6 Minuten Lesezeit Auf der Karte ansehen

Mitten auf Zypern liegt Marki-Alonia, eine der aufschlussreichsten prähistorischen Siedlungen der frühen und mittleren Bronzezeit. Zwischen 1990 und 2000 legten die Archäologen David Frankel und Jennifer Webb von der La Trobe University rund 1.500 Quadratmeter dieses Dorfes frei.

sciencedirect-com

Die Ausgrabungen eröffneten einen selten klaren Blick darauf, wie die Menschen zwischen etwa 2400 v. Chr. und 1900 v. Chr. lebten, bauten und ihr Zusammenleben organisierten. Anders als an vielen Fundorten, an denen sich nur Bruchstücke der Vergangenheit zusammensetzen lassen, liefert Marki-Alonia ein ungewöhnlich vollständiges Bild des Lebens auf Zypern in der Bronzezeit.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte von Marki-Alonia beginnt um 2400 v. Chr. mit einer kleinen Gruppe von Siedlern. Anfänglich lebten hier nur 40 bis 50 Personen. Über 500 Jahre wuchs der Ort stetig. In der Phase des Middle Cypriot I, etwa 400 Jahre nach der Gründung, zählte die Bevölkerung rund 400 Einwohner. Dieses Wachstum zeigt, dass es gelang, eine stabile Landwirtschaft aufzubauen und soziale Strukturen zu entwickeln, die größere Gruppen trugen.

cambridge-org

Besonders wertvoll ist Marki-Alonia wegen seiner ununterbrochenen Besiedlung. Viele Plätze zeigen Spuren plötzlicher Aufgabe oder Zerstörung, hier aber entwickelte sich der Ort Schritt für Schritt weiter. Gebäude wurden erneuert, Räume umgestaltet, Strukturen neu errichtet oder abgetragen, wenn sich Bedürfnisse änderten. Diese kontinuierliche Anpassung erlaubt Einblicke, wie bronzezeitliche Gemeinschaften über Generationen mit Wachstum und Wandel umgingen.

Bauweisen, die die Zeit überdauerten

Die Bewohner von Marki-Alonia waren geübte Baumeister mit einem eigenen architektonischen Stil. Sie errichteten ihre Häuser aus rechteckigen, in Formen hergestellten Lehmziegeln, die auf massiven Steinfundamenten ruhten, die sich oft über mehr als einen Meter Höhe erhalten haben. Auch wenn die Lehmwände selbst selten überdauerten, zeigen die Steinlagen genau, wo Gebäude standen und wie sie gegliedert waren.

Die Häuser waren rechtwinklige Mehrraumgebäude. Zu jedem Haushaltskomplex gehörten überdachte Wohnbereiche und offene Höfe. Diese Höfe waren keine leeren Flächen, sondern Erweiterungen des Hauses: Sie dienten Arbeiten im Freien, sorgten für ein angenehmes Mikroklima und boten zugleich Geborgenheit und Privatheit. Archäologische Befunde zeigen, dass solche Hofhäuser in der gesamten Bronzezeit auf Zypern zunehmend verbreitet waren.

Aufschlussreich ist auch die Herstellung der Lehmziegel. Analysen intakter Ziegel deuten darauf hin, dass Holzformen verwendet wurden, um einheitliche Formate zu erzeugen. Diese Standardisierung spricht für eine gut organisierte Bauweise. Mancherorts auf Zypern war die Ziegelproduktion wohl sogar spezialisiert, sodass bestimmte Personen darauf fokussiert waren statt jedes Haus seine Ziegel selbst herzustellen.

Haushalte im Wandel

Die Grabungen legten klar erkennbare Haushaltseinheiten frei, sogenannte Komplexe. Sie bestanden aus mehrteiligen Gebäuden, die mit Höfen verbunden waren; Gassen dazwischen ermöglichten die Bewegung durch die Siedlung. In der Frühphase kooperierten Nachbarhaushalte offenbar eng miteinander. Mit der Zeit zeigen die Funde jedoch eine Entwicklung hin zu unabhängigeren, in sich geschlossenen Familienverbänden.

Schon innerhalb der ersten hundert Jahre waren einzelne Haushaltskomplexe so organisiert, dass sie ihre Grundbedürfnisse eigenständig decken konnten. Das weist auf verlässliche Produktionsweisen und eigene Ressourcen hin. Der Wandel dürfte sowohl mit dem Bevölkerungswachstum als auch mit dem Wunsch zusammenhängen, Gebäude, Land und andere Güter zunehmend privat zu nutzen und zu kontrollieren.

Aufschlussreich ist das Verhältnis zwischen bestimmten Komplexen. So scheint sich der Komplex 8 von Komplex 6 abgespalten zu haben. Wuchsen Familien zu groß, gründeten sie demnach eigene, nahe beieinander liegende Haushalte. Trotz räumlicher Trennung blieb die Zusammenarbeit eng: Geteilte Eingänge und Durchgänge zeigen, dass familiäre Bindungen stark blieben, selbst als die wirtschaftliche Eigenständigkeit zunahm.

Die charakteristische Red-Polished-Keramik

Kaum ein Fundtyp steht so sehr für die frühe und mittlere Bronzezeit Zyperns wie die Red-Polished-Keramik. Dieses Keramikgeschirr, das in Marki-Alonia und auf der ganzen Insel vorkommt, markiert einen deutlichen Wandel in der zyprischen Töpferei. Die Gefäße wurden aus lokalen Tonen gefertigt und vor dem Brand zu einer rötlichen, glänzenden Oberfläche geglättet.

cambridge-org

Untersuchungen der Keramik aus Marki-Alonia liefern spannende Einblicke in Herstellung und Verbreitung. Chemische Analysen mit tragbarer Röntgenfluoreszenz zeigen: Zwar wurde das meiste Geschirr lokal produziert, doch bestimmte Gefäßtypen wurden aus anderen Regionen Zyperns importiert. Fehlbrände und Krüge belegen eine Produktion direkt vor Ort, während andere Stücke sich in Form, Technik und Erscheinung deutlich unterscheiden und daher von anderswo stammen.

Zum Repertoire gehörten Schalen, Krüge, Koch- und Vorratsgefäße. Viele Stücke tragen eingeritzte Dekore, einige zeigen bemalte Darstellungen von Tieren und Menschen. Solche Verzierungen deuten darauf hin, dass Keramik nicht nur alltagspraktisch war, sondern auch soziale und möglicherweise rituelle Bedeutung hatte. Die Einheitlichkeit bestimmter Tonmischungen an verschiedenen Fundorten spricht für etablierte Austauschbeziehungen und regelmäßige Kontakte zwischen Gemeinden.

Was Marki-Alonia über die bronzezeitliche Gesellschaft verrät

Die großflächigen Grabungen in Marki-Alonia und anderen Orten der frühen und mittleren Bronzezeit zeichnen das Bild dörflicher Gesellschaften ohne Städte und ohne fest verankerte soziale Ungleichheiten. Anders als in späteren Phasen Zyperns fehlten hier hierarchische Strukturen komplexerer Gesellschaften. Stattdessen dominierten relativ egalitäre Agrardörfer, in denen Haushalte viel Eigenständigkeit besaßen.

wikipedia-org

Trotz fehlender Urbanisierung kam es auf Zypern in dieser Zeit zu deutlichen Fortschritten. Die Metallverarbeitung nahm im Vergleich zur vorangehenden Chalkolithischen Periode stark zu. Die Fülle an Kupferobjekten in Stätten wie Marki-Alonia steht in klarem Gegensatz zur Zeit davor. Zudem gelangten importierte Güter auf die Insel, darunter Keramik, Bronzeobjekte, Schmuck und Fayence-Perlen aus Ägypten und der Levante.

Auch die religiösen Vorstellungen wandelten sich. Ähnliche Heiligtümer an verschiedenen Orten und Hinweise auf Stierkult deuten auf gemeinsame Rituale hin. Viele Gefäße hatten offenbar eine rituelle Funktion. Neue Götterbilder kamen auf, darunter auffällige, brettförmige, rotpolierte Figuren aus Gräbern, meist weiblicher Darstellung.

Marki-Alonias Bedeutung für die heutige Archäologie

Marki-Alonia ist die am umfassendsten ausgegrabene Siedlung ihrer Epoche auf Zypern. Als einziger Ort mit einer langen, lückenlosen Besiedlungsabfolge liefert er Belege für die Entwicklung der Philia-Kultur und die weitere Ausformung der bronzezeitlichen Gesellschaft auf der Insel. Die Detailfülle der Funde hat unser Verständnis dieser Periode grundlegend geprägt.

Die Forschung in Marki-Alonia wirkt weit über Zypern hinaus. Sie bereichert Debatten über die Organisation von Haushalten, das Verhältnis von Architektur und sozialer Struktur, Fragen von Migration und Ethnizität sowie den Technologietransfer. Auch die hier entwickelten Methoden zur Auswertung des Materials beeinflussen die Herangehensweise an andere Siedlungen dieser Zeit.

Bis heute liefern die Funde und Daten aus Marki-Alonia neue Erkenntnisse. Moderne Verfahren wie die tragbare Röntgenfluoreszenzanalyse erlauben es, Jahrzehnte alte Fundstücke erneut zu untersuchen und Informationen zu gewinnen, die früher nicht zugänglich waren. So bleibt Marki-Alonia ein Schlüsselort der zyprischen Bronzezeitforschung und hilft weiterhin zu verstehen, wie Menschen vor 4.000 Jahren lebten, arbeiteten und ihre Gemeinschaften organisierten.

Entdecken Sie mehr über die faszinierenden Facetten Zyperns

Salamis-Gymnasium

Salamis-Gymnasium

Das Salamis-Gymnasium zählt zu den beeindruckendsten antiken Bauwerken Zyperns. Nördlich der heutigen Stadt Famagusta an der Ostküste der Insel gelegen, zeigt dieser imposante Komplex, wie ausgeklügelt antike Zivilisationen mit körperlicher Fitness und öffentlichen Bädern umgingen. Über älteren hellenistischen Fundamenten im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet, verkörpert das Gymnasium den Höhepunkt römischer Baukunst auf Zypern. wikipedia-org…

Weiterlesen