Die Avakas-Schlucht frisst sich nahe Paphos tief in den Kalkstein. Über einem kleinen Bach ragen bis zu 30 Meter hohe Felswände auf, die der Wasserlauf über Millionen von Jahren ausgehöhlt hat. Enge Passagen, dramatische Felsflanken und eine üppige Vegetation machen sie zu einem der beeindruckendsten Naturwunder Zyperns.

Sie liegt auf der Halbinsel Akamas an der Westküste Zyperns, rund 16 Kilometer von Paphos entfernt. Die Schlucht verläuft etwa drei Kilometer von Ost nach West, doch die meisten Besucher wandern nur den ersten Abschnitt. Entstanden ist sie durch den Avgas, der den Kalkstein stetig erodierte. Über Jahrtausende schnitt das Wasser ein tiefes Bett, formte die Felswände und polierte ihre Oberflächen. Obwohl die Schlucht weniger als zwei Kilometer vom Meer entfernt ist, bleibt sie von der Küste aus unsichtbar. Die umliegenden Hügel verbergen sie vollständig und machen ihren Anblick für Wanderer umso überraschender.
Historischer Hintergrund
Die Wände zeigen zwei deutlich unterschiedliche Gesteinsschichten, die eine ungewöhnliche geologische Geschichte erzählen. Unten liegen mergelige, kreidige Kalke aus dem Pliozän, gebildet vor vier bis fünf Millionen Jahren. Darüber folgen wesentlich ältere Korallenkalke aus dem Miozän, datiert auf sieben bis fünf Millionen Jahre. Diese umgekehrte Abfolge gibt Geologen Rätsel auf, denn normalerweise liegen jüngere Sedimente über älteren. Am wahrscheinlichsten ist, dass ein starkes tektonisches Ereignis oder ein Erdbeben den älteren Korallenkalk verschoben und über dem jüngeren Material abgelagert hat.
Die Schlucht selbst entstand durch die Erosion von Kalksteinen, die aus Lehmen, Kreiden, Riffkalk und bentonitischen Tonen bestehen. Diese Gesteine werden durch fließendes Wasser leicht abgetragen. Der Avgas formt die Schlucht bis heute weiter, wenn auch langsam. Lange horizontale Rillen an den Wänden sind wie Bildhauerlinien aus verschiedenen Entstehungsphasen des Canyons. Die Striemen markieren, wo Wasser bei Hochwasserperioden die Felsoberfläche abgeschliffen hat.
Unterwegs zur Marathi-Höhle bei Paphos
Der eindrucksvollste Abschnitt beginnt nach etwa 20 Minuten Gehzeit. Die Wände rücken so nah zusammen, dass ein natürlicher Tunnel entsteht, an dessen engster Stelle nur zwei bis drei Meter zwischen den Felsen liegen. Dieser Teil zieht sich fast 100 Meter und erinnert an ein Kathedralenschiff. Licht fällt von oben ein, die Luft bleibt auch im Sommer kühl. In der Nähe der engsten Passage klemmt ein großer Felsblock zwischen den Wänden. Dieser Korallenkalkbrocken stürzte einst bei einem Erdbeben aus der oberen Schicht ab und verkeilte sich im perfekten Winkel. Er hängt über dem Bach, gehalten allein durch den Druck der Felswände.
Sobald man in die Schlucht eintritt, ändert sich die Vegetation. Wilde Feigen sprießen aus Felsspalten, entlang des Bachbetts stehen rosablühende Oleander. Die feuchtesten Stellen, an denen Quellen aus dem Kalk treten, sind von Farnen überzogen. In den breiteren Bereichen sorgen Eichen für Schatten. Hinter den Eingangswänden sinkt die Temperatur spürbar. Schatten und die Feuchtigkeit des Bachs schaffen ein Mikroklima, das dieses üppige Grün begünstigt.
Pflanzen und Tiere der Schlucht
Die Avakas-Schlucht ist wegen ihrer Artenvielfalt Teil des Natura-2000-Netzwerks. Besonders bedeutend ist Centaurea akamantis, die Akamas-Flockenblume. Sie kommt nur hier und an wenigen nahegelegenen Standorten vor. Die Art ist vom Aussterben bedroht und überlebt nur in kleinen Beständen.

Weitere endemische Arten sind seltene Farne und Wildkräuter, die in den schattigen Abschnitten gedeihen. Die Mischung aus Kalkstein, Feuchtigkeit und Schatten schafft Bedingungen, wie sie es auf Zypern nur an wenigen Orten gibt. Stachelschweine leben in Höhlen entlang der Wände, Hasen huschen in der Dämmerung durchs Gebüsch. Eidechsen wärmen sich tagsüber auf Felsen, Frösche bevölkern die Gumpen, schwarze Flussschnecken heften sich an Steine im Wasser. Bergziegen meistern die steilen Hänge mühelos und sind vom Weg oft gut zu sehen.
In den hohen Felswänden nisten zahlreiche Vogelarten. Felsentauben und Ringeltauben nutzen Felsspalten als Schlafplätze, Turmfalken jagen von exponierten Sitzen am Rand des Canyons, Mauersegler ziehen ihre Kreise. Während der Zugzeiten im Frühling und Herbst kommen weitere Arten hinzu. Dohlenschwärme sammeln sich zu bestimmten Tageszeiten, wenn Hunderte Vögel durch den schmalen Korridor zwischen den Wänden wirbeln.
So prägt die Schlucht das Besuchserlebnis
Für den Weg durch die Avakas-Schlucht braucht es Aufmerksamkeit und passende Ausrüstung. Der Pfad folgt weite Strecken dem Bachbett. Wasser fließt das ganze Jahr, die Tiefe variiert je nach Saison. Im Herbst ist der Bach meist weniger als 30 Zentimeter tief, im Winter und Frühjahr können höhere Pegel die Passage erschweren oder gefährlich machen. Die Steine sind rutschig, oft hüpft man von Fels zu Fels, um trocken zu bleiben. Mancher Abschnitt verlangt Kletterei über größere Blöcke.

Hin und zurück braucht man zwei bis drei Stunden, je nachdem wie weit man vordringt. Viele kehren nach dem natürlichen Tunnel um. Weiter hinein wird es deutlich alpiner, das Gelände anspruchsvoller und die Gefahr von Steinschlag nimmt zu. Schilder warnen vor herabfallenden Felsen und untersagen den Zutritt bei Regen.
Die besten Zeiten sind Frühling und Herbst. Im Frühling blühen Wildblumen und die Vegetation steht in voller Pracht, im Herbst sind die Temperaturen angenehm und der Wasserstand niedriger. Im Sommer ist es anstrengend heiß, wenngleich es in der Schlucht kühler bleibt als in der Umgebung. Im Winter drohen Sturzfluten und rutschige Bedingungen.
Avakas heute und Schutzstatus
Die Schlucht liegt im Staatswald Pegeia und ist als Teil von Natura 2000 geschützt. Der Status sichert Lebensräume und seltene Arten. Fahrzeuge sind auf dem eigentlichen Pfad verboten, eine Schotterstraße führt jedoch ein Stück bis zum Einstieg. Sie ist holprig und voller Schlaglöcher. Mit vorsichtiger Fahrweise kommen normale Autos durch, viele Besucher parken aber lieber an der Küste und gehen den gesamten Zubringer zu Fuß.

Vor Ort gibt es keinerlei Infrastruktur. Wer hierher kommt, muss Wasser, Proviant und passende Ausrüstung selbst mitbringen. Das Gebiet bleibt bewusst unerschlossen, um seinen natürlichen Charakter zu bewahren. Das heißt: keine Toiletten, keine Schattendächer, kein Besucherzentrum. Nur wenige Schilder markieren den Einstieg und weisen auf Gefahren hin. Ranger sind gelegentlich unterwegs, aber nicht ständig vor Ort.
Die Schlucht zieht Wanderer, Fotografen, Geologen und Naturliebhaber aus aller Welt an. Sie ist zu einem wichtigen Ziel des sanften Tourismus auf Zypern geworden und spricht Menschen an, die mehr suchen als Strände und Ausgrabungsstätten. Viele Jeep-Touren über die Akamas-Halbinsel binden einen Stopp an der Schlucht ein.
Ein lebendiges Kapitel der Naturgeschichte Zyperns
Die Avakas-Schlucht zeigt eindrucksvoll, wie Wasser Landschaften über gewaltige Zeiträume formt. Ihre Gesteinsschichten bewahren Millionen Jahre Erdgeschichte. Die ungewöhnliche Abfolge zeugt von alten Erdbeben und tektonischen Bewegungen. Endemische Pflanzen belegen, wie abgeschiedene Lebensräume einzigartige Arten hervorbringen. Hier verdichtet sich Zyperns Naturerbe – von geologischen Grundlagen bis zu seltener Tier- und Pflanzenwelt. In einem Land, das für antike Ruinen und Menschheitsgeschichte berühmt ist, erinnert Avakas an Kräfte, die den Menschen um Millionen Jahre vorausgingen.
