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Die Königsgräber sind eine ausgedehnte Nekropole, die der antiken Stadt Nea Pafos vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. diente. Das Areal umfasst rund 1,2 Quadratkilometer im Nordwesten der Stadt, direkt außerhalb der damaligen Befestigungen. Neben acht großen Grabanlagen wurden zahlreiche kleinere Grabkammern freigelegt.

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Die Monumente wurden für ptolemäische Beamte und Angehörige der Oberschicht errichtet, die Zypern in der hellenistischen Zeit verwalteten. Eine Monarchie gab es seit 312 v. Chr. nicht mehr, daher wurde hier kein wirklicher König bestattet. Der Name leitet sich allein von der gewaltigen Dimension und der aufwendigen Gestaltung der Gräber ab. Frühe Besucher hielten die unterirdischen Anlagen mit dorischen Säulen und bemalten Fresken für königlich, weil nur Herrscher solche Pracht hätten befehlen können.

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Die Gräber wurden mit in Alexandria, Ägypten, entwickelten Werkzeugen und Techniken direkt in den Kalkfelsen gehauen. Ihre Architektur nimmt die Wohnhäuser der Lebenden zum Vorbild – eine ägyptische Tradition, nach der die Verstorbenen in Räumen ruhen sollten, die ihren irdischen Heimen ähneln. So entstanden unterirdische Höfe, Grabkammern und Kulträume, die bis heute bemerkenswert gut erhalten sind.

Historischer Hintergrund

Nea Pafos, „Neues Pafos“, wurde Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. unter ptolemäischer Herrschaft als Verwaltungszentrum Zyperns gegründet. Nach dem Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. wurde sein Reich unter den Generälen aufgeteilt; Zypern fiel an die in Alexandria herrschenden Ptolemäer. Die Insel gewann strategische Bedeutung durch ihre Lage zwischen Ägypten, der Levante und der Ägäis.

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Die Ptolemäer setzten einen nichtzyprischen Strategos als Statthalter ein. Dieses Amt vereinte Gouverneur, Oberbefehlshaber, Hohepriester und Flottenadmiral in einer Person. Der Sitz befand sich in Nea Pafos, das über einen hervorragenden Hafen mit direkter Seeverbindung nach Alexandria verfügte. Mit diesen mächtigen Verwaltern kamen auch ihre Bestattungssitten – deshalb erinnern die Gräber eher an alexandrinische Vorbilder als an lokale zyprische Traditionen.

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Schätzungsweise rund 100 Angehörige dieser Elite wurden über die Jahrhunderte in der Nekropole bestattet. Es handelte sich um wohlhabende Familien, die Verwaltung, Handel und Militär Zyperns kontrollierten. Die Gräber zeigen, über welche Mittel die ptolemäische Oberschicht verfügte und wie sehr ihr daran lag, mit dauerhaften Monumenten auch im Tod ihren Rang zu betonen.

Nach der Annexion Zyperns durch Rom im Jahr 58 v. Chr. blieb die Nekropole in Gebrauch. Manche Gräber wurden wiederverwendet, indem neue Bestattungen nach der Räumung älterer Beisetzungen erfolgten. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr., mit dem Aufstieg des Christentums und veränderten Bestattungsbräuchen, wurde die Nutzung eingestellt.

Architektur und Gestaltung der Hauptgräber

Die Anlagen sind herausragende Beispiele für in Fels gehauene Architektur. Von der Oberfläche aus wurde nach unten und in den Fels hineingeschnitten, sodass unterirdische Räume, Höfe und Gänge entstanden. Ziel war es, echte Wohnhäuser nachzuahmen – mit Zimmern, Türöffnungen und dekorativen Details.

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Am beeindruckendsten ist Grab 3 mit einem großen, offenen Atrium, das von einem Säulengang auf dorischen Säulen umgeben ist. Über einen abgestuften Zugang, den Dromos, gelangt man in den Hof. Die Säulen wurden wie die restliche Anlage aus dem gewachsenen Fels gearbeitet und exakt nach den Proportionen der klassischen griechischen Architektur geformt. Darüber sind Triglyphen und Metopen eingemeißelt – typische Zierelemente des dorischen Stils. In den umgebenden Wänden liegen mehrere Grabkammern mit in den Fels geschnittenen Nischen für die Bestatteten.

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Auch Grab 4 ist gut erhalten und zeigt den typischen Aufbau vornehmer Bestattungen. Ein gestufter Dromos führt in einen unterirdischen Hof, den Grabkammern umgeben. An den Wänden sind Reste von Fresken erhalten, die einst die Innenflächen bedeckten. Zwar sind sie durch Verwitterung und Beschädigungen fast vollständig verloren, doch kleine Fragmente belegen, dass die Gräber einst farbenfroh mit geometrischen Mustern und wohl auch figürlichen Szenen geschmückt waren.

Grab 5 gehört zu den größten freigelegten Anlagen. Es umfasst etwa 390 Quadratmeter und reicht 5 Meter unter das heutige Bodenniveau. Im Hof stehen 12 vollständig erhaltene dorische Säulen, die einen Peristylhof bilden. Das Grab zeigt die volle Ausprägung des alexandrinischen Stils, angepasst an die Bedingungen Zyperns. In einer Ecke fanden Archäologen Spuren eines Keramikofens aus dem Mittelalter – aus einer Zeit, als Teile der Nekropole von Siedlern genutzt wurden.

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Grab 8 weicht im Aufbau stark von allen anderen ab und wird daher am meisten diskutiert. Im Zentrum des Atriums steht ein quadratischer Felsblock mit einer eingearbeiteten Kammer. Um dieses Element verläuft ein Korridor, den wiederum Grabkammern umgeben. Bei den Ausgrabungen kamen zwei steinerne Vogelstatuen zum Vorschein. Einige Forscher sehen darin Adler – das Herrschersymbol der Ptolemäer – und vermuten, das Grab könnte einen ptolemäischen König beherbergen, der auf Zypern starb, möglicherweise Ptolemaios XIV., Bruder Kleopatras VII. Andere deuten die Vögel als Falken und verweisen auf den ägyptischen Gott Horus. Die ungewöhnliche Architektur und diese symbolischen Figuren sprechen jedenfalls für eine Person von herausragender Bedeutung.

Archäologische Funde und Datierung

Systematische Ausgrabungen in den Königsgräbern begannen 1977 durch das Department of Antiquities der Republik Zypern. Zuvor hatten bereits verschiedene Forscher gearbeitet, darunter Luigi Palma di Cesnola (1870) sowie Räumungen 1915/16 und 1937. Die modernen Grabungen brachten acht große Komplexe und zahlreiche kleinere Kammern ans Licht.

Die Untersuchungen lieferten wichtige Erkenntnisse zu Bestattungssitten und Chronologie. Besonders hilfreich ist die in Pafos übliche Beigabe rhodischer Amphoren. Diese großen Keramikgefäße wurden auf Rhodos hergestellt und im Mittelmeerraum gehandelt. Ihre Henkel tragen Stempel, die Werkstatt und Herstellungsjahr angeben. Über diese Marken lassen sich die Gefäße – und damit die Bestattungen und zugehörigen Funde – sehr genau datieren.

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Auch Münzfunde helfen bei der Datierung. Bronze- und Silbermünzen aus ptolemäischer und römischer Zeit geben Hinweise darauf, wann einzelne Bestattungen erfolgten oder Gräber erneut genutzt wurden. Zudem lassen sich anhand der Keramikstile zeitliche Abfolgen erkennen, da Formen und Verzierungstechniken sich nachvollziehbar wandelten.

Trotz aller Funde ist viel Wissen verloren. Man geht davon aus, dass die Toten mit wertvollen Beigaben wie Goldschmuck, kostbaren Zierstücken und edlen Objekten bestattet wurden. Offizielle Grabungen förderten davon jedoch kaum etwas zutage. Über Jahrhunderte plünderten Grabräuber die Anlagen, nahmen transportable Kostbarkeiten mit und zerstörten dabei Zusammenhänge. Erhalten blieben vor allem Architektur, Keramikfragmente und Dinge, die als wertlos galten oder übersehen wurden.

Die Stätte heute und UNESCO-Auszeichnung

1980 wurde die gesamte Stadt Pafos, einschließlich der Königsgräber, als UNESCO-Welterbe anerkannt. Damit sind der herausragende kulturelle Wert der Überreste und die Verpflichtung Zyperns zu ihrem Schutz gewürdigt. Die Königsgräber gelten als eines der bedeutendsten Beispiele hellenistischer Grabarchitektur im Mittelmeerraum.

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Die Stätte wird vom Department of Antiquities der Republik Zypern betreut; die archäologische Forschung läuft weiter. Grabungen bringen nach wie vor neue Erkenntnisse. Die Konservierung konzentriert sich auf die Stabilisierung der Felsarchitektur, den Schutz erhaltener Fresken und die Pflege der Anlage für Besucher.

Die Gräber ziehen Besucherinnen und Besucher aus aller Welt an, die dieses eindrucksvolle Zusammenspiel von Architektur, Geschichte und Kulturerbe erleben möchten. Die Anlage zeigt greifbar, wie die Elite Zyperns lebte – und wie sie in Erinnerung bleiben wollte. Wer durch die unterirdischen Kammern geht, tritt in direkten Kontakt mit Menschen, die vor über 2.000 Jahren hier lebten.

Besuch der Königsgräber

Die Ausgrabungsstätte liegt etwa 2 Kilometer nordwestlich des Hafens von Pafos an der Tombs of the Kings Avenue. Sie ist ganzjährig täglich geöffnet. Der Eintritt ist günstig und liegt in der Regel bei etwa 2,50 Euro. Vom Zugang aus erreicht man alle freigelegten Gräber und das umliegende Nekropolenareal.

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Die Buslinie 615 fährt vom Hafen von Pafos nach Coral Bay und hält direkt vor dem Eingang; Abfahrten etwa alle 10 bis 15 Minuten. Alternativ erreicht man die Stätte per Taxi oder zu Fuß. Zu Fuß braucht man vom Hafen rund 25 bis 30 Minuten auf einem gut ausgeschilderten Küstenweg.

Für den Besuch sollte man mindestens 1,5 bis 2 Stunden einplanen. Das Gelände ist groß, die Gräber liegen weitläufig verteilt. Unbedingt feste Schuhe tragen – der Untergrund ist uneben, mit Stufen und Felsflächen. Schatten ist rar; Sonnen- und Kopfschutz sowie Wasser sind besonders im Sommer wichtig, wenn die Temperaturen über 35 Grad Celsius steigen können.

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Viele Gräber sind begehbar. Man kann in die Kammern hinabsteigen und die Architektur aus nächster Nähe erleben. Informationstafeln auf Englisch und Griechisch liefern Hintergrundwissen und erläutern die wichtigsten Strukturen. Besonders fotogen sind die dorischen Säulen von Grab 3; im Peristylhof wird die Größe und Präzision antiker Baukunst eindrucksvoll spürbar.

Warum die Königsgräber bedeutsam sind

Die Königsgräber belegen, dass Pafos in hellenistischer und römischer Zeit ein politisches Zentrum ersten Ranges war. Der Aufwand für diese Monumente spiegelt Reichtum und Anspruch der ptolemäischen Verwaltung. Es handelt sich nicht um einfache Gräber, sondern um architektonische Statements, die den Rang der Bestatteten sichtbar machen sollten.

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Zugleich liefert die Stätte Schlüsselerkenntnisse zum Kulturaustausch im antiken Mittelmeerraum. Die Verbindung ägyptischer, griechischer und lokaler zyprischer Traditionen, die sich in der Architektur zeigt, macht deutlich, wie sich Ideen und Praktiken zwischen den Regionen verbreiteten. Zypern war eine kulturelle Drehscheibe, an der Einflüsse verschiedener Zivilisationen zu etwas Eigenständigem verschmolzen.

Für das heutige Zypern sind die Königsgräber ein wichtiges Zeugnis der hellenistischen Vergangenheit. Sie belegen die bedeutende Rolle der Insel in der Welt der Ptolemäer und ihre engen Verbindungen zu den großen Kulturzentren wie Alexandria, Athen und anderen Städten des Mittelmeerraums. Die fortlaufenden Forschungen vor Ort erweitern unser Bild des antiken Zyperns und seiner Stellung in der Geschichte der Mittelmeerregion.

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