Büyük Han – Osmanischer Karawanserei‑Hof in Nikosia

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Mitten in der türkisch besetzten Altstadt von Nikosia steht ein Bauwerk mit vielen Leben: einst Herberge für Händler, später Gefängnis, zeitweilig Zuflucht für Familien ohne Zuhause – und heute ein lebendiges Kulturzentrum. Der 1572 errichtete Büyük Han entstand zwei Jahre nach der Eroberung Zyperns durch die Osmanen und gilt als größtes und bestes Beispiel einer Karawanserei auf der Insel.

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Der nahezu quadratische Bau misst 50,67 mal 45,25 Meter und umfasst 68 Räume auf zwei Ebenen rund um einen zentralen Hof. Ursprünglich diente er durchreisenden Kaufleuten, die Zypern mit Anatolien, der Levante und weiteren Regionen verbanden. Der Büyük Han zählt zu den am besten erhaltenen osmanischen Bauten Zyperns und steht seit seiner Restaurierung in den 1990er Jahren unter Schutz.

Die Geschichte hinter dem „Großen Han“

Der Büyük Han entstand 1572 unter Muzaffer Pascha, dem ersten osmanischen Statthalter Zyperns. Manche Quellen vermuten, dass sein Nachfolger Sinan Pascha die Fertigstellung übernahm, da Muzaffer Pascha kurz nach der Eroberung versetzt wurde.

Muzaffer Pascha holte einen Architekten aus Konstantinopel namens Bostan, der den Han möglicherweise entwarf. Vorbild war der Koza Han in Bursa, eine berühmte osmanische Karawanserei. Charakteristisch sind der Innenhof, wehrhafte Elemente und offene Arkaden, die in Zyperns warmem Klima für gute Luftzirkulation sorgen.

Ursprünglich trug er den Namen Yeni Han („Neuer Han“) und war auch als Alanyalılar Hanı, also „Han der Leute aus Alanya“, bekannt, weil dort Händler aus dieser türkischen Stadt abstiegen. Die Bezeichnung Büyük Han („Großer Han“) setzte sich im 17. Jahrhundert durch, um ihn vom kleineren nahegelegenen Kumarcılar Han zu unterscheiden.

Aus einem Schreiben von Sultan Selim II. geht hervor, dass für den Bau einige Läden abgerissen wurden. Er ordnete an, dass der Han durch neue Geschäfte ersetzt werden könne, falls er nicht genug Einnahmen bringe. Dazu kam es nie – das Gebäude diente über Jahrhunderte den Händlern.

Aufbau und Gestaltung

Die 68 Räume gruppieren sich um einen weiten Innenhof. Im Erdgeschoss befanden sich Läden und Lagerräume für Waren, die obere Etage bot Übernachtungsmöglichkeiten für Reisende.

Jedes Zimmer im Erdgeschoss hat eine niedrige Rundbogentür, ein Bogenfenster und einen Kamin mit gemauertem Schornstein. Diese Schornsteine könnten von älteren Bauten auf dem Gelände stammen.

Im Zentrum des Hofs steht eine kleine Moschee (Mescit) auf einem sechseckigen Unterbau über einem Brunnen für die rituelle Waschung vor dem Gebet. Das Steinmaterial dürfte teils aus älteren Gebäuden wiederverwendet worden sein. In der Nähe befindet sich ein Grab, das einer hochgestellten Person zugeschrieben wird, die während des Gebets verstarb.

Der Büyük Han besitzt zwei Torzugänge, im Osten und Westen. Das ist für osmanische Karawansereien nicht selbstverständlich und macht den Bau zusätzlich bemerkenswert.

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Ein Gebäude mit vielen Rollen

Die Nutzungsgeschichte spiegelt die Wandlungen Zyperns wider. Nach der Übernahme durch die Briten 1878 diente der Han als Gefängnis. Seine massiven Mauern und der abgeschlossene Hof machten ihn dafür geeignet.

Zwischen 1892 und 1903 war er das Zentrale Gefängnis von Nikosia. Die britische Verwaltung baute Zellen im Inneren ein, auch wenn es nur wenige Unterlagen zu den Insassen gibt. 1903 zog das Gefängnis um, der Bau wurde wieder zur Herberge mit günstigen Zimmern. Im Erdgeschoss blieben Läden in Betrieb und hielten die Verbindung zum Marktviertel der Stadt.

Von 1947 bis 1962 wohnten hier einkommensschwache Familien zu niedrigen Mieten – ein weiteres Beispiel dafür, wie flexibel sich das Gebäude an die Bedürfnisse der Bevölkerung anpasste.

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Die Restaurierung in den 1990er Jahren

In den 1960er Jahren war der Büyük Han stark verfallen. Eine frühe Restaurierung 1963 führte zu Schäden, darunter der Abriss der südlichen Kolonnade. Nach 1963 und infolge der türkischen Invasion von 1974 ruhten die Arbeiten.

In den 1990er Jahren startete die Restaurierung neu – getragen von einer bikommunalen Initiative der türkisch‑zyprischen Evkaf‑Verwaltung, des UNDP und internationaler Partner. Das Projekt dauerte rund zehn Jahre; 2002 öffnete der Han wieder. Er wurde zu einem kulturellen und sozialen Zentrum, ohne seinen historischen Charakter zu verlieren. Die Maßnahme gilt als eines der erfolgreichsten Denkmalprojekte auf Zypern.

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Warum der Büyük Han heute wichtig ist

In einer geteilten Stadt ist der Büyük Han ein selten bewahrtes Stück Geschichte. Die Restaurierung zeigte, dass Gemeinschaften beiderseits der Grünen Linie gemeinsam für den Erhalt des Erbes arbeiten können.

Heute ist er ein zentraler Ort für Tourismus und Kultur in der türkisch besetzten Altstadt von Nikosia. Sein Erfolg ermutigt dazu, weitere historische Bauten in der Umgebung zu pflegen und traditionelle Viertel neu zu beleben.

Die Karawanserei erinnert zudem an die Handelswege der Osmanenzeit. Händler aus der Türkei, Syrien, Ägypten und anderen Regionen übernachteten im Büyük Han, brachten Waren und Ideen mit und bereicherten das Leben auf Zypern. Das Gebäude steht sinnbildlich für Zypern als Schnittstelle von Handel und Kultur.

Besuch des Büyük Han

Der Büyük Han liegt im Herzen der türkisch besetzten Altstadt von Nikosia und ist vom Ledra‑Straßen‑Übergang bequem zu Fuß erreichbar. Besucher aus dem Süden können mit Reisepass oder EU‑Ausweis passieren. Von der Kontrollstelle sind es etwa zehn Minuten zu Fuß.

Der Eintritt ist frei. Im Hof lässt es sich in Ruhe umsehen, bei lokalen Kunsthandwerkern einkaufen und die Architektur genießen. Die Anlage ist täglich zugänglich, die Öffnungszeiten der einzelnen Läden können variieren.

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Ein Denkmal für Beständigkeit und Wandel

Seit fast 450 Jahren überdauert der Büyük Han – als Herberge, Gefängnis, Zuflucht und heute als Ort für Kunst und Besucher. Jede Epoche hat Spuren hinterlassen und den Bau zu einem vielschichtigen Zeugnis der komplexen Geschichte Zyperns gemacht.

Das Gebäude zeigt, dass historische Orte ihre Funktion ändern können, ohne an Bedeutung zu verlieren. Der Büyük Han hat den Schritt von der Herberge über sozialen Wohnraum hin zu einem Kulturzentrum überzeugend gemeistert. Seine lebendige Nutzung belegt, dass Erhalt dann am besten gelingt, wenn das Erbe mit dem heutigen Leben verbunden bleibt – statt als starres Museum zu enden.

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