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Pyla-Kokkinokremos zählt zu den eindrucksvollsten archäologischen Stätten Zyperns. Die befestigte Siedlung bietet einen selten klaren Einblick in die letzten Jahrzehnte der Bronzezeit. Sie war nur etwa 50 Jahre um 1200 v. Chr. bewohnt und bewahrt Spuren einer multikulturellen Gemeinschaft, die kurz aufblühte und dann aus der Geschichte verschwand.

Die Stätte liegt auf einem felsigen Plateau in 50 bis 63 Metern Höhe, rund 10 Kilometer östlich des antiken Kition (heutiges Larnaka) an der Südostküste Zyperns. Das Plateau umfasst etwa sieben Hektar und befindet sich rund 800 Meter von der heutigen Küstenlinie entfernt. Der von Natur aus gut zu verteidigende Standort blickte über die Bucht von Larnaka und verband wichtige bronzezeitliche Zentren wie Kition und Enkomi.

Die Siedlung entstand in der Phase Spätzyprisch IIC–IIIA, also am Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr., als der Zusammenbruch der Spätbronzezeit seinen Höhepunkt erreichte. Bereits ein bis zwei Generationen später, zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr., wurde der Ort aufgegeben. Diese kurze Nutzungszeit macht Pyla-Kokkinokremos für die Archäologie so wertvoll: Sie hält einen präzisen historischen Moment fest, ohne spätere Überbauungen, die das Bild verfälschen könnten.

Archäologische Entdeckung und Ausgrabungen

1952 untersuchte Porphyrios Dikaios die Stätte erstmals. Vassos Karageorghis grub 1981–1982 und kehrte 2010 bis 2013 gemeinsam mit Athanasia Kanta zurück. Seit 2014 führt ein internationales Team der Universität Gent, der Katholischen Universität Leuven und der Mediterranean Archaeological Society unter Leitung von Joachim Bretschneider, Jan Driessen und Athanasia Kanta systematische Ausgrabungen durch.

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Jüngste Kampagnen, darunter die Grabungen 2025, legten miteinander verbundene Räume, verputzte Böden, Lagereinrichtungen und Hinweise auf unterschiedliche wirtschaftliche Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen des Plateaus frei.

Geplante Siedlungsarchitektur

Die Siedlung war von Anfang an sorgfältig geplant. Charakteristisch ist ein Kasemattenmauer-System: zwei parallele Mauern, durch Querwände in Kammern unterteilt. Diese Mauern waren nicht außergewöhnlich massiv, erfüllten jedoch mehr als nur eine Verteidigungsfunktion. Sie boten zusätzlichen Lager- und Wohnraum und festigten zugleich den Siedlungsrand.

Einige Räume besaßen glatt verputzte, zementartige Böden, wie sie auch an anderen spätbronzezeitlichen Stätten vorkommen. 2012 wurde das erste Tor der Anlage identifiziert. Bemerkenswert ist das Fehlen einer natürlichen Wasserquelle, was die Speicherung lebenswichtig machte. Zahlreiche Pithoi (große Vorratsgefäße) und tiefe Gruben zeigen, wie ernsthaft die Bewohner dieses Problem angingen.

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Ein mediterraner Kulturknotenpunkt

Außergewöhnlich an Pyla-Kokkinokremos ist die erstaunliche Vielfalt an kulturellen Funden. Bei den Ausgrabungen kamen Keramik und Objekte aus weiten Teilen des Mittelmeerraums zutage. Aus dem mykenischen Griechenland stammen amphoroide Kratere mit Wagen- und Vogelmotiven. Aus dem minoischen Kreta fanden sich feine Gefäße, darunter ein bemerkenswerter Krater mit einem im Netz gefangenen Stier. Kanaanäische Krüge aus der Levante treten häufig auf.

Darüber hinaus wurden sardische Kochgefäße, teils mit Bleistreifen repariert, ägyptische Alabastergefäße und Stücke aus dem hethitischen Anatolien zusammen mit lokaler zyprischer Keramik entdeckt. Diese Bandbreite ist unter zeitgleichen zyprischen Siedlungen beispiellos und macht jeden Haushalt zu einem kleinen Spiegel mediterraner Verflechtungen.

2012 kamen in der Nähe des Tores in Sektor 4 zwei Tontafeln mit der noch unentzifferten zypro-minoischen Schrift zum Vorschein, die auf Zypern in der Spätbronzezeit verwendet wurde. Weitere Scherben mit zypro-minoischen Zeichen wurden über das gesamte Areal verteilt gefunden und liefern Anhaltspunkte zu Verwaltung, Handel oder Ritualen.

Alltag in der Siedlung

Die Funde zeichnen das Bild einer vielseitig tätigen Gemeinschaft. In Tor-Nähe wurden Metallverarbeitungsanlagen identifiziert. Steinwerkzeuge, Mahlsteine und Steingefäße belegen die Lebensmittelverarbeitung. Für die Textilherstellung sprechen rund 100 ungebrannte Webgewichte aus Raum 8, noch als rohe Tonstreifen vorhanden und beim Verlassen offenbar formbar.

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Große Pithoi und Vorratsgefäße in vielen Räumen unterstreichen die Bedeutung langfristiger Lagerung. Kochstellen mit Herden und speziellen Gefäßen markieren Zonen der Speisenzubereitung. Neben Gebrauchskeramik fanden sich auch importierte Feinkeramik, was sowohl alltägliche Pragmatik als auch das Zeigen von Status oder Wohlstand nahelegt.

Plötzliche Aufgabe der Siedlung

Die Aufgabe des Ortes gehört zu seinen faszinierendsten Aspekten. Alles deutet auf einen abrupten, zugleich organisierten Aufbruch hin. Viele Räume blieben mit vollständigem Inventar zurück, darunter wertvolle Gegenstände. Versteckte Hortfunde mit Edelmetallen, bronzene Astarte-Figürchen, mit Schmuck gefüllte Alabasterfläschchen und verputzte Kugeln mit gefalteten Goldobjekten wurden entdeckt.

Da diese Kostbarkeiten nicht geborgen wurden, vermuten Archäologen, dass die Bewohner an einer Rückkehr gehindert wurden – durch Tod, Vertreibung oder Versklavung. Manche Bereiche zeigen Spuren seismischer Aktivität. In Sektor 4 deuten bis zu drei Meter mächtige Ablagerungen über Räumen auf ein mögliches Erdbeben hin. Die noch weichen Webgewichte sprechen dafür, dass die Bewohner fluchtartig aufbrachen und Habseligkeiten zurückließen.

Das jüngste datierbare Importstück, eine frühe späthelladische IIIC-Tiefschale aus der Argolis, setzt den Zeitpunkt der Aufgabe um 1190 v. Chr. oder kurz danach an.

Eine archäologische Zeitkapsel

Da der Ort nie wieder besiedelt wurde, wirkt Pyla-Kokkinokremos wie eine echte Zeitkapsel. Anders als an Stätten mit jahrhundertelanger Nutzung, wo spätere Bautätigkeit frühere Schichten überprägt, bleibt hier ein einzelner historischer Moment in außergewöhnlicher Klarheit erhalten.

Die kulturelle Vielfalt bis auf Haushaltsebene zeigt echte Integration statt reinen Warenaustauschs. Die Bewohner übernahmen neue Praktiken und verbanden Traditionen miteinander. Das bietet einen seltenen Einblick in Migration, Austausch und kulturellen Wandel in einer Schlüsselphase der Mittelmeergeschichte.

Laufende und künftige Forschungen

Die Grabungssaison 2025 konzentrierte sich auf die Sektoren 5 und 7 am östlichen Ausläufer des Plateaus. In Sektor 5 kamen dicht bebaute, miteinander verbundene Räume mit variierenden Bodentypen und Keramikensembles zutage. Sektor 7 zeigte eine offenere Struktur, möglicherweise genutzt für Lagerung, Viehhaltung oder Tätigkeiten im Freien.

Künftige Ausgrabungen sollen die innere Organisation der Siedlung, ihre Beziehungen zu benachbarten Stätten an der Bucht von Larnaka und die Auswirkungen ökologischer Belastungen auf die Subsistenzstrategien am Ende der Bronzezeit klären. Jede Saison erweitert unser Verständnis dieser kurzlebigen, aber außergewöhnlich bedeutenden Gemeinschaft.

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