Der Naturpfad Atalanti umrundet den Berg Olympos in einer Höhe, in der dichte Schwarz-Kiefern wachsen und der Blick über ganz Zypern schweift. Der 14 Kilometer lange Rundweg ist die längere Alternative zum beliebten Artemis-Trail: gleiche Bergkulisse, aber deutlich weniger Menschen. Unterwegs verbinden sich Naturkunde und echtes Wildnisgefühl – mit einer stillgelegten Chromitmine und einer rund 800 Jahre alten Wacholder-Eibe.

Der Pfad verläuft auf 1.700 bis 1.750 Metern Höhe im Nationalforstpark Troodos. Start und Ziel ist der Troodos-Platz, der zentrale Treffpunkt im Troodos-Gebirge. Trotz seiner 14 Kilometer bleibt der Weg über weite Strecken erstaunlich eben, erst im letzten Viertel gibt es spürbare Höhenwechsel.
Offiziell ist der Atalanti ein Geo-Trail, also mit geologischen Hinweisen neben naturkundlichen Infos. Je nach Tempo und Pausen zum Schauen und Lesen benötigt man 3 bis 5 Stunden.
Historischer Hintergrund
Der Name geht auf Atalanta zurück, eine der wenigen Heldinnen der griechischen Mythologie. Der Legende nach setzte ihr Vater sie als Säugling aus, weil er sich einen Sohn gewünscht hatte. Eine Bärin nahm sich ihrer an, bis Jäger sie fanden und großzogen.
Atalanta wurde zu einer meisterhaften Jägerin und treuen Gefährtin der Göttin Artemis. Berühmt wurde sie bei der Jagd auf den kalydonischen Eber, als sie dem Ungeheuer als Erste Blut abnahm. Der Pfadname knüpft an diese Verbindung von Wildnis, Jagd und Artemis an – ihre namensgleiche Route verläuft weiter oben am selben Berg.
Direkt am Weg liegt die Chromitmine Hadjipavlou, deren Stolleneingang man vom Pfad aus sehen kann.
Die kleine Grube war von 1950 bis 1954 in Betrieb und die kleinste von drei Chromitminen rund um den Olympos. Unter Tage wurde hochwertiges Chromiterz abgebaut. In der kurzen Laufzeit förderte die Mine etwa 1.500 Tonnen Erz. Der Eingang ist noch sichtbar, der Stollen ist jedoch teilweise eingestürzt und das Betreten gefährlich.
Der Chromitabbau auf Zypern begann 1922 mit kleinen Aufschlüssen an der Oberfläche. Die drei Minen am Olympos förderten zusammen rund 1.200.000 Tonnen Erz, aus denen nach Aufbereitung über 605.000 Tonnen Chromitkonzentrat gewonnen wurden. 1982 endete der Abbau wegen fallender Preise und Konkurrenz durch günstigere Lagerstätten in Südafrika. Die besondere Geologie des Troodos hat diese Vorkommen entstehen lassen, als Meereskruste vor Millionen Jahren aufgeschoben wurde.
Der Pfad trifft die Artemis-Route an zwei Stellen, sodass man beide Wege kombinieren oder wechseln kann. Wer sehr ambitioniert ist, schafft beide an einem Tag – dann sind es allerdings über 20 Kilometer.
Für den Atalanti braucht man etwa doppelt so lange wie für den Artemis, bekommt dafür aber mehr Ruhe und Wildnis, weil hier weniger los ist.
Was diesen Weg besonders macht
Prägend ist der dichte Schwarz-Kiefernwald in großer Höhe. Die Bäume, Pinus nigra ssp. pallasiana, spenden auf weiten Strecken Schatten. An offenen Stellen reicht der Blick weit über die Insel. An klaren Tagen sieht man sowohl die Nord- als auch die Südküste und weite Teile dazwischen.

Neben den Kiefern wachsen Troodos-Wacholder (Juniperus foetidissima), lokal auch unsichtbare Bäume genannt. Ein Exemplar entlang des Weges ist rund 800 Jahre alt und zählt zu den größten der Insel. Dieser Baum stand schon Jahrhunderte hier, als die Venezianer Zypern beherrschten.
Die Markierung ist durchgehend klar, mit Schildern in Kilometerabständen. Der Untergrund wechselt zwischen weichem Waldboden mit Kiefernnadeln und steinigeren Passagen. Die Pflege ist auffallend gut – viele Wandernde halten ihn für einen der bestbeschilderten Wege Zyperns.
An Aussichtspunkten gibt es Bänke zum Ausruhen. Nach etwa 3 Kilometern spendet eine Quelle frisches Trinkwasser, das immer wieder gelobt wird.
Lernstationen am Weg
Die Forstverwaltung hat entlang der Strecke kleine Tafeln zu Pflanzen und Geologie angebracht. Sie nennen wissenschaftliche Namen und kurze Beschreibungen – ideal für alle, die das Ökosystem besser verstehen möchten.

Beschildert sind unter anderem Troodos-Salbei, Katzenminze, Gamander, Alyssum und verschiedene Wacholderarten. In manchen Abschnitten wächst auch die endemische Zypern-Helmkraut, die weltweit nur hier vorkommt.
Besonders spannend ist die Geologie, weil das Troodos-Gebirge auf ungewöhnliche Weise entstanden ist. Der Pfad führt durch Gesteine, die normalerweise mehrere Kilometer unter dem Meeresboden liegen würden – etwa Harzburgit, Dunzit und chromitführende Gesteine. Das freigelegte Ophiolith zeigt ozeanische Kruste und obersten Erdmantel, die sich bei der Bildung des Mittelmeerraums herausgehoben haben. Der Troodos-Ophiolith gilt als eines der vollständigsten Beispiele weltweit.
Im Wald leben zahlreiche Vogelarten, häufig sieht man Tannenmeisen. Die geschützte Umgebung beherbergt auch kleine Säugetiere, die sich jedoch meist vom Pfad fernhalten, sobald Menschen unterwegs sind. Höhe, Walddeckung und der NATURA-2000-Status helfen, stabile Bestände zu erhalten – trotz der Beliebtheit der Route.
Bergtour ohne Menschenmassen
Der Atalanti richtet sich an alle, die eine längere, aber nicht extrem anstrengende Bergwanderung suchen. Durch die 14 Kilometer bleiben Gelegenheitsbesucher eher weg, sodass es selbst in der Hochsaison vergleichsweise ruhig ist.

Viele berichten, auf der gesamten Runde nur wenigen Menschen zu begegnen. Das sorgt für eine andere Stimmung als am belebteren Artemis-Trail, wo Gruppen häufiger anzutreffen sind.
Die Route zeigt, wie Zugang und Schutz vereinbar sind. Wegen der Brandgefahr gilt auf dem gesamten Weg Rauchverbot. Man bleibt auf den markierten Pfaden, um seltene Pflanzen zu schonen. Da es keine Mülleimer gibt, nimmt jede und jeder den Abfall wieder mit.
Diese Regeln setzen auf Eigenverantwortung statt auf viel Infrastruktur.
Für die Menschen auf Zypern sind die Troodos-Wege eine willkommene Flucht vor Hitze und Küstenbebauung. Der Temperaturunterschied zwischen Küste und dieser Höhe kann bis zu 15 Grad betragen – ideal vor allem von Juni bis September.
Gleichzeitig vermitteln die Pfade Wissen über die besondere Geologie und Ökologie des Troodos-Gebirges – für Gäste wie für Einheimische.
Anreise und was einen erwartet
Der Einstieg liegt am Troodos-Platz, direkt hinter dem alten Postamt an der Nordwestseite. Ein hölzernes Unterstandsdach markiert den Startpunkt.

Am Platz gibt es kostenlose Parkplätze sowie einige Läden, Restaurants und öffentliche Toiletten. Am Infostand erhält man Karten und aktuelle Hinweise zum Wegzustand.
Ab Limassol fährt man rund eine Stunde, ab Nikosia etwa 90 Minuten auf gut ausgebauten Bergstraßen.
Linienbusse verbinden beide Städte mit Troodos. Der Bus 64 aus Limassol kommt gegen 11:00 Uhr an und fährt um 16:00 Uhr zurück – knapp genug Zeit, wenn man zügig geht. Die meisten nehmen daher lieber das Auto, um nicht unter Zeitdruck zu geraten.
Der Weg ist ganzjährig zugänglich. Von Januar bis März kann Schnee liegen, was die Tour deutlich verändert; bei Nässe oder Eis werden einige Abschnitte rutschig.
Nach etwa 9 Kilometern quert man die Straße Prodromos–Troodos. Die Beschilderung führt dann etwa 200 Meter auf der Forststraße in Richtung Kirche Agios Nikolaos tis Stegis, bevor die Markierungen wieder in den Pfad leiten. Diese Querung ist die einzige Stelle, die etwas Verwirrung stiften kann.
Die letzten 4 Kilometer nach der Querung sind etwas profilreicher als der Anfang.
Der Naturpfad Atalanti bietet vieles, was Wandernde schätzen: echte Ruhe, eine solide Distanz ohne große technische Schwierigkeiten und eine Landschaft, die eher wild als durchgestaltet wirkt.
Die Mischung aus uralten Bäumen, geologischen Besonderheiten, Relikten des Bergbaus und weiten Ausblicken macht die Tour zu mehr als bloßer Bewegung. Sie zeigt, dass Zypern weit mehr ist als Strände und Ausgrabungen – hier wandert man in großer Höhe über Gestein, das einst Meeresboden war und heute fast 2.000 Meter über dem Meer liegt.
Wer vier bis fünf Stunden Zeit mitbringt, wird mit einer Kiefernwald-Runde und geologischen Einblicken belohnt, die den Blick auf die Insel spürbar erweitert.