Die Avakas-Schlucht ist eine 3 Kilometer lange Kalkstein-Klamm auf der Halbinsel Akamas, 16 Kilometer westlich von Paphos. Geformt wurde sie vom Avgas, einem saisonalen Bach, der nur im Winter und Frühjahr Wasser führt. Über unzählige Jahrtausende hat dieser unscheinbare Fluss die geschichteten Kalksteine durchtrennt und Wände geschaffen, die stellenweise bis zu 30 Meter aufragen.

Die Schlucht gehört zum Schutzgebietsnetz Natura 2000 und zieht laut Forstverwaltung jährlich rund 100.000 Besucher an. Besonders ist nicht nur die Höhe der Felswände, sondern vor allem die Enge des Durchgangs. An manchen Stellen verengt sich die Klamm auf gerade einmal 4 Meter, während die Felsen links und rechts steil aufragen und darüber nur ein schmaler Himmelsstreifen sichtbar ist. Wenn die Sonne durch diese Lücke fällt, entstehen eindrucksvolle Lichteffekte.
- Historischer Hintergrund
- Die versteckten Höhlensysteme in den Wänden
- Pflanzen, die an unmöglichen Orten wachsen
- Der saisonale Fluss und die Gefahr von Sturzfluten
- Wildtiere in der Schlucht
- Warum die Avakas-Schlucht wichtig für den Naturschutz ist
- Sicher in die Avakas-Schlucht
- Das Erlebnis in der Klamm
- Ein Naturwunder, das Schutz verdient
Historischer Hintergrund
Das Gestein der Avakas-Schlucht ist Kalkstein des Mamonia-Komplexes, der vor Millionen Jahren in warmen Meeren der Erdmittelzeit abgelagert wurde. In ihm stecken Lagen aus Riffbildungen, Muschelbruch und marinen Sedimenten, die zu Stein verfestigt wurden. Als Zypern aus dem Meer auftauchte und diese Schichten an Land lagen, setzte die Erosion ein.
Kalkstein ist so beschaffen, dass Wasser ihn chemisch lösen und gleichzeitig mechanisch aushöhlen kann. Im Pleistozän, vor etwa 2 Millionen bis 12.000 Jahren, begann der Avgas, sich in den Kalkstein einzuschneiden. Jede Flut brachte Sand und Kies mit, der wie Schleifpapier wirkte und den Fels abtrug. Zugleich löste leicht saures Wasser den Kalkstein Molekül für Molekül auf.

So entstand eine Karstlandschaft, wie Geologen sie nennen. Karst bildet sich, wenn Wasser Kalkstein löst und dabei Höhlen, Dolinen, unterirdische Flüsse und auffällige Formen an der Oberfläche schafft – darunter auch Schluchten. Auf der Halbinsel Akamas gibt es zahlreiche Karstphänomene; die Avakas-Schlucht ist ihr spektakulärstes Beispiel.
Die versteckten Höhlensysteme in den Wänden
In den Wänden der Avakas-Schlucht finden sich viele kleine Höhlen und Felsschutzdächer, die ohne Kletterausrüstung meist unzugänglich sind. Sie entstanden, als Wasser entlang von Schwächezonen im Kalkstein vordrang und Hohlräume aushöhlte. Manche sind nur flache Nischen von ein, zwei Metern Tiefe, andere reichen weiter in die Felswand hinein.
Diese Höhlen boten Tieren und möglicherweise schon in prähistorischer Zeit auch Menschen Schutz. Gänsegeier brüteten früher in den höher gelegenen Höhlen, bevor ihr Bestand auf Zypern zurückging. Fledermäuse nutzen einige Eingänge bis heute als Tagesquartier. Felsentauben und andere Vögel nisten in den geschützten Nischen, wo Räuber nur schwer hinkommen.

Auffällig ist auch ein großer Felsblock, der hoch oben zwischen den Canyonwänden verkeilt ist und so eine natürliche Brücke bildet. Dieser Brocken stürzte bei einem Erdbeben oder Hochwasser von den Klippen und klemmte sich im engen Abschnitt der Schlucht fest. Mit der Zeit sammelten sich kleinere Steine und Sedimente darum an. Heute wirkt der Fels wie dauerhaft fixiert – dennoch könnten künftige Fluten ihn theoretisch lösen.
Pflanzen, die an unmöglichen Orten wachsen
Das Mikroklima in der Avakas-Schlucht lässt Pflanzen gedeihen, die im sonst trockenen Klima Zyperns kaum überleben würden. Die schmalen Felswände spenden Schatten und halten Feuchtigkeit, dadurch bleibt es in der Schlucht kühler und feuchter als in der Umgebung. So finden Farnarten, wilde Feigen und andere wasserliebende Pflanzen gute Bedingungen.

Wilde Feigenbäume wachsen direkt aus Felsspalten, wo ihre Wurzeln genügend Erde und Feuchtigkeit finden. Trotz minimaler Bodenauflage können sie jahrzehntelang leben und bohren ihre Wurzeln tief in den Kalkstein, um Wasser zu erschließen. Im trockenen Sommer, wenn das Flussbett völlig ausgetrocknet ist, versorgen sie sich aus der im porösen Gestein gespeicherten Restfeuchte.

Im Frühjahr blüht an den Hängen die endemische Zypern-Tulpe. Zwei seltene Arten – Centaurea akamantis und die Akamas-Tulpe – kommen weltweit ausschließlich hier in der Avakas-Schlucht und in zwei benachbarten Schluchten vor. Die steilen Wände sind für weidende Tiere unzugänglich und schützen diese Raritäten vor Verbiss.
Der saisonale Fluss und die Gefahr von Sturzfluten
Der Avgas führt nur in der Regenzeit, etwa von November bis März, Wasser. Winterstürme im Troodos-Gebirge schicken dann Wassermassen Richtung Küste. In der engen Schlucht bündeln sich die Fluten zu einem reißenden Strom, der gefährlich werden kann.
Sturzfluten sind in der Avakas-Schlucht ein reales Risiko. Das Einzugsgebiet oberhalb sammelt Regen und leitet ihn in die Klamm. Wegen der hohen, engen Wände gibt es bei plötzlichem Wassereinbruch kaum Ausweichmöglichkeiten. Hinweisschilder am Eingang raten deshalb dringend ab, die Schlucht bei Regenprognose oder dunklen Wolken über den Bergen zu betreten.
Im Sommer liegt das Flussbett bis auf einzelne tiefe Gumpen vollständig trocken. Diese Wasserstellen versorgen die Tierwelt in den heißesten Monaten. Der Wechsel zwischen Winterhochwasser und Sommerdürre zeigt die ausgeprägten jahreszeitlichen Gegensätze im Mittelmeerklima.
Wildtiere in der Schlucht
Neben Fledermäusen und Vögeln, die in den Höhlen brüten, lebt in der Avakas-Schlucht eine vielfältige Tierwelt. Füchse nutzen sie als Korridor zwischen Küste und den Bergen im Landesinneren; ihre Spuren sind oft im sandigen Bachbett zu sehen. Im Winter, wenn Wasser fließt, laichen Frösche und Kröten in den entstandenen Tümpeln.
Schlangen sind häufig, darunter besonders die Zypern-Pferdeschlange, die Eidechsen an den Felswänden jagt. Die meisten Schlangen Zyperns sind für Menschen harmlos, dennoch sollte man beim Klettern auf Griffe achten. Die Sternagame, die größte Eidechse Zyperns, wärmt sich auf den Felsen und kann bis zu 30 Zentimeter lang werden.

Auch Greifvögel jagen hier. Der Eleonorenfalke zieht im Frühjahr und Herbst über Zypern und ist gelegentlich in der Schlucht auf der Jagd zu sehen. Manchmal kreist sogar der seltene Habichtsadler. Sie profitieren davon, dass in der engen Schlucht viele Beutetiere auf engem Raum zusammentreffen.
Warum die Avakas-Schlucht wichtig für den Naturschutz ist
Die Avakas-Schlucht ist eines der wenigen verbliebenen Wildgebiete an der Südküste Zyperns. Wegen des steilen Geländes und der saisonalen Überflutungen blieb sie von Bebauung verschont und eignete sich weder für Landwirtschaft noch für Bauprojekte. So blieb ein Stück Landschaft erhalten, das zeigt, wie große Teile der Küste vor der modernen Entwicklung aussahen.
Als Teil von Natura 2000 steht die Schlucht unter rechtlichem Schutz. Der Status würdigt die Bedeutung für seltene Pflanzen und als Lebensraum geschützter Arten. Zudem dient die Schlucht als genetisches Rückzugsgebiet für Arten, die anderswo auf Zypern verschwunden sind.
Für Geologen ist sie ein Freiluftlabor, das eindrücklich zeigt, wie Wasser Kalkstein formt. Die aufgeschlossenen Gesteinsschichten erzählen die geologische Geschichte der Region und lassen sich ohne Grabungen studieren. Studierende und Forschende nutzen die Schlucht, um Karstprozesse direkt vor Ort zu lernen.
Sicher in die Avakas-Schlucht
Der Haupteinstieg liegt beim Dorf Agios Georgios Pegeia. Eine Schotterstraße, die für die meisten Autos geeignet ist, führt zu einem Parkplatz nahe dem Eingang. Von dort folgt ein markierter Pfad dem Bachbett in die Klamm. Die Tour ist etwa 3 Kilometer hin und zurück und dauert 2 bis 3 Stunden.
Der Weg führt über Steine im trockenen Bachbett und teils über größere Blöcke, die überklettert werden müssen. Feste Wanderschuhe mit Knöchelhalt sind wichtig, denn nasse Felsen sind rutschig und der Untergrund ist uneben. Im Winter und Frühjahr kann etwas Wasser stehen – dann sind Wasserschuhe oder Sandalen hilfreich.

Im Sommer kann es heiß und streckenweise sonnenexponiert sein, auch wenn die engen Passagen Schatten spenden. Nehmen Sie ausreichend Wasser mit; in der Schlucht gibt es keine Infrastruktur. Sonnenschutz ist für den Zustieg und den Rückweg wichtig. Am angenehmsten ist ein Besuch früh morgens oder am späten Nachmittag.
Kinder können die Schlucht besuchen, brauchen aber wegen des unebenen Geländes und einzelner Abbrüche ständige Aufsicht. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist der Weg nicht geeignet. Prüfen Sie vor dem Start die Wettervorhersage und betreten Sie die Schlucht nie bei Regen oder bereits fließendem Wasser.
Das Erlebnis in der Klamm
Der Einstieg führt durch ein relativ breites Bachbett, eingerahmt von niedrigen Hügeln. Mit jedem Schritt ins Innere rücken die Felswände näher zusammen und bauen sich höher auf.
Am eindrucksvollsten ist der mittlere Abschnitt: Hier sind die Wände am höchsten und stehen am dichtesten beisammen. Sonnenlicht erreicht den Boden nur für wenige Stunden um die Mittagszeit. Die glatt geschliffenen Felsflächen zeigen mit Kurven und Auswaschungen, welche Kraft Wasser über Jahrhunderte entfaltet. Die Dimensionen lassen einen klein wirken und führen die stille Ausdauer der Natur vor Augen.
Wilde Feigen wachsen aus Rissen im Gestein, ihre Wurzeln bilden wie natürliche Leitern Muster an der Wand. Vögel nisten hoch oben in Nischen, ihre Rufe hallen durch die Klamm. Wenn keine anderen Besucher da sind, ist es erstaunlich still – nur Windgeräusche oder gelegentliche Vogelrufe durchbrechen die Ruhe.
Ein Naturwunder, das Schutz verdient
Die Avakas-Schlucht zeigt eindrücklich, was geschieht, wenn Wasser und Fels über geologische Zeit miteinander arbeiten. Höhlen, enge Passagen und glatt polierte Formen belegen natürliche Prozesse, die bis heute andauern. Jede Winterflut verändert die Schlucht ein wenig und setzt die Arbeit fort, die vor Millionen Jahren begann.

Genauso wichtig ist die Schlucht als Refugium für Arten, die es sonst nirgends gibt. Die seltenen Pflanzen an ihren Wänden existieren nur, weil hier Kalkstein, Feuchtigkeit und Schutz vor Beweidung in einzigartiger Weise zusammenkommen. Würde die Schlucht zerstört oder stark verändert, wären diese Arten unwiederbringlich verloren.