Das nächtliche Wildleben Zyperns (Igel)

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In einer warmen Frühlingsnacht in einem zyprischen Dorf huscht eine kleine Gestalt durch die Schatten eines Zitronenhains – scharrend, schnüffelnd, immer wieder kurz innehaltend, um zu lauschen. Zwei riesige Ohren drehen sich wie kleine Satellitenschüsseln. Das ist der zyprische Langohrigel, Hemiechinus auritus dorotheae – einer der liebenswertesten und zugleich am wenigsten bekannten Bewohner der Insel.

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Die meisten Menschen, die ihm begegnen, nennen ihn einfach skantzohoiros – das griechische Wort für Igel – und lächeln. Doch hinter diesem sympathischen Watscheln steckt eine erstaunliche Geschichte von alten Meeren, menschlichen Wanderungen, Inselbiologie und bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit. Und wer genauer hinschaut, bemerkt schnell etwas ganz Besonderes an diesem Igel: Seine Ohren sind verblüffend groß, fast schon komisch groß.

Was ist ein Igel eigentlich?

Igel gehören zur Familie der Erinaceidae, einer der ältesten heute noch existierenden Säugetierfamilien der Erde. Sie zählen zur Ordnung der Eulipotyphla – ein Name, der so viel wie “wirklich blind und taub” bedeutet, auch wenn diese Tiere in Wahrheit sehr gut funktionierende Sinne haben. Zu dieser Gruppe gehören auch Maulwürfe und Spitzmäuse. Ihre Verwandten lassen sich über mehr als 50 Millionen Jahre zurückverfolgen, was sie zu einer sehr alten Linie der Plazentatiere macht.

Igel sind von Natur aus Insektenfresser – Tiere also, deren Hauptnahrung schon immer aus Wirbellosen bestand. Auf dem Rücken tragen sie ein Kleid aus harten Stacheln, die eigentlich umgebildete Haare aus Keratin sind, während der Bauch weich und pelzig bleibt. Bei Gefahr rollen sie sich zu einer engen Kugel zusammen, sodass nach außen nichts als ein Ball aus spitzen Stacheln sichtbar ist. Das ist eine der klügsten Verteidigungsstrategien der Natur – und sie funktioniert seit Millionen von Jahren.

Weltweit gibt es siebzehn Igelarten, verbreitet von Europa über Afrika und den Nahen Osten bis nach Zentralasien. Auf Zypern lebt nur eine einzige Art: der Langohrigel. Hier kommt er in einer eigenen, nur auf der Insel vorkommenden Unterart vor, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt.

Von Menschen in alter Zeit mitgebracht

Erstaunlich ist: Aus dem Pleistozän und aus vorgeschichtlicher Zeit gibt es auf Zypern keinerlei Fossilien von Igeln. Anders als das Zwergflusspferd und der kleine Elefant, die vor Jahrtausenden auf der Insel lebten und später ausstarben, hat der Igel keine alten Knochenfunde hinterlassen. Er war damals schlicht noch nicht da.

Forscher gehen davon aus, dass der zyprische Langohrigel höchstwahrscheinlich von frühen Menschen auf die Insel gebracht wurde, vermutlich von der levantinischen Küste – also aus dem Gebiet des heutigen Libanon, Syriens oder Israels – irgendwann in historischer Zeit. Das war damals nichts Ungewöhnliches: Frühere Seefahrer und Siedler transportierten regelmäßig Tiere, sei es absichtlich als Nahrungsquelle oder Begleiter, oder unabsichtlich als blinde Passagiere.

Diese Geschichte ähnelt stark der des zyprischen Weißzahnspitzmaus-Unterart (Crocidura suaveolens cypria), eines weiteren kleinen Säugetiers, das vermutlich durch neolithische oder bronzezeitliche Siedler auf demselben Weg auf die Insel kam. Seit Tausenden von Jahren lebt der Igel nun an der Seite der Zyprer, streift durch Obstgärten und an Dorfmauern entlang – lange bevor es Straßen gab, die er überqueren musste, oder Pestizide, die ihm Probleme machten.

Porträt eines stacheligen Inselbewohners

Der zyprische Langohrigel ist ein kleines, rundliches Tier und erreicht meist eine Körperlänge von etwa 15 bis 17 Zentimetern – ungefähr so groß wie ein großer Apfel. Was aber sofort ins Auge fällt, sind seine Ohren. Mit mehr als 3,5 Zentimetern Länge und kerzengerade auf beiden Seiten des Kopfes aufgerichtet verleihen sie ihm einen ständig wachen, leicht überraschten Ausdruck. Diese auffälligen Ohren sind nicht bloß Schmuck. In warmem Klima helfen sie dabei, überschüssige Wärme abzugeben, und funktionieren wie ein biologisches Kühlsystem. Gleichzeitig sammeln sie Geräusche äußerst präzise und helfen dem Igel, Beutetiere unter Laub und lockerer Erde aufzuspüren.

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Die Stacheln auf dem Rücken eines zyprischen Igels zeigen abwechselnde braune und weiße Bänder. Dieses Muster bricht seine Kontur optisch auf und hilft ihm, im gefleckten Licht der Umgebung zu verschwinden. Der Bauch ist mit weichem weißem Fell bedeckt, das Gesicht ist hell. Besonders interessant an der zyprischen Unterart ist jedoch ein Merkmal, das in dieser Population recht häufig vorkommt: weiße oder unpigmentierte Ohrspitzen. Bei vielen Tieren verblassen die äußersten Spitzen der Ohren zu hellem Creme oder Weiß – ein feines, aber auffälliges Kennzeichen, das bei Verwandten auf dem Festland nur selten zu sehen ist.

Im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten in Ägypten, Israel und Syrien, der Unterart H. a. aegyptius, besitzt der zyprische Igel einen überraschend großen Schädel sowie breitere und kräftigere Backenzähne. Tatsächlich liegen seine Schädelmaße näher bei Igeln aus Kasachstan, also Tausende Kilometer entfernt, als bei denen von der nahen Levanteküste. Das ist eines dieser stillen Rätsel der Natur und erinnert daran, dass die Evolution auf Inseln nicht immer den offensichtlichsten Weg nimmt.

Wissenswertes für das Gespräch beim Kaffee

• Er frisst Skorpione Ein zyprischer Igel greift sogar einen lebenden Skorpion an. Er beißt ihm in den Kopf, um ihn außer Gefecht zu setzen, und frisst dann den Körper. Das Gift, das für viele andere Tiere gefährlich wäre, scheint ihn kaum zu beeindrucken.

• Die größten Ohren der Familie Seine Ohren sind im Verhältnis zum Körper größer als die aller europäischen Igelarten. Beim Langohrigel sind die Ohren länger als die Hälfte seines Kopfes.

• Ein echter Langstreckenläufer In einer Nacht kann ein Igel auf Nahrungssuche bis zu 9 Kilometer zurücklegen – ungefähr so, als würde ein Mensch ganz locker von einem Ende Nikosias zum anderen joggen.

• Inselzähne Durch Generationen der Isolation auf einer kleinen Insel mit begrenztem Genpool zeigen zyprische Igel ungewöhnlich viele Zahnvarianten. Fehlende Zähne, zusammengewachsene Wurzeln und ungewöhnliche Zahnstellungen kommen hier häufiger vor als in jeder Festlandpopulation.

• Für manche ein Weinberg-Schädling Manche zyprische Bauern sahen den Igel historisch als unerwünschten Gast, weil er gern tief hängende Trauben frisst. Ein kleiner Preis vielleicht für all die Insekten und anderen Schädlinge, die er dafür beseitigt.

• Menschen haben ihn gegessen Historischen Berichten zufolge rösteten Dorfbewohner auf Zypern früher Igel, die in Lehm eingehüllt waren – eine Tradition, die auch bei Roma-Gemeinschaften in Europa und im Nahen Osten bekannt war. Wenn der Lehm aufgebrochen wurde, zogen sich die Stacheln gleich mit heraus.

• Zwei Arten von Ruhephasen Der zyprische Igel hält sowohl eine Winterruhe in Küstennähe, wenn die Temperaturen sinken, als auch eine Sommerstarre während extremer Hitze oder bei Nahrungsmangel. Er hat also gewissermaßen zwei verschiedene Ruhezeiten im Jahr.

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Ein Leben im Schatten

Der zyprische Igel ist strikt nachtaktiv und kommt in der Dämmerung aus seinem Versteck, um langsam und gründlich nach Nahrung zu suchen. Dabei verlässt er sich auf sein feines Gehör und seinen ausgeprägten Geruchssinn, bewegt den Kopf immer wieder hin und her und bleibt oft kurz stehen, um zu lauschen. Sein Speiseplan ist vielseitig und opportunistisch: Den größten Teil machen Insekten aus, vor allem Käfer und Raupen, doch er frisst auch Regenwürmer, Eidechsen, Vogeleier, kleine Mäuse und in der Nähe menschlicher Siedlungen sogar Obst und Küchenreste.

Tagsüber ruht er in einem flachen Bau, oft unter einem Strauch oder in einer Trockensteinmauer – also genau in Lebensräumen, die seit Jahrtausenden zur zyprischen Landschaft gehören. Auf Zypern kommt er in der gesamten mediterranen Klimazone der Insel vor, von Küstengärten und Zitrushainen bis in Höhenlagen von etwa 900 Metern – ungefähr dort, wo Olivenbäume nicht mehr wachsen. Weiter oben, in den Pinien- und Zedernwäldern, ist er selten oder gar nicht anzutreffen.

Junge Igel werden im Juni geboren, meist in Würfen von zwei bis vier Jungtieren. Bei der Geburt sind sie winzig und blind, und ihre Stacheln liegen zum Schutz der Mutter noch unter einer Hautmembran verborgen. In der dritten Lebenswoche öffnen sich die Augen. Nach etwa sechs Wochen sind sie selbstständig und ziehen allein in die zyprische Sommernacht hinaus.

Im Ökosystem landwirtschaftlicher Flächen spielt der Igel eine überraschend wichtige Rolle. Weil er Termiten, Käfer und andere wirbellose Tiere frisst, die Nutzpflanzen schädigen, wirkt er als natürlicher Schädlingsbekämpfer. In diesem Sinn hilft er den zyprischen Bauern schon seit Jahrhunderten – meist ohne große Beachtung zu finden.

Die Straße ist seine größte Gefahr

Heute ist der zyprische Langohrigel mit Problemen konfrontiert, die seine frühen Vorfahren nie kannten. Besonders sichtbar ist der Straßenverkehr: Wenn Gefahr droht, rollt sich der Igel instinktiv zusammen und bleibt reglos liegen. Gegen Füchse und Greifvögel ist das eine wirksame Strategie, gegen ein Auto mit 80 Stundenkilometern jedoch eine Katastrophe. Jedes Jahr sterben Tausende auf den Straßen Zyperns. Besonders riskant sind April und Mai, wenn die Tiere nach der Winterruhe wieder besonders aktiv sind.

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Auch die Intensivierung der Landwirtschaft ist ein stilleres, aber ebenso ernstes Problem. Der weit verbreitete Einsatz von Pestiziden vernichtet die Insekten und anderen Wirbellosen, von denen der Igel lebt. Gleichzeitig verschwinden traditionelle Mischlandschaften mit Steinmauern, Hecken und wilden Randstreifen immer mehr und werden durch Monokulturen und versiegelte Flächen ersetzt. Damit gehen Schutz und Nahrungshabitate verloren, auf die das Tier seit Jahrtausenden angewiesen ist.

Der Klimawandel verstärkt den Druck zusätzlich. Heißere und trockenere Sommer beeinflussen das Insektenangebot, und verschobene Jahreszeiten bringen Ruhephasen und Fortpflanzung durcheinander. Ein Tier, dessen Lebensrhythmus an den Ablauf des mediterranen Jahres angepasst ist, erlebt nun, dass genau dieser Rhythmus immer unzuverlässiger wird.

Trotzdem gibt es vorsichtigen Anlass zur Hoffnung. Der Igel ist anpassungsfähig und auf ganz Zypern weit verbreitet. In Dorfgärten, Obsthainen und an den Rändern der Städte kommt er weiterhin gut zurecht und wird meist mit Sympathie betrachtet. Naturschutzorganisationen und Citizen-Science-Plattformen – besonders iNaturalist – erfassen seine Bestände aktiv und schaffen ein klareres Bild davon, wo Igel vorkommen, wie sich ihre Zahlen entwickeln und welche Lebensräume am dringendsten geschützt werden müssen.

Wenn man ihm direkt begegnet

• Beste Zeit: Von Ende März bis Oktober, kurz nach Sonnenuntergang. Die beste Phase ist von April bis Juni. Im Winter ist der Igel an der Küste weitgehend inaktiv und in den Hügellandschaften praktisch nicht zu sehen.

• Beste Lebensräume: Traditionelle Dorfgärten, Zitrus- und Johannisbrotgärten, Weinbergsränder, Phrygana-Buschland und Terrassen mit Trockensteinmauern – kurz gesagt überall dort, wo noch etwas von der traditionellen zyprischen Agrarlandschaft erhalten ist.

• Was Sie erleben werden: Langsam nach Einbruch der Dunkelheit mit einer schwachen Taschenlampe gehen und auf das typische Rascheln und Scharren im Laub achten. Wenn Sie einen finden, bleiben Sie ruhig stehen. Nach einer Minute rollt er sich wieder auseinander und setzt seine Nahrungssuche fort, scheinbar völlig unbeeindruckt von Ihrer Anwesenheit – solange Sie still bleiben.

• Citizen Science: Wenn Sie einen Igel sehen, melden Sie die Beobachtung bitte bei iNaturalist (inaturalist.org). Jede Sichtung hilft dabei, besser zu verstehen, wie es dieser endemischen Unterart geht. Ein Foto und die GPS-Position genügen bereits.

• Wenn Sie einen verletzten Igel finden: Wenden Sie sich an den Game and Fauna Service of Cyprus oder an lokale Wildtierhilfsorganisationen. Ein Igel, der tagsüber auf einer Straße gefunden wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in Not und braucht Hilfe.

Warum dieses kleine Tier wichtig ist

Man könnte den Igel leicht übersehen – klein, nachtaktiv, im Schatten verborgen und in den großen Erzählungen über Zyperns Tierwelt kaum präsent. Das Mufflon hat seine Wälder und seine Mythen. Die Meeresschildkröte hat ihre Strände und internationale Schutzkampagnen. Doch der Igel ist schon seit vielleicht viertausend Jahren da – in jedem Dorfgarten, jedem Zitronenhain und auf jeder rauen Terrassenfläche eines Inselhofs – und bewegt sich still und unauffällig durch die Geschichte der Menschen.

Er kam mit den Menschen hierher, passte sich hier an und entwickelte sich auf Zypern zu etwas ganz Eigenem. Und nun erlebt auch er – wie so vieles vom außergewöhnlichen Naturerbe der Insel – dass sich seine Welt schneller verändert als jemals zuvor in dieser langen Geschichte.

Den Igel zu schützen heißt auch, das Gefüge der traditionellen zyprischen Landschaft zu bewahren: die Steinmauern, die ungespritzten Obstgärten, die wilden Wegränder und die stillen Dorfstraßen, in denen er immer gelebt hat. Er verlangt nicht viel: ein Stück unberührten Boden, ein paar Käfer und die Möglichkeit, eine Straße in Ruhe zu überqueren. Wenn Sie das nächste Mal nachts in einem zyprischen Garten ein Rascheln hören, bleiben Sie einen Moment stehen. Zwei riesige Ohren hören vielleicht schon zurück.

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