Römisches Aquädukt von Salamis

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Die antike Stadt Salamis auf Zypern stand vor einem Problem, das viele römische Siedlungen im Mittelmeerraum kannten: Für die wachsende Bevölkerung, die öffentlichen Bäder und das städtische Gewerbe wurde enorme Wassermenge benötigt, doch die lokalen Quellen reichten nicht aus. Die Römer lösten dies mit einem ihrer beeindruckendsten Bauwerke auf der Insel: einem rund 40 Kilometer langen Aquädukt, das frisches Wasser aus den Quellen von Kythrea in die pulsierende Küstenstadt leitete.

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Warum Salamis ein Aquädukt brauchte

Salamis gehörte in römischer Zeit zu den bedeutendsten Städten Zyperns. Die Stadt erstreckte sich etwa zwei Kilometer entlang der Küste und reichte einen Kilometer ins Landesinnere. Auf dem Höhepunkt lebten hier zwischen 50.000 und 100.000 Menschen. Diese Größe verursachte einen Wasserbedarf, den Brunnen und Regenwassersammelbecken vor Ort nicht decken konnten.

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In Salamis gab es mindestens zwei große Thermenkomplexe, ein Gymnasion mit Säulenhof und zahlreiche weitere öffentliche Gebäude. Die Badekultur war zentraler Bestandteil des sozialen Lebens und verschlang gewaltige Mengen Wasser.

Die aufwendig gestalteten Thermen mit Warmräumen, Schwitzräumen und Kaltbecken benötigten einen ständigen Wasserkreislauf. Da Zypern von Natur aus trocken ist, reichten Zisternen und Speicher trotz sorgfältiger Verwaltung nicht aus. Die Stadt brauchte eine verlässliche Quelle.

Das Ingenieurswunder aus Kythrea

Abhilfe schuf Kephalovrysi, die Hauptquelle bei Kythrea am Fuß des Gebirges nördlich des heutigen Nikosia. Sie gilt als die ergiebigste natürliche Wasserquelle Zyperns. Eine in Angastina gefundene Inschrift legt nahe, dass der Bau des Aquädukts in die Regierungszeit von Kaiser Nero in der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. fällt, auch wenn das genaue Datum unter Historikern umstritten ist.

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In Luftlinie war das Aquädukt etwa 40 Kilometer lang, der tatsächliche Kanal war jedoch länger, da er den natürlichen Geländeformen folgen musste, um ein gleichmäßiges Gefälle zu halten. Je nach Terrain variierte die Bauweise. Auf der Ebene bei Agios Serghios errichteten die Ingenieure Pfeiler und Bögen, um den Wasserlauf über dem Boden zu führen, das nötige Gefälle zu sichern und Senken zu überqueren.

Am Rand der Karpasia-Ausläufer änderten die Baumeister ihre Strategie. Statt kostspieliger Pfeiler und Bögen verlegten sie den Kanal direkt auf dem Boden oder auf niedrigen Mauerauflagen. Reste dieser bodennahen Trasse lassen sich noch über etwa fünf Kilometer bei Dörfern wie Petra tou Digeni und Chatos verfolgen. Auf dem Weg gab es zudem eine Verzweigung, an der der Kanal vor Erreichen der Quellen von Kythrea zusätzliches Wasser über eine Nebenleitung aufnahm.

Bauweise und Materialien

Für Pfeiler und Wände kamen Sandsteinquader zum Einsatz. Jeder Pfeiler maß 1,1 mal 1,1 Meter, die Mauern waren 2,0 bis 2,5 Meter stark. Die Blöcke wurden mit Mörtel verbunden, was stabile Konstruktionen ergab. Die Ausführung folgt typischen römischen Standards mit präziser Gefälleführung und Augenmerk auf den Wasserfluss.

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In der Nähe von Salamis teilte sich der Kanal. Der südliche Ast führte zu einem großen Speicher nördlich des römischen Forums, der nördliche folgte der antiken Stadtmauer oder verlief auf ihr in Richtung Palaestra und Thermen. Diese doppelte Verteilung brachte das Wasser effizient in verschiedene Stadtbereiche.

Das große Reservoir von Salamis

Der Hauptspeicher, vor Ort Loutron genannt, gehört zu den eindrucksvollsten Überresten des antiken Salamis. Das gewaltige Becken war 52,5 Meter lang, 15,3 Meter breit und etwa 5 Meter tief und fasste rund 4.000 Kubikmeter. Das rechteckige Bassin lag teils unter, teils über Geländeniveau und besaß ursprünglich ein Tonnengewölbe, getragen von 36 quadratischen Pfeilern. Reste von Wänden und Pfeilern sind bis heute zu sehen.

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Das Reservoir lag unmittelbar am Agora-Bereich, also dem römischen Forum, und damit im Zentrum des städtischen Lebens. Drei große Öffnungen in der Ostwand dienten als Einläufe aus dem Aquädukt. Der Bau verlief parallel zur Stadtmauer von Constantia (so der spätere Name von Salamis), eine Abzweigung oder Leitung verband ihn mit dem Kanalsystem. Verwendet wurden Sandsteinblöcke mit Mörtelfugen; eine wasserdichte Innenauskleidung ist heute nicht mehr nachweisbar.

Byzantinische Zeit und spätere Instandsetzungen

Nach schweren Erdbeben in den Jahren 332 und 342 n. Chr. ließ Kaiser Constantius II. große Teile von Salamis wiederaufbauen und benannte die Stadt in Constantia um. Auch das Aquädukt musste umfangreich repariert werden. Bei Bogazi sichtbare Reste – drei Pfeiler und zwei Bögen – datieren ins 6. oder 7. Jahrhundert und weisen auf byzantinische Erneuerungen hin.

Quellen berichten, dass die byzantinischen Bischöfe Ploutarchos und später Arkadios zwischen 619 und 631 n. Chr. größere Wiederherstellungen am Aquädukt leiteten. Dadurch gelangte Wasser aus Kythrea wieder bis an den Rand von Constantia. Eine Inschrift erwähnt Arbeiten, die 631 n. Chr. an den letzten Bögen von einem nicht lokalisierten Hippodrom zur Hauptzisterne der Stadt abgeschlossen wurden. Frühe Reisende sahen griechische Inschriften an den Bögen mit Nennung eines Erzbischofs; viele der von ihnen beschriebenen, gotisch anmutenden Bögen waren besser erhalten als die heute sichtbaren.

Der byzantinische Schriftsteller Prokopios erwähnt ein Aquädukt des Heiligen Konon auf Zypern als eines der Werke Justinians, doch ist unklar, ob damit das Aquädukt Kythrea–Salamis gemeint ist. Trotz seiner Bedeutung findet sich bis ins späte Mittelalter keine ausführliche antike oder mittelalterliche Beschreibung dieses Bauwerks.

Römische Ingenieurskunst in der Praxis

Das Aquädukt von Salamis zeigt zentrale Prinzipien römischer Baukunst: Man arbeitete mit dem Gelände, nicht dagegen, und wählte je Abschnitt die wirtschaftlichste Lösung. Wo Höhe nötig war, entstanden Bögen; wo das natürliche Niveau ausreichte, legte man Leitungen direkt auf oder in den Boden.

Die Aufteilung in zwei Stadtäste belegt durchdachte Planung. So ließen sich verschiedene Höhenlagen und Gebäudekomplexe gezielt versorgen. Der große Speicher diente als Puffer, um Schwankungen bei Bedarf und Zufluss auszugleichen. Den Römern war klar, dass Wassersysteme Redundanz und Speicherkapazität brauchen, um zuverlässig zu funktionieren.

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Gerade in trockenen Regionen war umsichtiges Wassermanagement lebenswichtig. Die Quellen von Kythrea lieferten ganzjährig Wasser, anders als saisonale Bäche oder Brunnen, die im Sommer versiegen konnten. Diese Verlässlichkeit hielt Thermen und Brunnen auch in Dürrezeiten in Betrieb und stützte die städtische Lebensweise, die die Römer in ihrem Reich schätzten.

Vermächtnis des Aquädukts von Salamis

Die Leitung von Kythrea nach Salamis verkörpert römische Ingenieurskunst in ihrer pragmatischen Form. Errichtet im 1. Jahrhundert n. Chr. und bis in byzantinische Zeit unterhalten, versorgte sie über mehr als 600 Jahre eine der großen Städte Zyperns. Grundlage waren exakte Vermessung, solide Bauweise und Lösungen, die an die örtliche Topografie angepasst waren.

Auch wenn nur Fragmente erhalten sind, sprechen Ausmaß und Lebensdauer für die Fähigkeiten der antiken Baumeister. Sie schufen Infrastruktur, die nicht nur akute Bedürfnisse deckte, sondern trotz Erdbeben, Umbauten und politischer Umbrüche funktionierte. Das Wasser, das über 40 Kilometer von Bergquellen bis an die Küste floss, trug dazu bei, dass Salamis als Zentrum von Handel, Kultur und römischer Zivilisation auf Zypern blühte.

Wer heute die Ausgrabungen besucht, kann den großen Speicher sehen, der einst dieses Wasser aufnahm – ein eindrucksvolles Zeugnis der Ingenieursleistung, die einer trockenen Landschaft einst Fülle brachte.

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