX auf der Modifizierten Mercalli-Skala. Es gilt als das stärkste historisch belegte Beben auf Zypern. Das Epizentrum lag rund 3 Kilometer westlich von Paphos vor der Küste, entlang des Zypernbogens, in etwa 10 bis 20 Kilometern Tiefe.

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Paphos erlitt verheerende Schäden. Stadtmauern und bedeutende Bauwerke stürzten ein. Saranda Kolones, erst rund 20 Jahre zuvor erneuert und verstärkt, zerfiel zu Trümmern. Auch die nahe Burg von Paphos, eine weitere byzantinische Festung, brach zusammen. Bei Ausgrabungen an der Burg entdeckte man die Überreste eines Mannes, der offenbar in den Hauptabfluss geklettert war, um sich zu retten, und dort von herabstürzenden Steinen eingeschlossen wurde. Dieser Fund zeigt die Verzweiflung der Menschen, als um sie herum die Gebäude zusammenbrachen.

Das Beben löste einen Tsunami aus, der weit über Zypern hinaus zu spüren war. Berichte schildern, wie sich das Meer im Hafen von Paphos zunächst zurückzog und dann die Stadt überflutete. Die Welle war so stark, dass sie in Libyen und Alexandria verzeichnet wurde. In Paphos selbst stürzte während des Gottesdienstes eine Kirche ein und begrub einen Bischof mit der gesamten Gemeinde. Die Franziskaner gaben ihr Kloster in Paphos nach der Katastrophe auf und kehrten nie zurück.

Die Zerstörungen reichten über die ganze Insel. In Limassol wurden Hafenanlagen, Aquädukte und Kirchen nahezu vollständig vernichtet. Nikosia war breitflächig, wenn auch weniger total, betroffen: Kirchen stürzten teilweise ein, der Boden riss auf. Aus den Gebirgsregionen wurden Erdrutsche gemeldet. Das Beben brachte das Leben auf Zypern monatelang durcheinander, manche Orte erholten sich erst nach Jahren.

Warum die Festung nie wieder aufgebaut wurde

Nach dem Beben von 1222 trafen die Lusignan eine strategische Entscheidung: Saranda Kolones wurde nicht wiederaufgebaut. Stattdessen errichteten sie eine neue Befestigung westlich des Hafens, näher an den Anlegestellen. Diese Anlage, heute schlicht als Burg von Paphos bekannt, steht noch und ist eines der Wahrzeichen der Stadt.

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Mehrere Gründe sprachen dafür: Der neue Standort schützte die Hafeneinfahrt besser; die Räumung und der Wiederaufbau von Saranda Kolones wären extrem teuer gewesen. Außerdem verlagerte sich der Schwerpunkt der Herrschaft ins Inselinnere: Die Hauptstadt zog von der Küste in das leichter zu verteidigende Nikosia um. Famagusta an der Ostküste entwickelte sich zum wichtigsten Handelshafen, wodurch Paphos an strategischer Bedeutung verlor.

Seit 1222 blieb Saranda Kolones verlassen. Über die Jahrhunderte dienten die Steine als willkommener Baustoff für neue Projekte. Die Granitsäulen, die schon zuvor aus der antiken Agora übernommen worden waren, fanden erneut Verwendung in Gebäuden rund um Paphos. Die Ruinen überwucherten nach und nach und wurden teilweise von Erde und Vegetation bedeckt.

Was Besucher heute sehen

Saranda Kolones liegt im Archäologischen Park von Paphos, der 1980 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Die Ruinen befinden sich inmitten weitläufiger römischer Überreste, darunter die berühmten Mosaiken in den Häusern des Dionysos, des Theseus und des Aion. Diese Nachbarschaft schafft eine besondere Schichtung der Geschichte, in der Antike, Byzanz und Mittelalter direkt nebeneinander erfahrbar sind.

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Am eindrucksvollsten sind die noch stehenden Bogenreste, die trotz Erdbeben und Jahrhunderten im Freien erhalten blieben. Sie zeigen das Können der mittelalterlichen Baumeister. Granit ist äußerst schwer zu bearbeiten, und doch schufen die Handwerker perfekt runde, glatt gearbeitete Säulen. Dass Teile davon bis heute stehen, spricht für die Bauqualität.

Das Erbe von Saranda Kolones

Auch wenn die Festung nur rund 500 Jahre lang aktiv militärisch genutzt wurde, reicht ihre Bedeutung weit darüber hinaus. Saranda Kolones markiert einen entscheidenden Abschnitt der zyprischen Geschichte: das Ende der byzantinischen Vorherrschaft, die kurze Eroberung durch Richard Löwenherz und die Entstehung des Königreichs der Lusignan. Diese Zäsuren prägten die Insel auf lange Sicht.

Die Anlage steht zudem für mittelalterliche Wiederverwendung: Römische Säulen aus der antiken Agora, bereits Jahrhunderte alt, wurden in eine byzantinische Wehrarchitektur integriert und erhielten damit eine völlig neue Funktion. Solche pragmatischen Materialübernahmen waren im Mittelmeerraum verbreitet, doch Saranda Kolones zählt zu den anschaulichsten Beispielen.

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Für Historiker, die das Beben von 1222 erforschen, sind die Ruinen eine wichtige Quelle. Anhand der Schäden lässt sich die Wucht und Wirkung des Ereignisses besser verstehen. Welche Bauteile stürzten ein, welche hielten stand? Solche Beobachtungen helfen, heutige Erdbebenrisiken der Region einzuschätzen. Der Zypernbogen ist weiterhin tektonisch aktiv, und auch das moderne Paphos lebt mit ähnlichen geologischen Gefahren wie einst die mittelalterliche Stadt.

Heute ist Saranda Kolones eine der ruhigeren Stationen im belebten Archäologischen Park. Viele Besucher konzentrieren sich auf die spektakulären römischen Mosaiken und das antike Theater. Wer jedoch die Festungsreste erkundet, erlebt eine andere Seite der Inselgeschichte. Die Bruchsteine und gefallenen Säulen erzählen von Verteidigung, Eroberung, Naturkatastrophe und dem endgültigen Verlassen. Sie erinnern daran, dass selbst die stärksten Festungen vergehen und Veränderung die einzige Konstante der Geschichte ist.

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