Der Aphrodite‑Naturpfad führt durch die Akamas‑Halbinsel, eine der letzten echten Wildlandschaften Zyperns. Der 7,5 Kilometer lange Rundweg beginnt bei den legendären Bädern der Aphrodite und steigt zu Aussichtspunkten auf, von denen sich die gesamte Nordwestküste ausbreitet.

Der Weg verbindet Mythologie mit echter ökologischer Bedeutung: Er verläuft durch ein Gebiet, in dem 39 der 141 endemischen Pflanzenarten Zyperns vorkommen, und durch Schutzhabitate bedrohter Meeresschildkröten.
Der höchste Punkt liegt auf 370 Metern am Moutti tis Sotiras, einem felsigen Plateau mit Rundblick über die Bucht von Chrysochou bis zum Kap Arnaoutis. Trotz der 7,5 Kilometer bleibt die Schwierigkeit moderat, denn die meisten Höhenmeter konzentrieren sich auf den Mittelteil.
Für die Runde sollte man 3 bis 4 Stunden einplanen. Die gesamte Akamas‑Halbinsel umfasst 230 Quadratkilometer und ist als NATURA‑2000‑Gebiet geschützt. Die Europäische Umweltagentur führt sie als eines von nur 22 Endemismuszentren Europas.
Die Göttin, die dem Meer entstieg
Nach griechischer Mythologie entstieg Aphrodite vor der Küste Zyperns dem Meerschaum. Die Bäder der Aphrodite, wo der Weg startet, sind eine natürliche Grotte, in der die Göttin gebadet haben soll. Der Legende nach traf sie hier Adonis, ihren sterblichen Geliebten, als er auf der Jagd am Quellwasser trank. Ihren Namen verdankt die Halbinsel Akamas, dem Sohn des Theseus und Helden des Trojanischen Krieges. Die Ruinen von Pyrgos tis Rigainas am Weg gelten als Überreste eines mittelalterlichen Klosters, auch wenn die Überlieferung erzählt, Aphrodite habe sich nach dem Bad unter einer gewaltigen Eiche hier ausgeruht.


Felsiger Pfad durch geschützte Wildnis
Der Weg ist steinig und uneben und steigt von den Bädern der Aphrodite gleichmäßig an. Auf den ersten 2,5 Kilometern verläuft er gemeinsam mit dem Adonis‑Naturpfad. Der Untergrund besteht überwiegend aus freiliegendem Kalkstein mit vielen losen Steinen. Die Route schlängelt sich durch Macchie und niedrige Buschlandschaften, geprägt von knorrigen Wacholdern, wildem Thymian und Johannisbrotbäumen – eine typische Mittelmeerlandschaft. Je näher man dem Moutti tis Sotiras kommt, desto anspruchsvoller wird es: Der Pfad verengt sich, und steile Kehren erfordern trittsicheres Gehen.

Entlang der Strecke gibt es zwei Wasserstellen mit nicht trinkbarem Wasser. Eine liegt bei Pyrgos tis Rigainas, die andere zwischen den Bädern und Kakoskali. In der Nähe der Klosterruinen steht eine rund 800 Jahre alte Eiche – eine der ältesten des Landes.
Vom Moutti tis Sotiras reicht der Blick über die gesamte Halbinsel. Bei klarer Sicht erkennt man die Bucht von Chrysochou, die Stadt Polis, den Paphos‑Wald im Osten sowie die Felseilande Chamili und Agios Georgios. Der Abstieg vom Moutti erfolgt über steile Kehren auf der Nordseite des Kamms. Viele Wandernde gehen die Runde deshalb andersherum, um die Kehren hinauf- statt hinabzusteigen und so die steilen Abbrüche weniger im Blick zu haben.
Einer von Europas Hotspots der Artenvielfalt
Die Akamas‑Halbinsel beherbergt in ihrem Wechsel aus Felsrücken, Schluchten, Steilküsten und fruchtbaren Tälern über 600 Pflanzenarten. Von den 141 endemischen Arten Zyperns wachsen 39 ausschließlich hier. Zwei der seltensten Pflanzen weltweit kommen nur in Akamas vor: Die Akamas‑Tulpe hat einen Weltbestand von etwa 200 Exemplaren, alle in einem kleinen Gebiet der Halbinsel. Die Akamas‑Flockenblume zählt insgesamt höchstens 800 Pflanzen und wächst ausschließlich an senkrechten Felswänden in drei Schluchten, darunter der nahe Avakas‑Schlucht.

Auf Akamas wachsen 34 der 46 Orchideenarten Zyperns. Darunter sind 17 Ragwurz‑Arten, die Wildbienen imitieren, um Bestäuber anzulocken. Entlang des Weges sieht man unter anderem Zypern‑Goldtropfen, Zypern‑Salbei, Mastixstrauch, Erdbeerbaum und verschiedene Wacholderarten. Das endemische Zypern‑Alpenveilchen blüht in der Gegend. Hinweisschilder des Forstamts markieren etliche Arten für alle, die die Flora näher kennenlernen möchten.

Bis zum Jahr 2000 nutzte die britische Armee die Akamas‑Halbinsel für Übungen und als Schießplatz. Der Vertrag von 1960 gestattete eine Nutzung von bis zu 70 Tagen pro Jahr. Mit dem Schutzstatus vor dem EU‑Beitritt Zyperns endeten die militärischen Aktivitäten.
Die Ägyptische Flughundart, Europas einzige Vertreterin dieser tropischen Fledermausfamilie, findet in Höhlen der Akamas Zuflucht. Mit rund 60 Zentimetern Spannweite ist sie die größte Fledermaus Zyperns. Sie frisst reife Früchte statt Insekten und ist damit in Europa einzigartig. Zypern ist das einzige europäische Land, in dem die Art natürlich vorkommt.
Tierwelt im Schutzgebiet
Der Pfad verläuft durch Lebensräume zahlreicher Säugetiere, von denen die meisten nachtaktiv und am Tag selten zu sehen sind. Der Zypern‑Rotfuchs, eine kleine Unterart, lässt sich jedoch gelegentlich blicken. Langohren‑Igel überqueren in Frühling und Sommer nachts die Straßen. Auf Zypern lebt die asiatische Art mit deutlich größeren Ohren als europäische Igel. Die endemische Zypern‑Stachelmaus kommt in der Gegend vor, wird wegen ihrer nächtlichen Lebensweise aber selten beobachtet.

In Akamas wurden 168 Vogelarten nachgewiesen, darunter der endemische Zypern‑Zistensänger mit seinem markanten Schwarz‑Weiß‑Gefieder. Gänsegeier brüten an den Felswänden der Halbinsel. Der Zypern‑Zwergohreule bewohnt die Waldgebiete. Während der Zugzeiten rasten zusätzliche Arten auf ihrer Reise zwischen Europa und Afrika.
Sechs Schlangenarten leben in Akamas, drei davon giftig. Wirklich gefährlich ist nur die Levante‑Otter (Blunt‑nosed Viper). Die Zypern‑Peitschennatter wird bis zu 3 Meter lang, ist aber harmlos. Schlangen sollten grundsätzlich nicht bedrängt werden; bei einem Biss sofort medizinische Hilfe suchen.
Schutz hat in Zypern höchste Priorität
Die Akamas‑Halbinsel ist eine der letzten unverbauten Küstenlandschaften Zyperns. Sie steht seit Jahren unter starkem Bebauungsdruck, wodurch Spannungen zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen entstehen. Zwei Schildkrötenstrände in Akamas wurden als Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung im NATURA‑2000‑Netz ausgewiesen. Das Gebiet Polis‑Gialia ist ein besonderes Schutzgebiet (SAC), die gesamte Halbinsel ein besonderes Schutzgebiet für Vögel (SPA).

Grüne Meeresschildkröten und Unechte Karettschildkröten nisten an den Stränden von Akamas. In der Bucht von Lara überwacht eine geschützte Aufzuchtstation die Gelege. Beide Arten sind weltweit gefährdet, was die Halbinsel für ihr Überleben im Mittelmeer besonders wichtig macht. Die Mittelmeer‑Mönchsrobbe, eines der seltensten Meeressäugetiere der Erde, wird gelegentlich vor Akamas gesichtet, bleibt jedoch eine große Ausnahme.
Seit 2017 gab es auf der Halbinsel rund 80 Brandstiftungen, oft kurz vor wichtigen Naturschutzsitzungen. Umweltverbände werten dies als Versuch, Schutzbemühungen zu untergraben. Die Vorfälle zeigen, wie umkämpft die Landnutzung in einem der ökologisch bedeutendsten Gebiete Zyperns ist.
So erlebst du den Weg
Der Startpunkt liegt bei den Bädern der Aphrodite, erreichbar über die Küstenstraße von Polis Chrysochous nach Neo Chorio. Am Parkplatz der Bäder steht kostenfreies Parken zur Verfügung. Direkt am Einstieg gibt es ein Café‑Restaurant mit zyprischer Küche und Informationen zum Weg. Ein kleines botanisches Gartenareal neben dem Parkplatz zeigt typische Pflanzen der Halbinsel.

Der Aphrodite‑Naturpfad erschließt eines der wichtigsten Schutzgebiete des Mittelmeers. Die Mischung aus endemischen Pflanzen, bedrohten Tierarten und geologischer Besonderheit macht die Akamas‑Region selbst im europäischen Vergleich außergewöhnlich. Auf diesem Weg lässt sich geschützte Wildnis erleben und man lernt Arten kennen, die es sonst nirgends auf der Welt gibt.
Für Zypern ist die Halbinsel zugleich Herausforderung und Erfolgsgeschichte: Ehemaliges Militärgelände wurde zum Rückzugsraum für Arten, die andernorts verschwinden könnten. Wer dort wandert, wo Aphrodite angeblich wandelte, begegnet heute weniger der Sage als messbarer Biodiversität – seltenen Pflanzen, die sich in Hunderten statt Tausenden zählen lassen, und einer Küste, die vielerorts noch so wirkt wie vor der massiven Erschließung der Mittelmeerländer.