Nahe der Stadt Morfou im Nordwesten Zyperns ragte einst auf der fruchtbaren Ebene, wo der Ovgos in Richtung Meer fließt, ein künstlicher Hügel empor. Über mehr als 600 Jahre der Bronzezeit lebten hier Töpfer, die feinste Keramik herstellten, Kupferhandwerker, die Erz aus nahegelegenen Minen verarbeiteten, und Familien, die ihre Toten in in den Fels gehauenen Gräbern bestatteten. Vieles wurde von Bulldozern zerstört, bevor Archäologen eingreifen konnten. Doch was man in nur drei Jahren freilegte, veränderte unser Bild der bronzezeitlichen Geschichte Zyperns.

- Historischer Hintergrund
- Die Harvard-Ausgrabungen und ihr abruptes Ende
- Was schon vor der Archäologie verlorenging
- Das Töpferviertel und die Keramikproduktion
- Warum Toumba tou Skourou für die Archäologie wichtig ist
- Die Stätte heute und ihre ungewisse Zukunft
- Eine verlorene und teils wiedergewonnene Siedlung
Historischer Hintergrund
Toumba tou Skourou war eine Siedlung und Nekropole der Späten Bronzezeit, rund 4 Kilometer vom Zentrum Morfous an der nordwestlichen Küste Zyperns entfernt. Der griechische Name bedeutet „Hügel der Dunkelheit“, wobei die Herkunft dieser ungewöhnlichen Bezeichnung umstritten ist. Die Stätte bestand aus einem künstlichen Hügel von etwa 10 Metern Höhe, 12 Metern Breite und 20 Metern Länge, der sich aus über Jahrhunderten angefallenem Siedlungsschutt gebildet hatte.

Die Siedlung war vom Übergang der Mittel- zur Späten Bronzezeit bis in die Frühe Eisenzeit bewohnt, grob zwischen 1650 v. Chr. und 750 v. Chr. In ihrer Blütezeit war Toumba tou Skourou ein Handwerkszentrum: Hier produzierten Spezialisten Keramik und verarbeiteten Kupfer, das aus den nahegelegenen Trodos-Bergen stammte. Zudem gab es Wohnbereiche, Vorratsbauten mit großen Pithoi (Tonkrügen) und mindestens sechs Kammergräber mit insgesamt zwölf Bestattungskammern.
Die Harvard-Ausgrabungen und ihr abruptes Ende
1971 begannen die Harvard University und das Museum of Fine Arts in Boston unter der Leitung der renommierten Klassischen Archäologin Emily Vermeule mit Ausgrabungen in Toumba tou Skourou. Vermeule hatte sich bereits mit Arbeiten in Griechenland einen Namen gemacht und wollte die bronzezeitlichen Verbindungen Zyperns zur Ägäis erforschen.
Das Team grub drei Kampagnen lang, von 1971 bis 1973. Freigelegt wurden Töpferwerkstätten, Wohngebäude, Anlagen zur Kupferverarbeitung sowie Gräber mit reichhaltigen Beigaben. Nahezu 2.000 Fotos und Zeichnungen hielten die Funde fest. Die Ergebnisse zeigten, wie sich diese kleine Küstensiedlung in die Handelsnetze zwischen Zypern, Kreta und dem griechischen Festland einfügte.
1974 jedoch kam es mit der türkischen Invasion Zyperns zur Katastrophe. Die politische Krise zwang zu einem sofortigen Abbruch der Arbeiten. Vermeule und ihr Team mussten abreisen und kehrten nie zurück. Vieles blieb nur unvollständig ausgewertet. Die endgültige Publikation erschien erst 1990 – fast 20 Jahre nach Beginn der Grabungen.
Was schon vor der Archäologie verlorenging
Die eigentliche Tragödie von Toumba tou Skourou ereignete sich noch vor Ankunft der Archäologen. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren bereiteten Grundbesitzer in der Gegend von Morfou Land für den Anbau von Orangenhainen vor. Diese Zitruskulturen waren lukrativ, und um Bewässerungssysteme anzulegen, wurden Hügel mit Bulldozern eingeebnet.

Niemand ahnte, dass sich unter diesen Erhebungen prähistorische Siedlungen verbargen. Die Bulldozer schälten die oberen Schichten von Toumba tou Skourou ab und zerstörten Gebäude, Straßen und zahllose Artefakte. Laut Vermeules Berichten wurden mehrere Hügel, die einst zum Gesamtareal gehörten, vollständig planiert, bevor die Grabungen überhaupt beginnen konnten.
Ausgegraben werden konnte nur ein kleiner Rest dessen, was einst vorhanden war. Die Archäologen sicherten, was noch übrig war, wohl wissend, dass sie nur einen Bruchteil einer viel größeren bronzezeitlichen Siedlung sahen. Für die Forschung macht das Toumba tou Skourou zugleich unschätzbar und frustrierend.
Das Töpferviertel und die Keramikproduktion
Die Grabungen zeigten, dass die Keramikherstellung in Toumba tou Skourou eine zentrale Rolle spielte. In Werkstattbereichen fanden sich Brennöfen, Lagerräume für Ton und Plätze, an denen Gefäße auf der Töpferscheibe geformt wurden. Die schiere Menge an Scherben überraschte das Team.
Die Keramik bezeugt enge Verbindungen innerhalb Zyperns und in den Mittelmeerraum. Lokale Gattungen wie Red Polished Ware, White Slip Ware und Base Ring Ware sind häufig. Zugleich belegen Importe aus Kreta und vom griechischen Festland, dass Toumba tou Skourou in den Fernhandel eingebunden war.

Auffällig sind auch ungewöhnliche Dekore: geometrische Muster, Parallellinien, Wellenbänder und schraffierte Rauten verzieren viele Gefäße. Die Vielfalt der Stile lässt auf mehrere Töpfergenerationen schließen, die traditionelle Formen jeweils eigenständig weiterentwickelten. Die Qualitäten reichen von schlichten Gebrauchstöpfen bis zu feinem Tafelgeschirr für wohlhabende Haushalte.
Das Nebeneinander von einfachen Kochgefäßen und dekoriertem Serviergeschirr verrät viel über den Alltag. Gekocht wurde in unglasierten Töpfen, serviert in bemalten Schalen; Getreide und Öl lagerten in großen Vorratskrügen. Die Produktion diente also nicht nur dem Export, sondern auch der lokalen Versorgung.
Warum Toumba tou Skourou für die Archäologie wichtig ist
Trotz der Zerstörungen bleibt Toumba tou Skourou aus mehreren Gründen bedeutsam. Erstens liefert die Stätte Einblicke in den Nordwesten Zyperns während der Bronzezeit, eine Region, die im Vergleich zu östlichen und südlichen Zentren wie Enkomi und Kition weniger erforscht ist.

Zweitens half die Keramik von Toumba tou Skourou, die Datierungssysteme für die zyprische Bronzezeit zu verfeinern. Die sorgfältige Dokumentation der Formen und Dekore in verschiedenen Schichten ermöglichte präzisere Chronologien, die bis heute die Datierung anderer Fundorte beeinflussen.
Drittens belegt der Fundplatz die Verbindungen zwischen Zypern und der Ägäis, insbesondere mit Kreta. Importierte Gefäße und lokale Nachahmungen fremder Stile zeigen, wie Zypern in den mediterranen Kulturaustausch eingebunden war.
Und schließlich steht Toumba tou Skourou stellvertretend für die vielen mittelgroßen Siedlungen, die die Insel in der Bronzezeit prägten. Während große Zentren wie Enkomi die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, spielte sich das tägliche Leben der meisten Menschen in Orten wie diesem ab.
Die Stätte heute und ihre ungewisse Zukunft
Nach 1974 wurden in Toumba tou Skourou keine weiteren Grabungen durchgeführt. Der Fundort liegt im Norden der Insel und untersteht der türkisch-zyprischen Verwaltung. Politische Hürden erschweren neue archäologische Arbeiten.
Die Orangenhaine, die Teile der Stätte zerstörten, bestehen weiterhin. Was von der antiken Siedlung übrig ist, liegt unter Agrarflächen, die noch bewirtschaftet werden. Sichtbare Ruinen gibt es nicht, touristisch ist der Ort nicht erschlossen.
Die von Harvard geborgenen Funde sind zwischen dem Zypernmuseum in Nikosia und Sammlungen in den USA aufgeteilt. Die umfassende Publikation von Vermeule und Wolsky aus dem Jahr 1990 dokumentiert alles, ist jedoch teuer und außerhalb großer Universitätsbibliotheken schwer zugänglich.
Für Forschende der zyprischen Bronzezeit existiert Toumba tou Skourou daher vor allem in Berichten, Fotos und Museumsbeständen. Der Fundplatz selbst bleibt weitgehend unzugänglich und ohne Schutz.
Eine verlorene und teils wiedergewonnene Siedlung
Toumba tou Skourou ist bedeutsam, weil es den Blick auf eine Gemeinschaft jenseits der großen Machtzentren lenkt. Hier lebten keine Könige oder Palastbeamten, sondern Handwerker, Bauern und Händler, die mit Keramik, Kupferverarbeitung und Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienten. Ihre Gräber zeigen Wohlstand und Kontakte, verraten aber ebenso viel über den Alltag von Familien, über Leben und Sterben.
Die Zerstörung der Stätte vor ihrer vollständigen Untersuchung hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Wir sehen genug, um zu wissen, dass dieser Ort wichtig war, aber die ganze Geschichte bleibt uns verwehrt. In den abgetragenen Gebäuden könnten Palastarchive gelegen haben, Tempel mit Inschriften oder Werkstätten, die unser Verständnis der Bronzezeit Zyperns grundlegend erweitert hätten.
Was in Museen und Publikationen überliefert ist, bewahrt dennoch ein Stück dieser verlorenen Welt. Keramik, Kupferwerkzeuge, Straußeneier mit eingeritzter Verzierung und 552 Gefäße aus nur einem Grab zeugen von einer wohlhabenden Gemeinschaft, die über Jahrhunderte an der Bucht von Morfou blühte. Sie hat in der Archäologie Spuren hinterlassen, auch wenn die moderne Entwicklung sie fast ausgelöscht hätte.