Die Volkstänze Zyperns sind lebendige Traditionen, die die Menschen von heute mit dem byzantinischen Erbe der Insel verbinden – durch festgelegte Bewegungen, traditionelle Trachten und das gemeinsame Tanzen. Getanzt wird bei Hochzeiten, religiösen Festen, Erntefeiern und Familienzusammenkünften. Dabei geht es um weit mehr als nur Unterhaltung: Die Tänze stärken den Zusammenhalt, ermöglichen Begegnungen zwischen jungen Menschen unter den Augen der Gemeinschaft und machen kulturelle Identität sichtbar.

Zum Grundrepertoire gehören Syrtos und Kartzilaumas. Sie werden entweder paarweise als Gegenüber-Tänze oder in Kreisformationen aufgeführt. Daneben gibt es besondere Darbietungen wie Tatsia, bei dem Tänzer mit Wein gefüllte Gläser auf Sieben balancieren, und Drepani, den Sicheltanz, der Fähigkeiten aus der Landwirtschaft zeigt.

Männer und Frauen tanzten traditionell getrennt. Nach den damaligen sozialen Regeln war das Tanzen für Frauen vor allem auf Hochzeiten beschränkt, während Männer auch in Kaffeehäusern, auf Dreschplätzen und bei Festen auftraten. Die Bewegungen leben von Improvisation, aber immer innerhalb klarer gemeinschaftlicher Grenzen. Tänzer konnten ihr Können zeigen, mussten sich dabei jedoch an strenge lokale Vorstellungen halten, die Übertreibung und auffälliges Sich-in-Szene-Setzen missbilligten.
Die konfrontative Tradition des Kartzilaumas
Kartzilaumas war etwa von 1910 bis in die 1970er-Jahre der grundlegende Tanz Zyperns. Er besteht aus sechs Teilen und wird von einander gegenüberstehenden Tanzpaaren getanzt – entweder von zwei Männern oder von zwei Frauen. Der Name geht auf das türkische Wort karşılama zurück, also Begrüßung. Das passt zur direkten Gegenüberstellung, bei der die Tänzer die Bewegungen des anderen aufnehmen, spiegeln und beantworten. Die Folge verläuft über die erste, zweite, dritte, vierte und fünfte Phase, wobei die fünfte auch als Balos bezeichnet wird. Jeder Abschnitt bringt leichte Veränderungen bei Schritten, Tempo und Intensität mit sich. Zwischen der dritten und vierten Phase werden traditionell Tsiattista vorgetragen – improvisierte Verse, die typisch für Zypern sind.

Im Mittelpunkt steht das individuelle Können innerhalb des Paares. Dadurch entsteht ganz von selbst ein Wettbewerb, bei dem Beweglichkeit, Einfallsreichtum und technische Sicherheit sichtbar werden. Improvisation gehört fest zur zyprischen Tanztradition. Erfahrene Tänzer fügen persönliche Akzente hinzu, ohne die erkennbaren Grundmuster zu verlassen. Was dabei akzeptabel ist, wird von der Gemeinschaft jedoch genau beobachtet. Wer zu viel Show daraus macht, erntet eher Kritik als Bewunderung. In eher nach innen gerichteten Dörfern galten besonders strenge Maßstäbe – ein Zeichen dafür, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen persönlichem Ausdruck und gemeinschaftlicher Ordnung war.

Ein deutliches Unterscheidungsmerkmal des Kartzilaumas auf Zypern ist die Haltung der Arme. Anders als bei ähnlichen griechischen Tänzen werden die Arme seitlich ausgestreckt, statt mit anderen Tänzern verbunden zu sein. Bestimmte Gesten verraten zudem regionale Eigenheiten. In manchen Orten gibt es eine besondere Fußarbeit, bei der auf einer Stelle gestampft wird und die Füße abwechselnd gekreuzt nach vorn gesetzt werden – besonders in der zweiten und dritten Phase. Solche lokalen Unterschiede bilden gewissermaßen eigene Tanzdialekte, an denen Kenner die Herkunft eines Tänzers bis zum Dorf erkennen können.
Der Kreistanz Syrtos
Syrtos ist der beliebteste Gruppentanz Zyperns. Männer und Frauen tanzen ihn gemeinsam, entweder im Kreis oder in einer schlangenförmigen Reihe, wobei sie sich an den Händen oder Handgelenken halten. Der Name kommt vom griechischen Wort syro, also ziehen oder führen, und verweist auf die gleitenden Schritte, die den Tanz prägen. Syrtos steht im 4/4-Takt. Damit unterscheidet er sich vom verwandten Kalamatianos, der im 7/8-Rhythmus getanzt wird – gegliedert in ein langsames Dreiermuster und zwei schnelle Zweiermuster.

Die Kreisform steht für Zusammenhalt und Gleichwertigkeit, denn alle Beteiligten nehmen denselben Platz innerhalb der Gruppe ein. Angeführt wird der Tanz von der Person am rechten Ende, die auch improvisierte und auffälligere Figuren einbauen kann, während die anderen bei den Grundschritten bleiben. Der zweite Tänzer hält den Anführer mit einem verdrehten Taschentuch, das beide Hände verbindet. Das gibt Halt bei Drehungen und hilft, bei schwierigen Bewegungen das Gleichgewicht zu bewahren. So entstehen innerhalb der geschlossenen Formation kleine Blickpunkte.

Begleitet werden die Tänzer von Geige, Laouto und Tamburin. Die Melodien schaffen festliche Stimmung bei Hochzeiten, auf Panigyria – also religiösen Festen – und bei geselligen Treffen. Gleichzeitig gibt die Musik Tempo und Verlauf des Tanzes vor, damit auch große Gruppen im gleichen Rhythmus bleiben. Syrtos wird das ganze Jahr über getanzt und ist oft der Tanz, der Menschen bei Feiern ganz selbstverständlich zusammenbringt.
Besondere Tänze, bei denen individuelles Können zählt
Der Tanz Tatsia verlangt den Ausführenden einiges ab: Während sie anspruchsvolle Schrittfolgen tanzen, balancieren sie mit Wein gefüllte Gläser auf kreisförmig gedrehten Sieben. Traditionell wurde dieser Tanz von Männern bei geselligen Anlässen und Hochzeiten aufgeführt. Er zeigt sowohl Beweglichkeit als auch eine beeindruckende Sicherheit im Umgang mit den Gläsern – etwas, das viel Übung über Jahre hinweg erfordert. Manche besonders geübte Tänzer schaffen es, bis zu 20 Gläser gleichzeitig zu balancieren, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Genau das brachte ihnen Bewunderung für ihr technisches Können ein. Die Darbietung verbindet Unterhaltung mit einer Form männlicher Stärke, die in der traditionellen Dorfkultur geschätzt wurde.

Drepani, der Sicheltanz, hat seinen Ursprung in den Erntetraditionen. Die besten Schnitter spielten während der Arbeit mit der Sichel, schwangen sie durch die Luft und führten schnelle Bewegungen um den eigenen Körper aus, ohne mit dem Mähen aufzuhören. Aus dieser landwirtschaftlichen Geschicklichkeit entwickelte sich ein Tanz. Die Tänzer führen scharfe Sicheln in festgelegten Bewegungsfolgen und zeigen damit ihre Fertigkeit bei der Ernte. Zur Potherka, dem Erntefest nach dem Abernten der letzten Felder, gehörten Sichelspiele, scherzhaft gegen Grundbesitzer gerichtete Drohungen und gemeinsame Mahlzeiten. Bis vor nicht allzu langer Zeit war der Sicheltanz auch beim Kataklysmos-Pfingstfest zu sehen, besonders in der Karpas-Halbinsel, wo sich ältere Einwohner noch gut an diese Tradition erinnerten.

Beim Kouza-Tanz balancieren die Ausführenden Tongefäße auf dem Kopf, während sie sich zur traditionellen Musik bewegen. Dabei sind Genauigkeit und eine ruhige Eleganz entscheidend, denn die Schrittfolgen können durchaus komplex sein. Meist beginnt die Darbietung mit langsamen, kontrollierten Bewegungen und wird dann nach und nach schneller, sodass das Können der Tänzer immer deutlicher hervortritt. Getanzt wird Kouza vor allem bei Hochzeiten und festlichen Zusammenkünften. Er steht für Widerstandskraft und Feierfreude als Teil des zyprischen Erbes.
Geschlechtertrennung und soziale Funktionen
Die sozialen Regeln zwischen 1910 und den 1970er-Jahren setzten Frauen beim Tanzen enge Grenzen. Für sie war der Auftritt im Grunde auf Hochzeiten beschränkt. Männer tanzten dagegen nicht nur bei Hochzeiten, sondern auch auf Festen, abends in Kaffeehäusern, auf Dreschplätzen und überall dort, wo Männer zusammenkamen. Diese Trennung entsprach einem breiteren mediterranen Muster, bei dem der öffentliche Raum vor allem Männern zugeordnet war, während sich das Leben der Frauen stärker im familiären und häuslichen Bereich abspielte. Frauen tanzten paarweise Kartzilaumas, zurückhaltend und ernst, oft beinahe ohne den eigenen Platz zu verlassen, während sie ihren persönlichen Raum markierten.

Die Armhaltung der Frauen war unterschiedlich. Mal lagen beide Hände an den Hüften an, mal hingen die freien Hände locker herab oder bewegten sich sanft auf Schulterhöhe. Diese zurückgenommenen Bewegungen standen für Bescheidenheit und Anmut und konnten zugleich durch feine Handgesten das Können in der Handarbeit andeuten. Im Gegensatz zu den kraftvolleren Auftritten der Männer machte das deutlich, welche Vorstellungen es damals von angemessenem Verhalten und körperlichem Ausdruck für die Geschlechter gab.

Die Tänze spielten auch bei der Partnersuche eine wichtige Rolle. Junge Menschen konnten sich in einem von der Gemeinschaft überwachten Rahmen begegnen und mögliche Ehepartner kennenlernen. Wer gut tanzte, zeigte damit Eigenschaften, die als wertvoll galten – etwa Körperbeherrschung, kulturelles Wissen und sozialen Status. Familien beobachteten junge Erwachsene beim Tanzen genau, um ihre Eignung für eine mögliche Verbindung einzuschätzen. Tanzfähigkeit galt dabei gewissermaßen als Hinweis auf weitere Fähigkeiten, die in landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaften hoch angesehen waren.
Heutige Praxis und Bewahrung des kulturellen Erbes
Im heutigen Zypern werden die Volkstanztraditionen von engagierten Gruppen weitergetragen, die zu Ostern, bei Hochzeiten, Taufen und auch bei Themenabenden in Hotels für Touristen auftreten. Viele Freizeittänzer betreiben Volkstanz als Hobby und verdienen sich mit öffentlichen Auftritten etwas dazu, während sie gleichzeitig kulturelles Erbe bewahren. Tanzschulen bringen Kindern die traditionellen Choreografien bei und sorgen so dafür, dass das Wissen an die nächste Generation weitergegeben wird – an junge Menschen, die sonst leicht den Bezug zu den Praktiken ihrer Vorfahren verlieren könnten.

Das jährliche Internationale Volkstanzfestival in Trikomo im türkisch besetzten Teil Zyperns zieht Gruppen aus aller Welt an. Es verschafft den zyprischen Traditionen internationale Aufmerksamkeit und schafft zugleich Raum für kulturellen Austausch. Türkisch-zyprische Volkstanzgruppen vertreten Zypern regelmäßig bei internationalen Festivals und erhalten viel Anerkennung für Auftritte, die das vielschichtige kulturelle Erbe der Insel mit seinen griechischen, türkischen und einheimischen Elementen sichtbar machen.
Trotz aller Bemühungen um den Erhalt stehen die traditionellen Tänze heute unter Druck. Modernisierung, Abwanderung in die Städte und veränderte Vorlieben bei Musik und Unterhaltung setzen ihnen zu. Viele junge Zyprer interessieren sich stärker für moderne Musik und aktuelle Tanzstile als für die Volkstänze, die ihre Großeltern noch ganz selbstverständlich kannten und tanzten. Auch der Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeit lässt jene Anlässe verschwinden, aus denen viele dieser Tänze ursprünglich ganz natürlich hervorgegangen sind – etwa Erntefeste. Der Wandel von einer gelebten Alltagstradition hin zu einer bewusst gepflegten kulturellen Aufführung verändert damit grundlegend die soziale Funktion und die Bedeutung des Tanzes im heutigen zyprischen Leben.