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An warmen Nachmittagen in einem zyprischen Dorf gibt es kaum etwas Einladenderes als die breiten, tief gelappten Blätter eines alten Feigenbaums, der mit seinem kühlen Schatten einen steinernen Innenhof bedeckt. Die schweren, birnenförmigen Früchte hängen knapp außer Reichweite und versprechen süße Aromen, sobald sie sich tief violett oder goldbraun färben. Es ist Ficus carica, die Echte Feige – ein Baum, der seit mehr als zehntausend Jahren zum Alltag der Insel und zu ihren alten Geschichten gehört.

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Ein edler Vertreter der Maulbeergewächse

Botanisch heißt die Echte Feige Ficus carica. Sie gehört zur Gattung Ficus innerhalb der Familie der Moraceae, also der Maulbeergewächse, und damit zur Ordnung der Rosenartigen als Teil der großen Rosiden-Gruppe der Blütenpflanzen. Auf Zypern begegnet man ihr sowohl als geschätztem Kulturbaum in Gärten und Obsthainen als auch verwildert oder heimisch an felsigen Standorten und auf brachliegenden Flächen.

Von Eden bis zu den Hängen Zyperns

Die Feige gehört zu den ersten Pflanzen, die vom Menschen kultiviert wurden. Funde aus dem Jordantal sind rund 11.400 Jahre alt. Auf Zypern prägt der Baum die Landschaft mindestens seit der Jungsteinzeit und wird in der Datenbank Flora of Cyprus als einheimisch geführt. Auch in der Bibel nimmt er einen besonderen Platz ein: Nachdem Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen hatten, „hefteten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze“ (Genesis 3,7). Weil sie direkt danach ausgerechnet nach den Blättern des Feigenbaums griffen, sehen viele jüdische und christliche Traditionen – darunter auch die Auffassung von Rabbi Nehemja im Talmud – im Feigenbaum den wahrscheinlichsten Kandidaten für den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Garten Eden. So verbindet sich die bescheidene zyprische Feige auf stille Weise mit einer der ältesten Geschichten der Menschheit.

Besondere Merkmale, die ihn einzigartig machen

Die Feige ist ein sommergrüner Baum oder großer Strauch, der 7 bis 10 Meter hoch werden kann. Sie hat eine glatte, blassgraue Rinde und eine weit ausladende Krone. Ihre großen, handförmig gelappten Blätter sind 12 bis 25 cm lang, fühlen sich rau an und sondern beim Brechen einen milchigen Saft ab. Die „Frucht“ ist in Wirklichkeit ein Syconium – ein nach innen gestülpter Blütenstand, der sich in einem fleischigen Blütenboden entwickelt. Bestäubt werden die winzigen Blüten von einer spezialisierten Feigenwespe, und die daraus entstehenden Feigen reifen vom Frühsommer bis in den Herbst in mehreren Schüben.

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Fünf wissenswerte Besonderheiten

• Auf zyprischem Griechisch heißt sie Συκιά (Sykia) oder Συκή (Syki), was schlicht „Feigenbaum“ bedeutet – ein Name, der sich seit der Antike kaum verändert hat.
• In Zyperns mildem Klima kann ein ausgewachsener Baum drei Ernten pro Jahr tragen: frühe Breba-Feigen, die Hauptsommerernte und späte Herbstfeigen.
• Der milchige Pflanzensaft enthält Ficin, ein Enzym, das traditionell verwendet wurde, um Milch für Käse gerinnen zu lassen und Fleisch zarter zu machen.
• In der Roten Liste der IUCN wird die Feige als „nicht gefährdet“ geführt und ist auf ganz Zypern sowie im gesamten Mittelmeerraum weiterhin häufig und gut gesichert.
• Im antiken Zypern und Griechenland galt der Baum als heilig und stand für Fruchtbarkeit und Wohlstand – „jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum“ wurde in der Bibel zu einem schönen Bild für Frieden.

Mehr als man auf den ersten Blick sieht

Als Mitglied der Moraceae teilt die Feige ihre besondere Syconium-Fruchtstruktur mit Hunderten anderen Ficus-Arten auf der ganzen Welt. Auf Zypern kommt sie auch mit armen, steinigen Böden gut zurecht, spendet hervorragenden Schatten und verbessert mit ihrem Laub den Boden. Die Früchte sind reich an Ballaststoffen, Kalium, Kalzium und Antioxidantien – ein echtes Superfood der mediterranen Ernährung.

Bis heute ein süßer Teil des zyprischen Lebens

Im heutigen Zypern wird die Feige in frischen Sommersalaten, als getrockneter Wintersnack, in hausgemachter Marmelade und in traditionellen Süßspeisen wie Sykopita geschätzt. Dorfgärten und kleine Obsthaine erhalten alte Sorten am Leben, und weil der Baum Trockenheit gut verträgt, eignet er sich ideal für nachhaltige Gärten in einem sich wandelnden Klima. Er bleibt damit eine lebendige Verbindung zwischen den alten Eden-Erzählungen und den Familientischen von heute.

Wo man die Feige finden und erleben kann

Prächtige alte Feigenbäume findet man auf Zypern auf Dorfplätzen in den Ausläufern des Troodos-Gebirges, besonders rund um Platres, Kakopetria und Pedoulas, außerdem auf der Akamas-Halbinsel und an Landstraßen bei Paphos und Limassol. Am schönsten ist ein Besuch von Ende Juli bis September, wenn die Früchte ihre volle Süße erreicht haben – viele Familien geben gern ein paar ab, wenn man freundlich fragt. Auch im Oleastro Olive Park bei Anogyra wachsen schöne Feigenbäume zwischen den uralten Oliven. Wer an einem heißen Tag unter den breiten Blättern entlanggeht und eine warme, sonnengereifte Feige direkt vom Ast pflückt, spürt sofort die stille Nähe zu Geschichten, die älter sind als jede schriftliche Überlieferung.

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Am Ende ist die Echte Feige auf Zypern weit mehr als nur ein Obstbaum. Sie ist eine lebendige Brücke zwischen dem wahrscheinlichen Garten Eden und unserem heutigen mediterranen Zuhause – großzügig, widerstandsfähig und still auf ihre Weise heilig. Wenn Sie also das nächste Mal in ihrem kühlen Schatten sitzen oder in eine perfekt reife Feige beißen, denken Sie daran: Sie kosten damit ein Stück biblischer Wahrscheinlichkeit und zyprischen Erbes – direkt hier auf unserer schönen Inselheimat.

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