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Auf einem Hügel im Süden Zyperns, rund 6,5 Kilometer von der Küste entfernt, entdeckten Archäologen eine der bedeutendsten neolithischen Siedlungen des Mittelmeerraums. Sotira-Teppes gilt als Schlüsselort der Keramischen Jungsteinzeit, auch Sotira-Kultur genannt, die zwischen 4500 und 3800 v. Chr. blühte.

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Das Areal wurde 1934 von Porphyrios Dikaios, dem Kurator des Zypernmuseums, entdeckt und in den späten 1940er- und 1950er-Jahren ausgegraben. Die Funde waren so eigenständig, dass sie einer ganzen Phase der zyprischen Vorgeschichte ihren Namen gaben. In diese Zeit fällt die Verbreitung der Töpferei auf der Insel sowie neue Siedlungsmuster.

Die Hügelsiedlung

Der Standort war sorgfältig gewählt. Der Hügel erreicht etwa 330 Meter über dem Meeresspiegel und bietet weite Blicke über das Kouris-Tal und die Südküste. Natürliche defensive Vorteile boten die steilen Nord- und Westhänge, während die sanfteren Südhänge den Hauptwohnbereich bildeten. Mindestens drei ganzjährig wasserführende Quellen in der Nähe sorgten für eine sichere Wasserversorgung.

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Die Ausgrabungen legten etwa 47 Häuser auf einem rund 0,25 Hektar großen Plateau frei. An den Nordhängen befand sich eine mächtige Stützmauer aus Kalksteinblöcken, mit gelbem Lehm verfugt. Sie könnte das Plateau für Wohnzwecke verbreitert haben oder als Befestigung gedient haben. Letzteres ist jedoch weniger wahrscheinlich, da die bewohnten Südhänge keinen vergleichbaren Schutz aufwiesen.

Häuser und Architektur

Die Häuser in Sotira-Teppes markieren einen klaren architektonischen Wandel. Während in der akeramischen Jungsteinzeit fast ausschließlich runde Gebäude vorkamen, waren die Bauten in Sotira überwiegend freistehend und eher unter-rechteckig oder kantig mit abgerundeten Ecken. Etwa 40 bis 50 Zentimeter breite Steinfundamente trugen eingeschossige Aufbauten aus Lehmziegeln oder gestampftem Lehm; die Dächer bestanden aus Schilf und Lehm. Die Grundfläche lag im Schnitt bei rund 16 Quadratmetern. Runde und rechtwinklige Hausformen kamen nebeneinander vor, was auf eine Übergangsphase in der Bautradition hinweist.

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Die Siedlung durchlief drei Hauptphasen. In Phase 1 standen wenige, verstreute Häuser; sie endete, als ein Brand den Nordteil zerstörte. Phase 2 brachte eine deutliche Ausweitung und die Siedlung erreichte als dicht bebautes Dorf ihre größte Ausdehnung. Die Zerstörungsschicht am Ende dieser Phase weist auf ein schweres Erdbeben hin, das die meisten Gebäude zum Einsturz brachte. In Phase 3 wurden beschädigte Häuser erneut bezogen und die nördliche Stützmauer errichtet. Da nur wenig neu gebaut wurde, war diese letzte Phase kurz und endete mit der endgültigen Aufgabe des Ortes.

Die charakteristische Keramik

Die Sotira-Kultur verdankt ihren Namen ihrer Töpferware. Den Bestand dominierte handgefertigte Kammkeramik, bei der mehrzinkige Werkzeuge über den feuchten Ton gezogen wurden und so parallele Rillen und geschwungene Bänder entstanden. Manche Gefäße trugen einen roten Überzug, der teilweise abgekammt wurde, sodass die darunterliegende weiße Engobe sichtbar blieb und ein markanter Hell-Dunkel-Kontrast entstand.

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Auch Rot-auf-Weiß bemalte Keramik kam vor, jedoch in geringerer Menge als auf Fundplätzen im Norden Zyperns. Die Malereien sind eher schlicht. Am häufigsten waren tiefe Schalen, offene Schalen mit Ausguss, Milchkellen und Krüge. Diese praktischen Formen zeigen, dass Keramik die zuvor gebräuchlichen Steingefäße weitgehend ablöste. Naturwissenschaftliche Analysen belegen eine lokale, haushaltsnahe Produktion. Für verschiedene Waren wurden unterschiedliche Tonrezepte genutzt, was auf ein ausgeprägtes Wissen über Rohstoffe und Brennverfahren hinweist.

Alltag und Werkzeuge

Gut erhaltene Hausböden geben einen selten vollständigen Einblick in den häuslichen Alltag. Viele Häuser besaßen abgetrennte Arbeitsbereiche mit niedrigen Mauern. Dort lagen Reibsteine, Läufer, Stößel und Sitzsteine in unmittelbarer Nähe der Mahlstellen. In anderen abgetrennten Ecken standen Tongefäße. In die Böden eingelassene Steintrogs dienten wahrscheinlich der Brotherstellung.

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Das Werkzeuginventar war umfangreich. Zahlreiche Mühlsteine, Abriebsteine, Klopfsteine und Mörser dienten der Verarbeitung von Getreide. Beile, Dechseln und Meißel wurden für Holzarbeiten genutzt. In einem Haus blieb eine komplette Ecke zur Feuersteinbearbeitung erhalten – mit Steinhammer, Flintkernen und dem Sitz des Handwerkers. Die Abschlagsteinindustrie basierte auf Hornstein. Da es in der Umgebung wenig hochwertigen Hornstein gab, mussten die Bewohner sparsam mit Material umgehen oder es über weite Strecken beschaffen. Handwerkliche Tätigkeiten waren Teil des Haushalts und nicht in eigenen Werkstätten ausgelagert.

Selbsttragende Wirtschaft

Die Versorgung stützte sich auf Ackerbau, Viehhaltung und die Nutzung wild verfügbarer Ressourcen. Die vielen Mahlgeräte und Sicheleinsätze mit Glanz belegen Getreideanbau. Zeitgleiche Fundplätze weisen zudem auf den Anbau von Oliven und Wein hin. Große grobkeramische Schalen mit Abzugslöchern könnten der Trennung von Olivenöl und Wasser gedient haben.

Tierknochen zeigen eine Schwerpunktnutzung von Schafen und Ziegen, ergänzt durch Jagd auf Hirsche und Vögel sowie das Sammeln von Meeresschnecken. Diese breite Basis machte die Gemeinschaft weitgehend autark. Das fast völlige Fehlen importierter Güter stützt diese Einschätzung.

Egalitäre Gemeinschaft und Bestattungen

Die Siedlungsstruktur spiegelt die soziale Ordnung. Die Häuser im Grabungsareal waren ähnlich groß und gebaut; kein Gebäude stach als deutlich größer oder aufwändiger hervor. Diese Gleichförmigkeit spricht für eine weitgehend egalitäre Gesellschaft ohne klare Eliten oder große Wohlstandsgefälle. Jedes Haus diente mehreren Zwecken – Kochen, Vorratshaltung und Handwerk fanden im selben Raum statt.

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Die Bestattungssitten unterschieden sich deutlich von früheren Traditionen. Während an Orten wie Choirokoitia die Toten unter den Hausböden beigesetzt wurden, bestattete man in Sotira außerhalb der Siedlung. An der Ostflanke wurde ein extramurales Gräberfeld mit zwölf Schachtgräbern gefunden. Es handelte sich um einfache ovale Gruben, in denen Erwachsene in Hockerlage niedergelegt wurden. Häufig lagen große Steine auf Brust oder Kopf der Verstorbenen. Grabbeigaben fehlen nahezu vollständig – ein klarer Unterschied zu den Befunden aus Choirokoitia. Der Wandel könnte veränderte Vorstellungen über das Verhältnis von Lebenden und Toten widerspiegeln.

Aus den großflächigen Ausgrabungen stammen nur zwei Figurinen, darunter ein phallusförmiges Steinobjekt. Diese Seltenheit steht im Kontrast zu den zahlreicheren Figurinen der späteren Kupfersteinzeit und deutet darauf hin, dass rituelle Praktiken eher in den Alltag eingebettet waren als in eigenen Monumenten sichtbar wurden.

Kulturelle Einheit mit regionaler Note

Sotira-Teppes definiert die keramikführende Jungsteinzeit auf Zypern, etwa von 4400 bis 3800 v. Chr., und folgt auf die akeramische Kultur von Choirokoitia. Die Eigenheiten des Sotira-Materials führten zunächst zur Hypothese, es sei durch Kolonisten aus der Levante eingeführt worden. Die vermeintlichen Parallelen überzeugen jedoch kaum. Heute gilt die Sotira-Kultur überwiegend als insulare Entwicklung im Zuge eines dynamischen Bevölkerungswachstums auf der Insel.

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Trotz gemeinsamer Merkmale war die Sotira-Kultur nicht einheitlich. Sotira-Teppes steht für eine südliche Gruppe, in der Kammkeramik dominiert. In der nördlichen Gruppe treten deutlich häufiger Rot-auf-Weiß bemalte Gefäße auf. Trotz solcher Stilunterschiede ähneln sich die Fundplätze in Architektur, Werkzeugausstattung und Wirtschaftsweise auffallend. Das weist auf ein übergreifendes kulturelles System mit regionalen Ausprägungen hin: Inselweit vergleichbare Bauformen gingen mit regional unterschiedlichen Keramikstilen einher.

Plötzliches Ende, nachhaltige Wirkung

Die Sotira-Kultur endet abrupt um 3900 bis 3800 v. Chr. Das Erdbeben, das Sotira-Teppes zerstörte, war möglicherweise Teil eines größeren seismischen Ereignisses, das zur Aufgabe vieler Siedlungen im Süden Zyperns führte. Mit dieser Zäsur beginnt die Kupfersteinzeit. In unmittelbarer Nähe setzte sich die Besiedlung am frühbronzezeitlichen Sotira-Kaminoudhia fort, nur wenige hundert Meter entfernt.

Die Ausgrabungen von Sotira-Teppes vor über siebzig Jahren haben ein grundlegendes Kapitel der zyprischen Vorgeschichte erschlossen. Dikaios’ sorgfältige Dokumentation bleibt bis heute eine tragende Quelle, die neue Analysen zu Bauabfolgen und sozialer Organisation ermöglicht. Als Typlokalität der keramikführenden Jungsteinzeit vermittelte Sotira-Teppes erstmals ein klares Bild dieser Umbruchszeit, in der die Inselgemeinschaften die Töpferei übernahmen.

Die Siedlung war Heimat einer weitgehend autarken Gemeinschaft von Bauern und Hirten, die eine egalitäre Sozialstruktur pflegte, am gemeinsamen Inselkulturraum teilhatte und dennoch eine eigene regionale Prägung zeigte. Die gut dokumentierten Reste liefern weiterhin zentrale Erkenntnisse zur Entwicklung der prähistorischen Gesellschaft Zyperns.

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