Die Avakas-Schlucht liegt im Staatswald von Pegeia am südwestlichen Rand der Akamas-Halbinsel, rund 20 Kilometer westlich von Paphos. Sie folgt dem Lauf des Avgas, eines Bachs, der der Schlucht ihren Namen gab.

Die eindrucksvolle Schlucht entstand durch dauernde Erosion an geneigten Kalksteinlagen. Das Gestein setzt sich aus Lehmen, Kreiden, Riffkalk, Körnerkalk und bentonitischen Tonen zusammen, die unterschiedlich schnell verwittern. Das Gebiet steht als Natura-2000-Gebiet unter Schutz und wurde 2013 nach dem Forstgesetz Zyperns als Pflanzen-Mikroreservat ausgewiesen.
Historischer Hintergrund
Geologen gehen davon aus, dass die Avakas-Schlucht aus dem Meer emporgehoben wurde, als tektonische Kräfte die gesamte Region anstiegen ließen. Seit Millionen von Jahren frisst sich der Avgas in das Gestein. Das Wasser hat den Kalkstein allmählich tiefer eingeschnitten und steile, fast senkrechte Wände geschaffen. Mit jeder Epoche wurde die Schlucht enger und tiefer.
Das altgriechische Wort „avakas“ bedeutet stumm oder ohne Stimme – möglicherweise, weil die hohen Wände Geräusche verschlucken. Hirten und Reisende nutzten den Durchgang über Jahrhunderte. Die Schlucht bot Schutz, frisches Wasser und einen Weg durch unwegsames Gelände. Zudem kursierten Erzählungen über Fabelwesen, die in den schattigen Nischen zwischen den Felsen hausen sollten.
Die Gesteinsschichten in den Wänden zeigen Ablagerungen aus Millionen von Jahren. Verschiedene Kalksteine unterscheiden sich deutlich in Farbe und Struktur. In Abschnitten ist die deutliche Schichtung ehemaliger Meeresböden zu sehen. Die Schlucht ist ein Geologie-Lehrbuch unter freiem Himmel, das zeigt, wie Naturkräfte Landschaft über tiefe Zeiträume formen.
Der Weg durch die Schlucht
Der offizielle Naturlehrpfad der Avakas-Schlucht ist etwa 3 Kilometer lang (einfach) und damit rund 6 Kilometer hin und zurück. Er beginnt auf einer Schotterstraße, die für Privatfahrzeuge gesperrt ist. Zunächst geht es durch ein offenes Tal mit vereinzelter Vegetation und Tafeln zu einheimischen Pflanzen. Viele Wanderer finden, dass die ersten 500 Meter an einen botanischen Garten erinnern.

Je näher man dem Eingang kommt, desto schmaler wird der Pfad. Beiderseits steigen die Felswände an. Danach führt der Weg in die eigentliche Schlucht und folgt dem Bachbett. Wasser fließt in der Regel das ganze Jahr, die Menge variiert je nach Jahreszeit und Regen. Im Frühling und nach Starkregen kann aus dem sanften Bach ein reißender Strom werden, der den gesamten Grund ausfüllt.
Das spektakulärste Stück liegt etwa 1,5 Kilometer nach dem Start. Hier verengt sich die Schlucht auf rund zwei Meter, während die Wände bis zu 30 Meter aufragen. Von oben fällt Licht ein, das Schatten wirft und die geschichteten Formationen betont. Mitunter tropft Wasser von den Kanten; Rohre leiten es ab, damit der Weg begehbar bleibt. Diese Engstelle hat eine kathedralartige Stimmung, die die meisten Besucher nachhaltig beeindruckt.
Artenvielfalt entlang des Avakas-Trails
In der Avakas-Schlucht gedeiht eine bemerkenswerte Pflanzenvielfalt. Das Mikroklima aus hohen Wänden, ständigem Wasser und Schatten ermöglicht Arten, die in der trockenen Umgebung nicht überleben könnten. Man findet Wacholder, Kiefern, Zypressen, Eichen, wilde Feigenbäume und Farne. Oleander blühen rosa am Wasserlauf. Der Storax-Baum wächst an geschützten Stellen. Die Gemeine Stechwinde klettert an den Felswänden empor.

Die bedeutendste Pflanze der Schlucht ist die Centaurea akamantis, die Akamas-Flockenblume. Dieser blühende Strauch kommt weltweit nur an drei nahe beieinanderliegenden Stellen auf der Akamas-Halbinsel vor. Der Gesamtbestand umfasst schätzungsweise rund 800 Individuen. Die größte Teilpopulation wächst an den senkrechten Klippen der Avakas-Schlucht.
Tierwelt in der Schlucht
Die reiche Vegetation bietet Lebensraum für zahlreiche Tiere. Füchse jagen in der Dämmerung durch die Schlucht. Hasen verbergen sich in Felsspalten. Ab und zu zeigt sich ein Igel. Ziegen klettern die steilen Hänge hinauf und lösen dabei gelegentlich Steine, die in die Schlucht stürzen.
Zu den Vogelarten zählen der endemische Zypern-Steinschmätzer, der Zypern-Grasmücke und der Zwergohreule. Blaumerle und der seltene Mauerläufer nisten an den senkrechten Felsen, was Avakas für ambitionierte Birdwatcher interessant macht. Der Mauerläufer ist besonders erwähnenswert, da er auf Zypern nur sporadisch auftaucht. Auch Turmfalken, Wildtauben, Steinkäuze und Rebhühner leben hier. Während des Zuges ziehen morgens Hunderte Vögel durch die Schlucht.
In Wassernähe leben drei Froscharten: der Seefrosch, der Irisierende Frosch und der Laubfrosch. Der Stachelschwanz (= Stellion), die größte Eidechse Zyperns, sonnt sich auf Felsen. Verschiedene Schlangenarten kommen vor, meiden aber in der Regel Menschen. Die Magnificent Emperor, Europas größte Libelle mit bis zu 9 Zentimetern Körperlänge, ist gelegentlich am Wasser zu sehen. Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt in Asien; auf Zypern gibt es kleine isolierte Vorkommen.
Nützliche Hinweise zur Wanderung
Die Schwierigkeit wird je nach Kondition und Erfahrung unterschiedlich eingeschätzt – von moderat bis anspruchsvoll. Das erste Stück auf der Schotterstraße ist leicht. In der Schlucht selbst muss man über Felsblöcke klettern, auf Steinen balancieren und gelegentlich durch seichtes Wasser waten. Feste Wanderschuhe mit gutem Profil sind wichtig, denn nasse Flächen werden schnell rutschig.

Ein beliebtes Fotomotiv ist der „hängende“ Felsblock. Dieser große Brocken steckt scheinbar zwischen den Wänden fest und wirkt, als könne er jeden Moment herabfallen. In seinen Nischen brüten Tauben. Eindrucksvoll – und ein wenig unheimlich.
Ein früher Start ist sehr empfehlenswert. Zwar bleibt es in der schattigen Schlucht kühler als in der Umgebung, mittags kann es im Sommer trotzdem heiß werden. Außerdem entgeht man so dem Andrang. In der Hochsaison wandern täglich Hunderte durch die Schlucht, besonders zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn die Besucherzahlen auf Zypern kurzzeitig steigen.
Die Zufahrtsstraßen zum Startpunkt sind teils schwierig. Mehrere Pisten führen aus unterschiedlichen Richtungen heran, mit Schlaglöchern und losem Schotter. Mit normalen Mietwagen ist es bei langsamer, vorsichtiger Fahrt meist machbar, allerdings schließen manche Vermieter die Akamas-Region in ihren Versicherungen aus. Allradfahrzeuge kommen bequemer durch. Die Beschilderung ist stellenweise lückenhaft oder verwirrend.
Es gibt zwei Parkplätze. Parkplatz 2 liegt näher am Eingang und ist schnell belegt. Parkplatz 1 ist weiter entfernt; von dort sind es etwa 500 Meter bis zum Einstieg. In Spitzenzeiten wird auch entlang der Straße geparkt. Teilweise säumen Bananenplantagen die Zufahrt.
Ausrüstung und Erwartungen
Unbedingt genug Wasser mitnehmen – entlang des Wegs gibt es keine Versorgung. Pro Person mindestens ein Liter, bei Hitze mehr. Je nach Tempo und Umkehrpunkt dauert die Tour zwei bis vier Stunden. Viele kehren an der engsten Stelle um, andere wandern bis zum Ende, wo sich die Schlucht in landwirtschaftlich genutzte Flächen öffnet.
Verpflegung muss ebenfalls mitgebracht werden, da es vor Ort keine Einrichtungen gibt. Das nächste Restaurant liegt etwas entfernt auf einem Hügel. Sonnenschutz wie Hut und Sonnencreme ist auf den offenen Abschnitten vor dem Schluchteingang wichtig. Ein Wanderstock hilft beim Gleichgewicht auf unebenem Untergrund, besonders bei Bachquerungen.
Der Mobilfunkempfang ist in der Schlucht stellenweise schwach oder nicht vorhanden. Karten sind hilfreich, auch wenn der Weg im Grunde dem Bach durch die Schlucht folgt. Manche laden sich vorher GPS-Tracks herunter. In der AllTrails-App ist die Route mit 4,4 Meilen (etwa 7 Kilometer) inklusive Zustieg verzeichnet.
Für Kinderwagen oder Rollstühle ist der Pfad ungeeignet. Hunde sind wegen der Kraxelpassagen nicht zu empfehlen. Sehr kleine Kinder sollten die Tour nicht machen. Familien mit älteren, wandererfahrenen Kindern schaffen sie mit Aufsicht gut.
Nässe erhöht die Risiken. Starker Regen kann Sturzfluten auslösen, die die Schlucht gefährlich füllen. Bei durchnässtem Boden steigt die Gefahr von Erdrutschen und Steinschlag. Gewitter unbedingt meiden. Selbst leichter Regen macht Felsen rutschiger. Die besten Monate zum Wandern sind März bis Mai sowie September bis November: angenehme Temperaturen, geringere Regenwahrscheinlichkeit.
Warum diese Schlucht wichtig ist
Die Avakas-Schlucht zeigt eindrücklich, wie Wasser über geologische Zeiträume Gestein formt. In ihren Wänden lässt sich Zyperns Erdgeschichte ablesen: ehemalige Meeresböden, die zu Land wurden, Sedimente, die zu verschiedenen Kalksteinen verfestigt sind, und stetige Erosion, die dramatische Formen schafft.
Gleichzeitig ist sie ein Rückzugsraum für Biodiversität. Das besondere Mikroklima bietet Pflanzen und Tieren Schutz, Feuchtigkeit und Schatten. Ohne diesen Lebensraum wäre die vom Aussterben bedrohte Centaurea akamantis wahrscheinlich nicht mehr vorhanden. Die Schlucht zeigt, dass selbst kleine Schutzgebiete Arten bewahren können, die es sonst nirgends gibt.
Avakas ermöglicht Naturerlebnis ohne große Anreise. Anders als entlegene Wildnis, die Expeditionen verlangt, liegt diese Schlucht nahe touristischer Infrastruktur und bietet dennoch echtes Abenteuergarantie. Trotz der geringen Entfernung von nur etwa 20 Kilometern nach Paphos fühlt man sich mitten in der Wildnis.
Die Avakas-Schlucht verbindet Menschen mit „tiefer Zeit“ und natürlichen Prozessen. Wer zwischen 30 Meter hohen Wänden steht, die Schichten aus Millionen Jahren betrachtet und das Wasser weiter am Gestein arbeiten sieht, bekommt ein Gefühl für die Dimensionen geologischer im Vergleich zu menschlichen Zeiträume. Die Schlucht erinnert daran, dass mächtige Kräfte Zypern lange vor uns geformt haben – und es auch nach uns weiter tun werden.