Das Beşparmak-Gebirge zieht sich wie ein Kalkrücken entlang der Nordküste Zyperns und verläuft rund 160 Kilometer parallel zum Mittelmeer. Es ist auch als Kyrenia-Gebirge oder Pentadaktylos bekannt. Der schmale Kamm steigt abrupt aus der Küstenebene auf und prägt eine der eindrucksvollsten Landschaften der Insel. Beşparmak bedeutet auf Türkisch fünf Finger und bezieht sich auf einen markanten Gipfel, der an eine ausgestreckte Hand erinnert.

Alter Kalkstein aus der Erdmittelzeit
Der Gebirgszug besteht vor allem aus hartem kristallinem Kalkstein, mit Einschaltungen von Dolomit und Marmor aus der Erdmittelzeit. Er entstand vor 250 bis 65 Millionen Jahren unter einem urzeitlichen Meer. Anders als das vulkanische Troodos-Gebirge im Süden Zyperns handelt es sich hier um Sedimentgesteine vom Perm bis ins mittlere Miozän, die durch die Kollision der afrikanischen und eurasischen Platte aufgefaltet wurden.
Der höchste Gipfel, der Selvili Tepe, erreicht bei Lapta 1.024 Meter. Obwohl er nur halb so hoch ist wie das Troodos-Massiv, wirkt das Kyrenia-Gebirge eindrucksvoller, weil es abrupt aus der flachen Mesaoria-Ebene aufragt. Der poröse Kalkstein wirkt wie ein natürlicher Filter und speichert Wasser in Berg-Aquiferen, die fast alle Städte und Dörfer in Nordzypern versorgen.

Endemische Pflanzen an Kalkklippen
Die Kalkklippen bieten einer vielfältigen Flora Lebensraum. Auf Zypern wachsen rund 1.750 heimische Pflanzenarten, davon 128 endemisch. Im Kyrenia-Gebirge kommen 57 dieser Endemiten vor, vor allem in größeren Höhen. Sieben wichtige Pflanzengebiete wurden ausgewiesen: Alevkaya, Buffavento, Beşparmak, Kıvançtepe, Karmi, St. Hilarion und Kantara.
Das vom Aussterben bedrohte Rittersporngewächs Delphinium caseyi wächst ausschließlich auf den Gipfeln zweier Felskuppen im Westen. Weitere seltene Endemiten sind Teucrium cyprium ssp. kyreniae in Kalkspalten sowie Arabis cypria an schattigen Felsen. Diese extrem kleinräumigen Arten sind vollständig auf ihre wenigen Standorte angewiesen.
Kiefern- und Zypressenwälder bedecken die Hänge, auf den Nordseiten dominiert die Türkische Kiefer. Laubbäume wie Erdbeerbaum, Steineiche, Feige und Walnuss sind weit verbreitet. Forschungen weisen hier 14 Lebensraumtypen der EU aus, drei davon als prioritäre Lebensräume. Besonders bedeutend sind kalkreiche Felshänge mit Felsspaltenvegetation sowie Kalkstein-Plattenflächen.
Vogel- und Reptilienwelt des Gebirges
Das Kyrenia-Gebirge ist ein wichtiges Rückzugsgebiet für endemische und ziehende Vögel. Aufgrund seiner Lage auf den Zugrouten zwischen Afrika, Europa und Westasien wurden auf Zypern 380 Vogelarten nachgewiesen. Zwei endemische Singvögel brüten ausschließlich hier: Zypern-Grasmücke und Zypernsteinschmätzer. Greifvögel nisten in den Kalkklippen, und im Frühling sowie Herbst ziehen Arten wie Eleonorenfalke und Kaiseradler durch.

Zur Reptilienfauna zählen die Zypern-Pfeilnatter und die giftige Zyprische Levanteviper. Die Viper ist zwar nicht angriffslustig, ihr starkes Gift ist für große Säuger jedoch gefährlich. Auch die Europäische Katzennatter und die Montpellier-Schlange leben im felsigen Gelände, ebenso die harmlose Europäische Blindschlange.
Drei mittelalterliche Burgen auf den Gipfeln
Drei eindrucksvolle mittelalterliche Burgen krönen die Kämme des Kyrenia-Gebirges: St. Hilarion, Buffavento und Kantara. Sie stammen aus dem 10. bis 15. Jahrhundert und wurden von Byzantinern und Lusignanern errichtet. Ihre strategische Lage kontrollierte die Passstraßen und bot frühzeitig Sicht auf herannahende Schiffe.
Burg St. Hilarion
Die Burg St. Hilarion auf 732 Metern ist am besten erhalten. Sie ist nach einem Eremiten benannt, der hier im 4. Jahrhundert eine Höhlenklause gründete. Später entstand ein byzantinisches Kloster. Ab dem 11. Jahrhundert befestigten die Byzantiner den Ort gegen Überfälle arabischer Piraten. Im 13. Jahrhundert erweiterten die Lusignaner die Anlage sowohl als Militärposten als auch als königliche Sommerresidenz. Die Burg hat drei Ebenen; im oberen Burgbezirk wohnten die Herrscher und genossen weite Blicke über den Hafen von Kyrenia.

Burg Buffavento
Buffavento liegt am höchsten, auf 960 Metern. Der italienische Name bedeutet vom Wind geschützt, doch der Gipfel ist ständig Winden ausgesetzt. Erbaut wurde die Anlage zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert als Beobachtungsposten mit Signalkontakt zu den Nachbarburgen. Größere Kampfhandlungen gab es kaum, abgesehen von der Eroberung Zyperns durch Richard Löwenherz im Jahr 1191.
Burg Kantara
Kantara, die östlichste Festung auf 630 Metern, kontrollierte die Zugänge zur Halbinsel Karpas und zur Mesaoria-Ebene. Der Name leitet sich vom arabischen qantara ab, kleine Brücke, und weist auf ihre Rolle als Verbindung zwischen Nordküste und Famagusta hin. Erstmals erwähnt wird sie 1191, als der byzantinische Statthalter Isaak Komnenos hier vor Richard Löwenherz Zuflucht suchte. 1228 wurde die Burg in Machtkämpfen schwer beschädigt. An klaren Tagen reicht die Sicht bis in den Libanon und nach Syrien, etwa 150 Kilometer über das Meer.
Die drei Burgen übermittelten Signale untereinander, wobei Buffavento als zentrale Relaisstation diente. Als die Venezianer 1489 Zypern übernahmen, galten die Festungen ab 1519 als überholt. Die letzten Besatzungen zogen 1525 ab, Kantara wurde 1560 teilweise abgetragen.
Sagen um den Fünf-Finger-Gipfel
Der markante Fünf-Finger-Gipfel hat zahlreiche Legenden inspiriert. Eine erzählt von einem eitlen Dorfbewohner, der eine Königin liebte und um ihre Hand anhielt. Die Königin verlangte, er solle Wasser von der fernen Quelle des Klosters Apostolos Andreas bringen. Nach wochenlanger, gefährlicher Reise kehrte er mit dem kostbaren Wasser zurück. Sie wies ihn dennoch ab. Aus Zorn schüttete er das Wasser aus, packte eine Handvoll Lehm und warf sie nach ihrem Kopf. Sie duckte sich, und der Lehm flog über die Ebene, landete auf dem Berg und zeichnete die fünf Finger ab.
Eine andere Legende schreibt den Abdruck dem byzantinischen Helden Digenis Akritas zu, der der Überlieferung nach aus Anatolien herübersetzte, um Zypern vor Sarazenen zu retten. Er packte den Fels, um sich aus dem Wasser zu ziehen, und hinterließ so seinen gewaltigen Handabdruck. Nach einer dritten Erzählung bevölkerten einst Riesen die Welt; einer schleuderte Felsbrocken nach seinem Gegner, verfehlte ihn, und die Steine blieben am Hang liegen und formten den Fünf-Finger-Kamm.
Auch die jüngere Politik hat Spuren hinterlassen. An der Südhängefläche ist eine riesige Flagge der Türkischen Republik Nordzypern aufgemalt, 425 Meter breit und 250 Meter hoch. Nachts beleuchtet, ist dieses umstrittene Wahrzeichen kilometerweit zu sehen.
Outdoor-Erlebnisse und Aktivtourismus
Der Kyrenia Mountain Trail verläuft 220 Kilometer über den Kamm und zählt zu den anspruchsvollsten Weitwanderwegen im Mittelmeerraum. Er verbindet die wichtigsten Gipfel und führt an allen drei Burgen vorbei. Kürzere Routen erschließen einzelne Ziele wie St. Hilarion, wo steile Pfade durch Kiefernwälder hinaufführen.
Drei Hauptpässe durchschneiden das Gebirge und tragen den Straßenverkehr. Weitere Wege schlängeln sich für Wanderer auf der Suche nach Ruhe durch die Berge. In größeren Höhen ist es spürbar kühler – ideal, wenn es in den Niederungen über 35 Grad Celsius hat. An Kalkfelsen gibt es Kletterrouten mit Bohrhaken. Startplätze fürs Gleitschirmfliegen liegen auf 750 bis 800 Metern, am besten im Frühling und Herbst.
Feuerhistorie und Schutzbedarf
Im Juli 1995 wütete drei Tage lang ein verheerender Brand über große Teile des Gebirges und zerstörte weite Wald- und Lebensraumflächen. Heute verlaufen Feuerlinien entlang der Hänge, um künftige Katastrophen zu verhindern, dennoch bleibt die Region in heißen, trockenen Sommern gefährdet.
Zu den Schutzherausforderungen zählen Bebauung an den Vorhängen, Steinbrüche, die die Kalkformationen schädigen, sowie das Fehlen einer umfassenden Entwicklungsplanung. Besonders bedroht sind die eng verbreiteten Endemiten, deren letzte Standorte durch Lebensraumverlust verschwinden. Prognosen zum Klimawandel deuten zudem auf mehr Dürre und erhöhte Brandgefahr hin.
Trotz dieser Belastungen bleibt das Gebirge ökologisch überproportional wichtig. Kalk-Aquifere speichern und reinigen das Wasser. Wälder regulieren das Mikroklima und verhindern Erosion. Endemische Arten sind einzigartige evolutionäre Anpassungen, die es nirgends sonst gibt. Schutzinitiativen konzentrieren sich auf die sieben wichtigen Pflanzengebiete, die zwischen 2007 und 2015 erfasst wurden.
Geologisches Erbe und Zukunft des Schutzes
Das Beşparmak-Gebirge ist weit mehr als nur Kulisse an Zyperns Nordküste. Die vor Millionen Jahren aufgerichteten Kalkrücken schufen Lebensräume, in denen Arten über geologische Zeiträume hinweg isoliert evolvierten. Die 57 endemischen Pflanzen zeigen, wie harte Kalkböden zu hochspezialisierten Anpassungen geführt haben. Die mittelalterlichen Burgen auf strategischen Gipfeln erinnern daran, dass Menschen diese Höhen seit Jahrhunderten schätzen.
Auch heute erfüllt das Gebirge zentrale Funktionen. Es fängt Winterregen auf und speichert ihn in porösen Aquiferen. Es bietet kühlere Rückzugsorte vor der Hitze der Küsten. Es liegt auf den Routen ziehender Vögel zwischen den Kontinenten. Es bewahrt eng verbreitete Endemiten, die weltweit nur hier vorkommen. Die Karstformen und kalkreichen Hänge sind nach europäischen Naturschutzrichtlinien vorrangige Lebensräume.
Wer zu Burgruinen wandert oder anspruchsvolle Pfade erklimmt, erlebt Landschaften, die von uralter Geologie und reicher Geschichte geprägt sind. Der weithin sichtbare Fünf-Finger-Gipfel steht sinnbildlich für den Charakter dieses Gebirges. Ob von den Küstenorten betrachtet oder auf seinen Pfaden erkundet – das Beşparmak-Gebirge ist Kernstück des Naturerbes und der kulturellen Identität Nordzyperns. Sein Kalkskelett, bedeckt von Kiefern und Zypressen, wird weiterbestehen, wie seit Millionen von Jahren – vorausgesetzt, der Schutz der endemischen Arten und der Waldökosysteme bleibt gesichert.