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Der Berg Olympos, auf Griechisch auch Chionistra genannt, ist der höchste Punkt einer Insel, die man eher mit Stränden als mit Gipfeln verbindet. Er liegt im Troodos-Gebirge, einem weiten Areal aus Kiefernwäldern, Felsflanken und endemischer Tierwelt, das rund ein Drittel Zyperns bedeckt. Anders als sein berühmter griechischer Namensvetter, der mit Zeus und den antiken Göttern verknüpft ist, erzählt der Olympos auf Zypern eine Geschichte von Gestein, Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten.

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Der Berg hat das ganze Jahr über unterschiedliche Gesichter. Im Winter ist er das einzige Skigebiet Zyperns. In den warmen Monaten führen Wanderwege durch Schwarzkiefernwälder zu Panoramaausblicken über die ganze Insel. Auf dem Gipfel stehen britische und zyprische Radaranlagen, daher ist der höchste Punkt selbst gesperrt. Direkt darunter gibt es jedoch zahlreiche Aussichtspunkte mit großartigen Blicken über die Landschaft.

Historischer Hintergrund

Der Olympos entstand vor rund 92 Millionen Jahren als Teil des Troodos-Ophiolithkomplexes, einem aufgestiegenen Fragment uralten ozeanischen Krustengesteins aus dem prähistorischen Tethysmeer. Im Kern besteht der Berg aus ultramafischem Gestein, vor allem serpentinisierter Harzburgit, also freigelegter oberer Erdmantel, der einst tief unter einem Meeresboden lag. Tektonische Kräfte hoben diese ozeanische Kruste durch Obduktion an und brachten sie schließlich über den Meeresspiegel – das Rückgrat des Inselgebirges entstand.

Diese Entstehung macht Troodos zu einem weltweiten Schlüsselgebiet für die Ophiolithforschung. Die Gesteine bewahren Abläufe, die sich einst tausende Meter unter dem Ozeanboden abspielten – heute an Berghängen zugänglich. Der UNESCO Geopark Troodos Ophiolite würdigt diese Bedeutung und schützt eine der vollständigsten und am leichtesten zugänglichen Ophiolith-Abfolgen der Erde.

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Der Name Olympos stammt aus der griechischen Antike. Damals trugen mehrere hohe Berge im Mittelmeerraum diese Bezeichnung, sinngemäß „Berg der Götter“ bzw. „leuchtender Gipfel“. Der Name verleiht dem Ort eine symbolische Höhe, doch der zyprische Olympos ist nicht mit der reichen Mythologie des griechischen Olympos verknüpft. Antike Bezüge führen hier eher zu Aphrodite, deren Kult seit der Bronzezeit auf Zypern beheimatet war.

Was diesen Berg besonders macht

Mehrere Merkmale heben den Olympos von anderen Mittelmeerbergen ab. Oben fällt im Winter viel Schnee – bemerkenswert für diese südliche Breite. Von Mitte Januar bis März ist die Gipfelregion meist verschneit, ideal zum Skifahren auf einer Insel, an deren Küsten die Temperaturen selten unter 10 Grad Celsius fallen.

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Der Artemis-Rundweg führt in etwa 1.850 Metern Höhe um den Gipfel und bietet eine rund sieben Kilometer lange Tour durch uralte Schwarzkiefern. Für die Runde braucht man zwei bis drei Stunden, sie erschließt die Vielfalt des Bergs ganz ohne Klettertechnik. Unterwegs begegnet man endemischen Pflanzen wie Troodos-Kiefer, Gold-Eiche und der Zedernart des Zypern-Zedernwaldes, dazu saisonalen Wildblumen wie Krokussen, Orchideen und Tulpen, die mit der Schneeschmelze aufblühen.

Zur Tierwelt gehört das Zypern-Mufflon, eine Wildschaf-Unterart, die es nur hier gibt. Mit den geschwungenen Hörnern und dem rotbraunen Fell ist es das Nationaltier der Insel und ihr größtes Wildsäugetier. Schutzmaßnahmen holten die Population seit der Mitte des 20. Jahrhunderts von der Schwelle des Aussterbens zurück. Heute leben schätzungsweise über 3.000 Tiere in den Wäldern von Troodos und Pafos – wer sie sehen will, braucht Geduld und etwas Glück.

Die Vogelwelt spiegelt Zyperns Lage auf wichtigen Zugrouten zwischen Europa, Asien und Afrika. Zwei endemische Arten brüten ausschließlich hier: Zypern-Grasmücke und Zypern-Steinschmätzer. Der jüngst als eigene Art anerkannte Zypern-Zwergohreule bewohnt heimlich die Wälder. Unter den großen Greifvögeln kreisen Habichtsadler (Bonelli-Adler) und Gänsegeier über Felsen und Kiefernhängen.

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Im Troodos-Gebiet wachsen rund 750 Pflanzenarten, davon fast 70 endemisch. Diese Vielfalt hat den Bergen den Ruf als eines der bedeutendsten Pflanzenrefugien Europas eingebracht. Die Höhenspanne vom Meer bis fast 2.000 Meter schafft Mikroklimate mit unterschiedlichen Lebensgemeinschaften – von Macchien in tieferen Lagen bis zu beinahe alpinen Bedingungen am Gipfel.

Kurioses und Wissenswertes

Auf dem Gipfel befindet sich RAF Troodos, eine britische Funkaufklärungsstation, die 1878 entstand, als Großbritannien Zypern vom Osmanischen Reich übernahm. Anfangs diente sie als Höhenstation und Lazarett, um Soldaten vor der Hitze der Ebene zu schützen. Später wurde daraus ein Radar- und Kommunikationskomplex mit der markanten geodätischen Kuppel, die man in weiten Teilen Westzyperns sieht. Die Anlage ist bis heute in Betrieb und beobachtet Aktivitäten in der Region, darunter Konflikte im Nahen Osten.

Eine lokale Überlieferung behauptet, Leonardo da Vinci habe Zypern 1481 auf seinen Mittelmeerreisen besucht. Belege gibt es dafür nicht, doch die Geschichte hält sich in den Dörfern rund um den Berg. Aus dem Spätmittelalter stammen venezianische Befestigungen aus dem 16. Jahrhundert; Reste von Mauern sind an einigen Pfaden noch erkennbar.

Am Berg fallen im Schnitt rund 1.000 Millimeter Regen pro Jahr, deutlich mehr als an der Küste mit 300 bis 400 Millimetern. Diese Feuchte speist dichte Wälder und ganzjährige Bäche – auf einer sonst trockenen Insel eine Seltenheit. Der Kontrast zwischen den kühlen, grünen Bergen und den trockenen Küstenebenen prägt Klima und Wasserhaushalt Zyperns.

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Entlang des Artemis-Wegs stehen Schwarzkiefern, die auf 500 Jahre geschätzt werden. Sie haben Holzschlag, Köhlerei und gelegentliche Brände überdauert. Ihre gedrehten Stämme und breiten Kronen sind Anpassungen an die Höhe: starke Winde, Temperaturschwankungen und saisonale Trockenheit.

Rolle des Bergs heute

Der Olympos ist das wichtigste Wildnisgebiet Zyperns und liegt im Troodos National Forest Park mit 9.337 Hektar Schutzfläche. Der Park bewahrt Lebensräume, die anderswo im Mittelmeerraum Entwicklung, Landwirtschaft und Tourismus zum Opfer gefallen sind. Die Schutzarbeit konzentriert sich auf endemische Arten, die Wiederherstellung von Lebensräumen und ein umsichtiges Besuchermanagement.

Der Berg prägt das lokale Klima, indem er Feuchtigkeit aus durchziehenden Wettersystemen anzieht. Wenn Luftmassen am Massiv aufsteigen, kühlen sie ab und es bildet sich Niederschlag. So entstehen die wenigen nennenswerten Süßwasservorkommen der Insel: Bäche aus Quellgebieten im Gebirge versorgen Felder und Orte in den tieferen Lagen.

Seine kulturelle Bedeutung geht über die Natur hinaus. In Troodos stehen neun byzantinische Kirchen und ein Kloster mit UNESCO-Welterbestatus – berühmt für Fresken und Architektur. Diese bemalten Kirchen aus dem 11. bis 16. Jahrhundert bewahren Traditionen der Ikmalerei, die sich entwickelten, als Zypern in politisch unruhigen Zeiten Zuflucht für die orthodoxe Christenheit bot.

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Dörfer an den Hängen bewahren eine Architektur und Lebensweise, die durch Höhe und Abgeschiedenheit geprägt sind. Orte wie Platres, Kakopetria und das Dorf Troodos leben von Sommertourismus, Wintersport und Spezialitäten der Landwirtschaft wie Kirschen, Äpfeln und Weintrauben. Das kühlere Klima ermöglicht den Anbau von Sorten, die an der Küste nicht gedeihen.

Warum der Berg für Zypern wichtig ist

Der Olympos ist weit mehr als geologische Besonderheit oder Freizeitrevier. Er steht für die ökologische Vielfalt Zyperns in einer Landschaft, die viele nur als mediterrane Küste wahrnehmen. Wälder, Wildtiere und winterlicher Schnee zeigen, wie viel Kontrast auf einer kleinen Insel nebeneinander bestehen kann.

Der Gipfel funktioniert als Wasserturm der Insel, fängt Niederschläge auf und speist Landwirtschaft und Städte. Ohne den Feuchteeffekt des Troodos-Gebirges wäre Zyperns ohnehin knappe Wasserbilanz noch angespannter.

Erfolge wie die Rettung des Mufflons belegen, dass gezielter Schutz Bestände stabilisieren kann. Das Gebirge bietet Rückzugsräume, in denen endemische Pflanzen und Tiere trotz des Drucks in den Tieflagen überleben. Diese Funktion wird wichtiger, je stärker Klimawandel und Entwicklung mediterrane Ökosysteme belasten.

Wer Zypern jenseits der Strände erleben will, findet am Olympos Eindrücke, die es sonst nirgends auf der Insel gibt. Kühle Luft, alte Dörfer, byzantinische Kunst und Wildnis setzen einen deutlichen Kontrast zu den Badeorten. Um die Insel zu verstehen, sollte man beide Seiten erleben: das alte Gebirgskernland und die entwickelte Küste, die international am meisten Aufmerksamkeit erhält.

und Täler

Zyperns Waldgebiete – Kiefern und Zedern prägen die Landschaft

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Zypern ist die drittgrößte Insel im Mittelmeer und umfasst 9.251 Quadratkilometer mit sehr unterschiedlichen Landschaften. Rund 19 Prozent der Fläche sind mit Wäldern bedeckt – ein bedeutender Anteil, der Kohlenstoff bindet, Sauerstoff liefert und das Klima abkühlt. Je nach Höhe, Klima und Boden unterscheiden sich die Waldzonen deutlich: In den höheren Lagen dominieren Nadelwälder, in…

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