Kition-Tempel – phönizische und hellenistische Zeit

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Kition, unter dem heutigen Larnaka an der Südostküste Zyperns gelegen, war bereits vor der Ankunft der Phönizier ein bedeutendes Siedlungszentrum der Bronzezeit. Auf dem Areal liegen fünf aufeinanderfolgende Tempel aus dem späten 13. bis späten 11. Jahrhundert v. Chr., errichtet in der späten Bronzezeit, als mykenische Achäer die Stadt bewohnten.

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Diese frühen Tempel standen in Verbindung mit Kupferschmelzwerkstätten und zeigen eine ungewöhnliche Verflechtung von Industrie und Kult. Die Kupfergewinnung trug wesentlich zum Wohlstand Zyperns bei. Forschende vermuten daher, dass entweder eine mit der Kupferproduktion verbundene Gottheit verehrt wurde oder der Metallurgie selbst eine rituelle Bedeutung zukam.

Um 1000 v. Chr. wurde der heilige Bezirk der Stadt aufgegeben, während in anderen Quartieren das Leben weiterging. Dadurch entstand eine Lücke im archäologischen Befund, bis die Phönizier den Ort zwei Jahrhunderte später neu belebten.

Historischer Hintergrund

Gegen Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. trafen die Phönizier zunächst als Händler in Kition ein und ließen sich später dauerhaft nieder. Um 850 v. Chr. errichteten sie auf den Fundamenten eines älteren mykenischen Heiligtums einen großen Tempel für Astarte. Er wurde zum wichtigsten Kultbau der Stadt und blieb über fünf Jahrhunderte in Nutzung.

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Der Astarte-Tempel war ein beeindruckendes Bauwerk. Der rechteckige Bau maß 35 mal 22 Meter. Seine Mauern bestanden aus großen Quadersteinen, teils bis zu 3,5 Meter breit und 1,5 Meter hoch. Im Inneren trugen zwei Reihen mit je sechs Säulen das Dach. Am Westende lag der heiligste Raum, das Adyton. Vor dem Tempel erstreckte sich ein großer Hof mit zwei Zugängen, den von Säulengängen mit Holzstützen auf Steinsockeln umgaben.

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Archäologinnen und Archäologen konnten vier nacheinander angelegte Fußböden nachweisen, die mehrfache Umbauten dokumentieren. Das unterstreicht die anhaltende Bedeutung des Tempels für das religiöse und städtische Leben.

Astarte, die phönizische Fruchtbarkeitsgöttin, spielte in der maritimen Kultur Kitions eine besondere Rolle. Die Phönizier setzten sie mit der zyprischen Großen Göttin gleich und später mit der griechischen Aphrodite, wodurch eine gemischte Tradition entstand. Neben Astarte verehrte die Stadt Melqart, den Stadtgott Kitions und phönizisches Pendant zu Herakles. Votivfiguren zeigen Gestalten im Löwenfell mit Keule – Darstellungen dieser lokalen Form des Herakles-Melqart.

Tempelbezirk und Kultleben

In der archaischen und klassischen Zeit wuchs der heilige Bereich stark an. Der Tempelkomplex umfasste zahlreiche Räume, offene Höfe mit gedeckten Wandelgängen (Stoa), kleine Schreine, Opferherde und Kupferschmelzwerkstätten. Diese Verbindung von Kult und Metallurgie führte eine schon in der Bronzezeit begründete Tradition fort.

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Kition verehrte viele Gottheiten und zeigt damit seinen kosmopolitischen Charakter. Neben Astarte und Melqart ehrten die Phönizier Esmun, der dem griechischen Asklepios ähnelt. Ägyptischer Einfluss zeigt sich in der Verehrung von Hathor, Bes und Horus. Inschriften nennen zudem Heiligtümer für Zeus Keraunios, Asklepios und Hygieia, Esmun-Adonis und Baal Senator. Ein Tempel für Esmun Melqart lag in der Nähe des Salzsees.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. kam es in Kition zu großen Umgestaltungen. In der Phase der Kypro-Klassik I wurden die heiligen Bezirke vollständig neu geordnet und monumentaler gefasst. Zu diesem umfangreichen öffentlichen Bauprogramm gehörten auch die Trockenlegung der Sümpfe im Gebiet von Bamboula, der Aufbau einer Entwässerung, sowie der Bau zweier Häfen – eines Handels- und eines Militärhafens.

Politischer Kontext und phönizische Herrschaft

Der Tempelkomplex Kitions bestand in einem vielschichtigen politischen Umfeld. Die Stadt stand im Lauf ihrer Geschichte unter assyrischem, ägyptischem und persischem Einfluss, bewahrte jedoch beträchtliche Autonomie. 479 v. Chr. etablierte sich eine phönizische Dynastie, die bis 312 v. Chr. über Kition herrschte. Nur 388–387 v. Chr. kam es zu einer kurzen Unterbrechung, als König Demonikos eingesetzt wurde, während König Euagoras I. von Salamis mit athenischer Unterstützung weite Teile Zyperns befreite.

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Die phönizischen Könige von Kition dehnten im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. ihren Einfluss entschlossen aus und eroberten die kupferreichen Gebiete von Idalion und Tamassos. Damit kontrollierte Kition wesentliche Bergbauregionen direkt, was den Reichtum der Stadt mehrte und ehrgeizige Bauvorhaben ermöglichte.

Nach dem Ende der Tempel

Auch nach dem Verlust seiner Tempel und der politischen Selbstständigkeit behielt Kition eine gewisse Bedeutung im Handel. Eine Gemeinschaft kitischer Kaufleute hatte sich in Athen niedergelassen und erhielt 333/332 v. Chr. die Genehmigung der athenischen Behörden, in Piräus einen Tempel für Aphrodite (Astarte) zu errichten. So blieben die religiösen Traditionen im Ausland lebendig, während in der Heimat die Heiligtümer brannten.

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Der Wandel brachte auch demografische Veränderungen. Die Bevölkerung wurde ethnisch vielfältiger: Zu den verbliebenen Phöniziern kamen griechische Siedler. Die traditionellen phönizischen Eliten verloren an Einfluss, und die Wirtschaft verlagerte sich vom maritimen und militärischen Schwerpunkt des unabhängigen Königreichs hin zu Landwirtschaft und häuslicher Produktion. Dass der ehemalige Tempelbezirk in Privatbesitz überging und nun Wein- und Ölpressen beherbergte, steht sinnbildlich für diese neue Ausrichtung.

Zypern wurde 58 v. Chr. schließlich Rom angegliedert. Obwohl Kition 76 und 77 n. Chr. von Erdbeben getroffen wurde, erlebte die Stadt unter römischer Herrschaft eine Blüte. Später erlangte sie Ansehen als die Stadt, die Lazarus empfing, der der Überlieferung nach ihr erster Bischof wurde.

Archäologische Erforschung

Systematische Ausgrabungen in Kition begannen 1929 mit der Schwedischen Zypern-Expedition. 1959 startete das Department of Antiquities unter Vassos Karageorghis intensive Grabungen in Kathari, die den Tempelkomplex und umliegende Strukturen freilegten. Nach 1974 übernahm die französische Expedition der Universität Lyon die Arbeiten in Bamboula. Dabei kamen die Zyklopenmauern, Tempelfundamente, Kupferwerkstätten und zahllose Funde ans Licht, die Kitions Geschichte erhellen.

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Zu den herausragenden Funden gehört eine assyrische Stele des Königs Sargon II., heute in Berlin; ein Gipsabguss ist im Museum von Larnaka ausgestellt. 1987 entdeckten Archäologinnen und Archäologen einen Kriegshafen des 5. Jahrhunderts v. Chr. mit sechs dokumentierten Schiffshallen, je 6 Meter breit und 38 bis 39 Meter lang, samt Gleisanlagen, auf denen Trieren unter Ziegeldächern abgestellt wurden.

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Die archäologischen Bereiche Kitions bestehen aus zwei Hauptstellen – Kathari und Bamboula – innerhalb des modernen Larnaka. Die vergleichsweise wenigen hellenistischen und römischen Funde unterstreichen den tiefen Bruch in der religiösen Kontinuität nach 312 v. Chr.

Besuch der Stätte heute

Die Ausgrabungen von Kition liegen im Stadtgebiet von Larnaka und sind an zwei Orten zugänglich. In Kathari sieht man die mächtigen Quaderfundamente des Astarte-Tempels, die Zyklopenmauern der bronzezeitlichen Befestigung und Spuren der Kupferwerkstätten, die einst neben den Heiligtümern arbeiteten. Die Dimensionen der Steinblöcke lassen die einstige Monumentalität des Tempels auch in Ruinenform erahnen.

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Der Bereich Bamboula bewahrt Spuren der Hafenanlagen und späterer Besiedlungsphasen. Zusammen bieten beide Orte einen greifbaren Zugang zu einer Stadt, die über zwei Jahrtausende hinweg blühte und deren Tempel Aufstieg und Niedergang ganzer Kulturen miterlebten.

Bedeutung des Umbruchs

Das Schicksal der Tempel von Kition zeigt, wie eng Kultbauten in der Antike mit politischer Macht verknüpft waren. Die phönizischen Heiligtümer waren nicht nur Orte der Verehrung, sondern auch Zeichen eigenständiger Herrschaft und kultureller Identität. Ihre Zerstörung markierte das Ende der lokalen Könige und den Beginn der Fremdherrschaft.

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Einige Votivfiguren wurden noch vor dem Abriss vergraben – ein Zeichen für Respekt und Frömmigkeit selbst im Moment der Zerstörung. Gleichzeitig setzte die Umnutzung der Tempelareale zu Wohn- und Alltagsbereichen ein deutliches Signal: Die alte Ordnung war vorbei.

Der Übergang von phönizischer zu hellenistischer Herrschaft veränderte ganz Zypern. Die vielen Inselkönigtümer mit eigenen religiösen und politischen Traditionen wichen einer einheitlichen ptolemäischen Verwaltung. Griechische Kultur setzte sich zunehmend durch, auch wenn ältere Praktiken in neuer Form fortlebten.

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