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Etwa 21 Kilometer südwestlich von Nikosia, in der Nähe des Dorfes Politiko, liegt eines der bedeutendsten Stadt-Königreiche des antiken Zypern: Tamassos. Es war keine Hafenstadt mit großem Kai und auch keine Metropole mit ausgedehntem Palastbezirk. Tamassos war etwas anderes.

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Tamassos war eine Macht im Inselinneren, nahezu vollständig auf einen einzigen Rohstoff gebaut: Kupfer. Über Jahrhunderte saß die Stadt auf einigen der reichsten Kupfervorkommen im östlichen Mittelmeerraum. Dieser Reichtum prägte alles – Wirtschaft und Politik, Aufstieg und Niedergang.

Historischer Hintergrund

Das Gebiet um Tamassos war bereits seit der Chalkolithischen Zeit besiedelt, lange bevor die Stadt Gestalt annahm. Kleine Bauerndörfer bestanden noch bis in die Frühe Bronzezeit. Der Wendepunkt kam jedoch, als der Kupferabbau und die Verarbeitung in größerem Maßstab einsetzten. Spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde Tamassos zu einem eigenständigen Stadt-Königreich, einem von zehn, die damals Zypern beherrschten.

Der früheste schriftliche Nachweis stammt aus einer assyrischen Inschrift von 673 v. Chr. auf dem Prisma des Asarhaddon, in der ein Ort namens „Tamesi“ als tributpflichtige Stadt des Assyrerreichs erwähnt wird. Etwa zur gleichen Zeit scheint Homer im Odysseus-Epos auf Tamassos anzuspielen und nennt es „Temese“. In der betreffenden Passage erklärt die Göttin Athene, sie reise nach Temese, um Eisen gegen Kupfer zu tauschen. Ein kleines Detail, das Tamassos jedoch sehr früh auf die Landkarte der antiken Welt setzt.

Was Tamassos besonders machte

Die meisten mächtigen Stadt-Königreiche Zyperns lagen an der Küste, mit Häfen, Handelsrouten und Zugang zum Meer. Tamassos hatte all das nicht. Stattdessen verfügte es über Kupfer – und das reichte in der Antike. Die Stadt lag direkt auf sogenannten Kissenlaven, der geologischen Quelle der Kupfererze der Insel. Bergbau und Verhüttung bildeten das wirtschaftliche Rückgrat. Werkstätten verarbeiteten das Erz, und das Metall wurde weit über Zypern hinaus gehandelt.

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Der griechische Geograf Strabon lobte die Qualität der Tamassos-Minen. Stephanus von Byzanz beschrieb die Stadt als „mesogeia“, also im Landesinneren gelegen, und hob die hervorragende Qualität ihres Kupfers hervor. Dank der fruchtbaren Umgebung und des nahen Pediaios (Pediäos) konnte Tamassos zudem Landwirtschaft und Viehzucht betreiben, doch der eigentliche Grund für seine Bedeutung blieb das Kupfer.

Fakten, die im Gedächtnis bleiben

Einige Details zu Tamassos stechen heraus: König Pasikypros verkaufte die gesamte Stadt für 50 Talente Silber an die Phönizier von Kition und zog sich danach nach Amathus zurück, wo er seine letzten Jahre verbrachte. Später nahm Alexander der Große Tamassos den Phöniziern wieder ab und übergab es als Belohnung für die Hilfe bei der Eroberung von Tyros an Pnytagoras, den König von Salamis.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde Tamassos einer der ersten christlichen Bischofssitze Zyperns. Im 10. Jahrhundert waren die Minen erschöpft, die Wirtschaft brach zusammen, und die Stadt wurde aufgegeben. Heute liegen die Dörfer Politiko, Episkopeio, Pera Orinis und Ergates direkt auf dem Gebiet des einstigen Tamassos. Die Ortsnamen erinnern an die Vergangenheit: „Politiko“ verweist auf die alte Stadt, „Episkopeio“ auf den früheren Bischofssitz, und „Ergates“ war der Wohnort der Minenarbeiter.

Die Königlichen Gräber und ihre Einblicke

Das auffälligste Überbleibsel in Tamassos sind die beiden Königlichen Gräber, 1889 vom deutschen Archäologen Max Ohnefalsch-Richter entdeckt. Beide stammen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. und zählen zu den besten Beispielen vorhellenistischer Grabarchitektur auf der Insel.

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Das größere Grab ist über einen Korridor mit mehr als elf Stufen erreichbar und führt zu einer Vorkammer und einer Hauptkammer. Wände und Decke bestehen aus Kalkstein, sind jedoch so behauen, dass sie wie ein Holzhaus wirken – mit Satteldach und Balkendetails. Dieses ungewöhnliche Merkmal wird von einigen Archäologen als möglicher Einfluss aus Anatolien oder aus phönizischen Traditionen gedeutet. Das zweite Grab folgt demselben Prinzip, zeigt aber noch detailliertere „holzartige“ Ausarbeitungen an den Flächen.

1997 wurden neben den Gräbern sechs lebensgroße Kalksteinskulpturen entdeckt: zwei Sphingen und vier Löwen, in erstaunlich gutem Zustand. An den Sphingen fanden sich Reste roter und blauer Originalfarbgebung, die konserviert wurden, bevor die Stücke in das Zypernmuseum in Nikosia gelangten. Löwen standen an Gräbern für Stärke und Schutz. Die Sphingen verbinden ägyptische und griechische Stilmerkmale – ein klares Zeichen für den kulturellen Austausch, der auf Zypern in jener Zeit stattfand.

Religion und Alltag

Das religiöse Leben in Tamassos war vielfältig. Es gab einen Tempel der Aphrodite mit einem Kalksteinaltar, Räuchergefäßen, Lampen und Tonfigurinen. Ebenso bestand ein Heiligtum für die Göttermutter Kybele. Inschriften und Funde deuten außerdem auf die Verehrung von Apollon, Dionysos, Asklepios und Artemis hin.

Ein herausragender Fund war eine große Bronzestatue des Apollon. Erhalten blieb nur der Kopf, der heute im British Museum in London ausgestellt ist und in der Fachwelt als „Chatsworth Head“ bekannt ist. Abseits der Kulte zeugen Spuren von Glas- und Keramikproduktion davon, dass Tamassos nicht nur Bergbau betrieb, sondern auch ein Zentrum für qualifiziertes Handwerk mit einer vielseitigen lokalen Wirtschaft war.

Tamassos heute

Ganz verschwunden ist Tamassos nicht. Die heutigen Gemeinden auf seinem Gebiet halten die Erinnerung lebendig. 1989 schlossen sich acht Dörfer zur Tamassos-Kulturvereinigung zusammen. Jedes Jahr Ende September organisieren sie die zweiwöchige Veranstaltung „Tamassia“ mit Querfeldein-Radrennen, Sportwettbewerben, Theater und traditionellen Spielen. Ziel ist es, die gemeinsame Geschichte zu feiern und die Verbindung der Bewohner mit der antiken Stadt unter ihren Füßen zu stärken.

Ein Besuch, der sich lohnt

Die archäologische Stätte liegt direkt außerhalb von Politiko und ist fast ganzjährig zugänglich. Hauptattraktion sind die Königlichen Gräber, ergänzt durch Informationstafeln auf Griechisch und Englisch. Insgesamt ist es ruhiger und weniger überlaufen als etwa Kourion oder Paphos. Ganz in der Nähe lohnen sich zudem das Kloster Agios Herakleidios und das Kloster Machairas – ideal für denselben Ausflugstag. Am angenehmsten sind Frühling und Herbst, doch ein Besuch ist zu jeder Jahreszeit möglich.

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Warum Tamassos bis heute zählt

Tamassos erinnert daran, dass Macht in der Antike nicht immer vom Meer ausging. Diese Binnenstadt prägte über mehr als tausend Jahre Zyperns Identität als Kupferland. Das Wort „Kupfer“ leitet sich über das lateinische „cuprum“ von „Cyprus“ ab – und Tamassos trug wesentlich zu diesem Ruf bei. Seine Königlichen Gräber, die Skulpturen und die Geschichtsschichten unter den heutigen Dörfern zeigen, wie wichtig dieser Ort einst war, auch wenn das heute viele nicht mehr ahnen.

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