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Südwestlich von Nikosia, nahe dem heutigen Dorf Politiko, liegen zwei monumentale Grabkammern, die von der Blüte des reichsten Binnenkönigreichs des antiken Zypern erzählen. Die Königsgräber von Tamassos markieren den Höhepunkt der zyprischen Architektur des 6. Jahrhunderts v. Chr. und zeigen, welchen Wohlstand der Kupferbergbau dieser Stadt einbrachte.

Aus Kalksteinblöcken gehauen und nach dem Vorbild hölzerner Häuser gestaltet, zählen sie zu den eindrucksvollsten vorhellenistischen Grabarchitekturen der Insel.

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Die Königsgräber von Tamassos wurden Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. errichtet. Sie dienten als Ruhestätten der lokalen Herrscher oder der höchsten Aristokratie des Stadtstaats Tamassos, einem der zehn bedeutenden Königreiche des antiken Zypern.

Gebaut aus mächtigen, sauber zugerichteten Kalksteinquadern, zeigen sie Bauelemente, die hölzerne Konstruktionen nachahmen, etwa eingemeißelte Darstellungen von Dachbalken und Verriegelungen.

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Historischer Hintergrund

Tamassos lag strategisch günstig nahe reicher Kupfervorkommen an den nordöstlichen Ausläufern des Troodos-Gebirges. Das Gebiet ist seit der Kupfersteinzeit (um 3900 v. Chr.) besiedelt, doch im späten Bronzezeitalter nahm die Bevölkerung mit dem intensiveren Kupferabbau stark zu.

Spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. hatte sich Tamassos zu einem bedeutenden Stadtstaat entwickelt.

Erwähnt wird das Königreich auf dem assyrischen Prisma Esarhaddons um 673-672 v. Chr., wo es als „Tamesi“ erscheint. Dort wird König Atmesu (möglicherweise Admetos) als einer der zyprischen Herrscher aufgeführt, die dem Neuassyrischen Reich Tribut entrichteten.

Diese Nennung belegt die politische Bedeutung von Tamassos im östlichen Mittelmeerraum während der Eisenzeit.

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Antike Autoren brachten Tamassos immer wieder mit Kupfer in Verbindung. Der Geograph Strabon beschrieb es als wohlhabende Stadt, berühmt für ihre Kupferproduktion. Stephanos von Byzanz nannte sie eine „mesogeia“, also eine Binnenstadt mit Kupfer von hervorragender Qualität.

Manche Forscher setzen Tamassos sogar mit „Temese“ gleich, einem Kupfermarkt, den Homer in der Odyssee erwähnt. In Buch I berichtet die Göttin Athene, sie reise mit Eisen nach Temese, um es gegen Kupfer zu tauschen.

Entdeckung und frühe Ausgrabungen

Die ersten Ausgrabungen in Tamassos führte der deutsche Archäologe Max Ohnefalsch-Richter zwischen 1889 und 1894 durch. Er legte die beiden Königsgräber frei, fand Heiligtümer des Apollon und der Göttermutter sowie fast 50 in den Fels gehauene Gräber.

Zum Vorschein kamen große Mengen an Keramik, Schmuck, Bronzeobjekten und weiteren Funden. Viele Stücke gelangten anschließend in Museen weltweit.

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In den 1970er Jahren nahmen das Deutsche Archäologische Institut und die Universität Gießen unter der Leitung von Hans-Günter Buchholz die Arbeiten wieder auf. Dabei kamen die Reste eines Aphrodite-Tempels, Wohnhäuser und Werkstätten zur Kupferverarbeitung ans Licht.

Die Funde bestätigten die antiken Berichte, dass Tamassos ein bedeutendes Zentrum der Kupferproduktion war.

Gelegentliche Grabungen zwischen 1970 und 1990 in der Umgebung der antiken Stadt brachten weitere Strukturen zutage, darunter Befestigungsmauern aus der Archaischen Zeit, zusätzliche Gräber, Anlagen zur Kupferverarbeitung und verschiedene Kultobjekte.

Großflächige Ausgrabungen im Stadtzentrum sind jedoch kaum möglich, da der größte Teil des antiken Tamassos unter dem heutigen Dorf Politiko und dem nahegelegenen griechisch-orthodoxen Kloster Agios Herakleidios liegt.

Architektur und Gestaltung der Königsgräber

Beide Gräber zeugen von hoher Baukunst und einem aufwendigen, kostspieligen Aufbau.

Das größere Grab, bekannt als Grab 5, besitzt einen gestuften Dromos, der zu einem Eingang mit einem Volutenkapitell, auch Proto-Äolisches Kapitell genannt, hinabführt. Dieses Zierelement zeigt phönizische und ägyptische Einflüsse.

Der Eingang ist als zurückspringende Tür gestaltet, deren Sturz eingemeißelte hölzerne Dachbalken imitiert.

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Im Inneren bestehen zwei Kammern. Die Wände sind aus großen Quadern gesetzt, präzise zugeschnittene Kalksteinblöcke, die fugenlos aneinanderliegen.

Das sattelförmige Dach bilden zwei gewaltige Steinplatten, die auf den Seitenwänden aufliegen und sich oben gegeneinander neigen.

An der Rückwand der Grabkammer steht ein offener Steinsarkophag, in dem die Verstorbenen beigesetzt wurden.

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Das zweite Grab ist ähnlich aufgebaut, zeigt jedoch noch reichere Verzierungen. Die Wände sind so bearbeitet, dass sie eine Holzkonstruktion nachahmen, mit profilierten Details, die Stämme und Balken darstellen.

Auf dem First verläuft ein profilierter Längsbalken, der die sattelförmige Abdeckung trägt. In der ersten Kammer befinden sich zwei quadratische Nischen in Form von Scheintüren.

In den oberen Bereichen dieser Türen sind Riegelmechanismen nachgebildet: vier senkrechte Zapfen, durch die ein horizontaler Sperrbalken geführt ist. Das imitiert die Verriegelung hölzerner Türen.

Diese steinernen Kopien hölzerner Bauweise sind besonders bemerkenswert. Archäologen führen sie auf anatolische Einflüsse in der Blütezeit von Tamassos im 6. Jahrhundert v. Chr. zurück.

Steinerne Nachbildungen von Holzkonstruktionen finden sich in mehreren Kulturen des Mittelmeerraums, besonders ausgeprägt aber dort, wo enge Verbindungen nach Anatolien bestanden.

Christliche Zeit und mittelalterlicher Wandel

Tamassos wurde bereits Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zu einem der ersten Bischofssitze Zyperns. Der heilige Herakleidios, Begleiter des heiligen Paulus auf dessen Missionsreisen nach Zypern, gilt als erster Bischof von Tamassos.

Auch der in der Apostelgeschichte erwähnte heilige Mnason stand der Region nahe.

In der frühchristlichen Zeit entstand südöstlich des antiken Tamassos, über der Grabstätte des heiligen Herakleidios, eine große dreischiffige Basilika. Sie verfiel später.

Über die Jahrhunderte wurden dort mehrfach Kirchen errichtet, bis die heutige Kirche 1773 ihre endgültige Gestalt erhielt. Das Kloster Agios Herakleidios besteht als Frauenkloster bis heute.

Ab dem 10. Jahrhundert n. Chr. verlor die Stadt an Wohlstand, weil die Kupferminen erschöpft waren. Eine Wirtschaft, die so stark vom Bergbau und der Metallverarbeitung abhing, konnte das städtische Leben ohne diese Ressource nicht aufrechterhalten.

Nach und nach zerstreute sich die Bevölkerung in kleinere landwirtschaftliche Siedlungen der Umgebung.

Heutige Dörfer und kulturelles Erbe

Heute liegen acht Dörfer im Gebiet des antiken Tamassos: Psimolofou, Episkopeio, Pera Orinis, Ergates, Politiko, Kampia, Analyontas und Kapedes.

Aus kleinen Agrargemeinschaften von jeweils etwa zehn Familien wurden im Lauf der Jahrhunderte Dörfer mit rund 1.000 Einwohnern.

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Die Dorfnamen erinnern an die antike Vergangenheit. „Politiko“ verweist auf die glänzende Stadt, die es ablöste (vom griechischen „polis“ für Stadt).

„Episkopeio“ spielt auf die Funktion von Tamassos als Bischofssitz an. „Ergates“ leitet sich vom griechischen Wort für Arbeiter ab, da hier die Bergleute wohnten.

„Pera Orinis“ bedeutet „gegenüber den Bergen“ und beschreibt die Lage gegenüber von Politiko in hügeligem Gelände.

In den Ortskernen von Pera Orinis und Politiko haben sich zahlreiche ältere Gebäude erhalten, die als kulturell bedeutsam gelten.

Dazu zählen die Kirche Panagia Odigitria, die Alte Mühle, Schulgebäude und die kürzlich restaurierte Kapelle des heiligen Georg.

Der 1989 gegründete Kulturverein von Tamassos vertritt die acht Gemeinden des ehemaligen Königreichs und setzt sich für den Erhalt des gemeinsamen Erbes ein.

Besuch der archäologischen Stätte heute

Die archäologische Stätte von Tamassos liegt etwa 21 Kilometer südwestlich von Nikosia, in der Nähe des Dorfs Politiko.

Der Besuch ist zu festen Zeiten möglich. Vom 16. September bis 15. April ist die Stätte montags bis freitags von 8:30 bis 16:00 Uhr geöffnet.

Vom 16. April bis 15. September gelten montags bis freitags die Zeiten 9:30 bis 17:00 Uhr. An Wochenenden und an wichtigen Feiertagen bleibt die Stätte geschlossen.

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Zu sehen sind die beiden Königsgräber, Teile des Aphrodite-Tempels, Abschnitte der Stadtbefestigung und weitere Baureste.

Informationstafeln auf Griechisch und Englisch liefern Hintergrundwissen. Zudem öffnet sich der Blick über die Ackerlandschaft der Mesaoria-Ebene – dieselbe Aussicht, die schon das antike Tamassos prägte.

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Die Innenräume der Gräber sind zugänglich, sodass sich die Dimensionen und die handwerkliche Qualität unmittelbar erleben lassen.

Die eingemeißelten Details der Holzbau-Nachahmung, die gewaltigen Dachplatten und die Steinsarkophage sind gut erkennbar.

Spuren antiker Grabräubereien sind in einem Loch im Dach des größeren Grabes sichtbar.

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